Die geheimen Gärten von Hamburg

Kulturbuch | Ulrich Timm / Ferdinand Graf v. Luckner: Die geheimen Gärten von Hamburg

Blühende Strauchrosen, schlanke Eibenhecken und ausladende Rhododendrenbüsche zieren ›Die geheimen Gärten von Hamburg‹. Ulrich Timm und Ferdinand Graf von Luckner haben für uns Tür und Tor geöffnet, um seltene Einblicke auf sonst verborgene Anwesen zu gewähren. Ihr opulenter Bild-Text-Band bietet zahlreiche Anregungen für Gartenliebhaber. Von INGEBORG JAISER

TimmLucknerGeheime_Gaerten_Hamburg_146052Wer an Hamburg denkt, assoziiert am ehesten: Elbe, Fischmarkt, Reeperbahn. Dass Hamburg noch bedeutend mehr zu bieten hat, zeigen die Schlagworte »Grüne Metropole am Wasser« oder »Die vielleicht grünste Millionenstadt der nördlichen Hemisphäre«. Nicht nur öffentlichen Anlagen wie ›Planten und Blomen‹ oder der seit über 100 Jahren bestehende Hamburger Stadtpark verdeutlichen diese Idee. Auch zahlreiche verwunschene, verschwiegene, geheime Privatgärten zeugen davon. Orte, die sich eher nicht der Öffentlichkeit zeigen und die niemals an Events wie „Die offene Gartenpforte“ teilnehmen würden. Private Orte des Rückzugs und der Abgeschiedenheit, der Noblesse und des gehobenen Lebensstils.

Logenplätze mit Hafenblick

Wer könnte Einblick gewähren, Tore öffnen und ein paar Zweige lüften, für Neugierige und Gartenliebhaber, die nicht in den inneren Zirkel des Auserwählten gehören? Der erfahrene Landschaftsarchitekt Ulrich Timm (der übrigens lange Jahre das Gartenressort der Zeitschrift ›Schöner Wohnen‹ geleitet hat) und der kunstsinnige, auf Architektur- und Gartenaufnahmen spezialisierte Fotograf Ferdinand Graf von Luckner haben uns diesen Schritt abgenommen. Ihren Kontakten und ihrem Feingefühl ist es zu verdanken, dass sich ›Die geheimen Gärten von Hamburg‹ für uns öffnen: in ästhetischen Fotografien und fachkundigen Texten.

Auf über 200 Seiten begegnen wir rund 30 außergewöhnlichen Gärten: es sind mal Logenplätze mit Hafenblick, mal stille Kleinode hinterm Haus oder Freiräume im Wandel. Allen gemein ist eine stilsichere Inszenierung und eine enthusiastische Liebe zur Gartenkultur – ganz egal, ob die Anwesen geerbt, gemietet, gepachtet wurden. Viele Grundstücke wurden peu à peu umgestaltet und erweitert, meist von professionellen Landschaftsarchitekten, die geschickt die Formensprache der nahen Gebäude aufgriffen und – oft durch erstaunliche Umorientierungen – neue Akzente setzten. Auch wenn auf keinem der Fotografien Bewohner zu sehen sind, ahnen wir deren Vorlieben und Gewohnheiten.

Sinnliche Inspirationsquelle

So entstanden japanisch anmutende Gärten mit riesigen Solitären, überbordende Pflanzenparadiese am Stadtrand oder haarscharf abgezirkelte Beete vor Patrizierhäusern. Azaleen- und Hortensiensträucher schmiegen sich an Hänge, Buchsbaumhecken schirmen Grundstücke ab und immergrüne Magnolien säumen gepflegte Rasenflächen. Repräsentative Treppen, Natursteinteiche und Gartenmöbel setzen anregende Akzente. Wie viel Arbeit und Pflege hinter diesen verborgenen Refugien stecken mag, wird jeder gewöhnliche Hobbygärtner ehrfürchtig erkennen. Ungleich entspannter ist es daher, durch diesen stattlichen Bildband zu blättern und sich an der ausladenden Pracht zu erfreuen. Eine sinnliche Inspirationsquelle für jeden Gartenliebhaber ist es allemal – auch wenn das eigene Anwesen nicht zwischen Alster und Elbe liegt.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Ulrich Timm / Ferdinand Graf von Luckner: Die geheimen Gärten von Hamburg: Verborgene Pracht zwischen Elbe und Alster
München: DVA 2014
208 Seiten. 49,90 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gewalt? Gerechtigkeit!

Nächster Artikel

Kurze Pause

Neu in »Sachbuch«

Heil Boskop!

Gesellschaft | Front Deutscher Äpfel: Das Buch zur Bewegung Ein neues Buch rekapituliert die Geschichte der »Front deutscher Äpfel«, einer satirischen Organisation gegen Rechts. Gerade im momentanen Klima lohnt sich ein näherer Blick, findet JAN FISCHER. PDF erstellen

Wie die Welt tickt

Sachbuch | Volker Reinhardt: Machiavelli Machiavelli hat einen legendär schlechten Ruf als Propagandist zynischer Machtpolitik – zu Unrecht: Er hatte einfach ihre Mechanismen genau studiert und schonungslos und sarkastisch wie kaum jemand vor und nach ihm beschrieben. Eingebracht hat ihm das vor allem systematisches Missverstehen, üble Polemik und schlimmstenfalls Beifall von der falschen Seite, nämlich unappetitlichen Despoten aller Couleur. Warum man seine Analysen aus der Renaissance-Zeit gerade heute bestens gebrauchen kann, macht eine neue Biographie des Fribourger Historikers Volker Reinhardt klar, Machiavelli oder: Die Kunst der Macht. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Freier Mensch und freies Leben

Gesellschaft | Michael Hirsch: Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen! Das Gefühl, dass Lähmung um sich greift, ist unverkennbar. Dennoch erleben wir im Alltag eine unaufhaltsame Beschleunigung – was ist eigentlich los? Die Lähmung, so Michael Hirsch, in diesem Punkt an Slavoj Zizek anknüpfend, sei verursacht durch den in unseren Köpfen zutiefst verwurzelten Glauben an ›Wachstum‹ und ›Fortschritt‹. Und die Beschleunigung ist das Ergebnis der durch nichts und niemanden gebremsten kapitalistischen Erwerbsorientierung, vulgo Raffgier. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Cogito ergo – äh, dumm?

Gesellschaft | Peter Burke: Die Explosion des Wissens Im polnischen Słubice gleich gegenüber dem deutschen Frankfurt/Oder wurde Ende Oktober ein Wikipedia-Denkmal enthüllt. Auf seinem Sockel, einem Bücherberg, wird »das größte durch Menschen gemeinsam geschaffene Projekt« geehrt, in der Überzeugung, »dass die Wissensgesellschaft, deren Säule auch Wikipedia ist, im Stande sein wird, eine nachhaltige Entwicklung unserer Zivilisation, soziale Gerechtigkeit und den Völkerfrieden zu garantieren.« So optimistisch sind längst nicht alle, manche befürchten eher, dass nunmehr selbst unsere Hirnnahrung einer McDonaldisierung anheimgefallen sei. Auch der britische Kunst- und Medienhistoriker Peter Burke untersucht in ›Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia‹

Oper neu entdecken

Kulturbuch | Die ersten vier Bände »Opernführer kompakt« Die junge Autorengeneration meldet sich in einer Taschenbuchreihe. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH PDF erstellen