Die drei Versprechen des Thomas Brussig

Roman | Thomas Brussig: Das gibts in keinem Russenfilm

Erst in den Westen fahren, wenn alle das dürfen. Solange nicht jeder ein Telefon besitzt, auch keines für sich beanspruchen. Und die Lektüre von Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins so lange hinausschieben, bis das Buch für alle Leser in der DDR zugänglich ist. Das sind die drei Versprechen, die der Schriftsteller Thomas Brussig bei einer Lesung im Berliner Filmtheater »Babylon« abgibt. Aber wie soll er diese »babylonischen« Schwüre halten, wenn die DDR munter weiterexistiert, die »Wende« ausfällt und Angela Merkel, statt im wiedervereinigten Deutschland unaufhaltsam nach oben zu drängen, nur durch das Backen von Apfelkuchen auf sich aufmerksam machen kann? Von DIETMAR JACOBSEN

RussenfilmWenn etwas ganz und gar Unglaubliches geschah, etwas, womit man nie und nimmer gerechnet hatte, dann sagte man in der DDR: Das gibt’s in keinem Russenfilm. Denn den Leinwanderzeugnissen aus Freundesland eilte der Ruf voraus, die Realität in puncto Realismus noch zu übertreffen.

Deshalb hatten sie es auch nicht gerade leicht in den Kinos des östlichen Deutschlands. Wer wollte schon im Gewande der Kunst derselben Tristesse wiederbegegnen, die ihn Tag für Tag ohnehin umgab? Das war etlichen Filmen aus sowjetischer Produktion gegenüber sicher sehr ungerecht. Aber der Bevölkerung eines ganzen Landes sogar die Richtung, in die sie zu träumen hatte, vorzuschreiben, ging natürlich auch zu weit.

Ein würdiger Nachfolger von Helden wie wir

Auch dass Thomas Brussig Anfang des Jahres 2015 mit einem neuen, das Zeug zum Kultbuch besitzenden Roman auftauchen würde, ganze zwei Jahrzehnte nach Helden wie wir, könnte man mit dem Wort vom Russenfilm, in dem solches nie und nimmer zu gewärtigen sei, kommentieren. Denn obwohl der Mann nicht gerade faul war seit Mitte der 90er – mehrere Filmdrehbücher und das Libretto für das erfolgreiche Lindenberg-Musical »Hinterm Horizont« bezeugen das –, liegt sein letzter Roman, Wie es leuchtet, nun doch schon elf Jahre zurück. So dass eingefleischte Brussig-Fans sich bereits zu fragen begannen: War es das am Ende gewesen mit dem Shooting-Star aus Ostberlin? Hatte Brussig zu früh und nicht aufs Kräftesparen bedacht die ganze Munition seines mit Wortwitz sich paarenden fantastischen Einfallsreichtums schon verschossen?

Allein dieser unstatthaften Vermutung stellt der Berliner Autor (Jahrgang 1964) nun – pünktlich 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung – ein Buch entgegen, das geradezu funkelt vor Ideenreichtum und sprachlicher Originalität. Einen Roman, der sein Personal fast zur Gänze der Zeitgeschichte der letzten zweieinhalb Jahrzehnte entnimmt, es aber in einer komplett unseren Erfahrungen widersprechenden Realität ansiedelt. Wichtigster Unterschied: Das, was man sich angewöhnt hat »die Wende« zu nennen, hat nie stattgefunden. Nach wie vor existiert die DDR, auch wenn das Leben ihrer Bürger nicht mehr ganz so rigoros reglementiert wird und viele Stasimitarbeiter deshalb von Gesinnungsschnüfflern zu Steuerbeamten umgeschult werden mussten.

Die etwas andere DDR

Das kleine Gemeinwesen östlich der Elbe, das sich mit Windkraft versorgt und den Weltmarkt mit seinen umweltfreundlichen Elektroautos erobert, wird in Brussigs Roman von Egon Krenz geleitet. Während Honecker bereits das Zeitliche gesegnet hat, stehen Günter Schabowski und andere aus der alten Garde noch halbwegs im Saft, Sara Wagenknecht verliest allabendlich die Nachrichten der »Aktuellen Kamera«, das »Neue Deutschland« wird von Alexander Osang auf Kurs gehalten und die Physikerin Angela Merkel hat ihr Backtalent entdeckt.

Allein Thomas Brussig selbst, der hier als Hauptfigur in seinem eigenen Roman auftreten darf, hangelt sich an etlichen Lebensstationen entlang, die tatsächliche Entsprechungen in der Vita des Schriftstellers besitzen. So sehen wir ihn an seinem Debütroman Wasserfarben sitzen, der 1991 unter dem Pseudonym Cordt Berneburger erschien. Der kometenhafte Aufstieg mit dem Wenderoman Helden wie wir macht ihn zu einem Autor, der so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass er die eingangs erwähnten drei Versprechen abgeben kann. Andere Bücher hingegen, mit deren Plot der fiktive Brussig uns Leser richtig neugierig macht, hätte sein Erfinder wohl selbst gerne geschrieben – wenn nicht, ja wenn nicht auch der Tag eines Schriftstellers aus nicht mehr als 24 Stunden bestünde.

Dichtung und Wahrheit: der doppelte Brussig

Die Steigerung von »Das gibts in keinem Russenfilm« lautete vorzeiten übrigens »Das gibts in keinem zweiteiligen Russenfilm« – und um eine Fortsetzung des Romans wäre Thomas Brussig gewiss auch nicht verlegen. Es gibt ja noch genügend Figuren der deutschen Zeitgeschichte, die in seinem neuen Roman keine oder nur beiläufige Erwähnung finden. Christa Wolf etwa, der eine zentrale Rolle in Helden wie wir zufiel, blieb diesmal weitgehend verschont. Stattdessen scheint uns die Verleihung des Literaturnobelpreises an Brussigs Schriftstellerkollegen und Mitkonkurrenten um den Titel »Autor des ultimativen deutschen Wenderomans« Ingo Schulze nicht ohne Ironie zu sein. Und auch die auf den »Turm«-Verfasser Uwe Tellkamp gemünzten Bemerkungen liest man mit großem Vergnügen und einem kleinen Schmunzeln.

Alles in allem aber sollte man eine einmal funktionierende Idee auch nicht überreizen – und mit fast 400 Seiten Dichtung und Wahrheit geht Brussig dann doch schon nahe an die Schmerzgrenze heran, für den einen oder anderen Leser sicher auch darüber hinaus. Ich glaube freilich, dass ihm das selbst nur zu bewusst ist. Deshalb wird er uns nach »Das gibt’s in keinem Russenfilm« vielleicht wieder mit einer kleineren literarischen Perle überraschen – so wie vor zwei Jahrzehnten auf Helden wie wir die wunderbare Geschichte Am kürzeren Ende der Sonnenallee folgte. Elf Jahre warten auf den nächsten Wurf wollen wir freilich diesmal nicht. Und gerne darf das nächste Werk auch mal die DDR verlassen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Thomas Brussig: Das gibts in keinem Russenfilm
Frankfurt/ Main: S. Fischer Verlag 2015
383 Seiten. 19,99 Euro

Reinschauen:
| Christoph Pollmann über Thomas Brussig in TITEL kulturmagazin

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1 Comment

  1. Der letzte Absatz trifft es wunderbar: Über weite Strecken wandelt Brussig nämlich durch die Täler zu Kalauern geschrumpfter Pointen. Das Maß an Esprit reicht zwar dafür, dass der deutsche Film daraus eine Komödie für Literaturversteher mit Bleibtreu, Möhring usw. machen kann, aber nicht für einen guten Roman. Saisonware.

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