Das Genie als hilfloser Greis

Roman | Peter Härtling: Verdi

»Ich hatte nicht vor, eine Biografie zu schreiben. Es ging mir nicht darum, das Leben Verdis zu erzählen, Daten und Werke einzusammeln. Der Untertitel nennt neun Fantasien. Verdi hat nie eine geschrieben. Eine Fantasie folgt Motiven, Stimmungen. Es ist eine dem Alter angemessene Form. Ich nähere mich an Jahren dem Verdi, und ich wünschte mir waghalsig einen Austausch der Erfahrungen«, schreibt Peter Härtling in seiner dem Buch vorangestellten Kopfnote. Der neue Roman ›Verdi‹ – gelesen von PETER MOHR

VerdiDieses Genre, die behutsame erzählerische Annäherung an Künstler vergangener Epochen, hat der inzwischen 81-jährige Peter Härtling zur Meisterschaft perfektioniert. Schon vor über fünfzig Jahren entdeckte er dieses, für ihn so fruchtbare literarische Terrain, als er dem österreichischen Dichter Nikolaus Lenau in »Niembsch oder der Stillstand« ein poetisches Denkmal setzte. Es folgten nach ähnlichem künstlerischen Strickmuster Werke über den schwäbischen Dichter Wilhelm Waiblinger, über Hölderlin, Schubert, ETA Hoffmann, Schumann und Fanny Mendelssohn. Stets präsentierte Peter Härtling eine wohl austarierte Synthese aus Literatur- bzw. Kunstgeschichte und imaginierter Realität.

Nun nähert sich Härtling mit spürbarer Sympathie der letzten Lebensetappe des großen Komponisten Giuseppe Verdi (1813-1901), der nach dem triumphalen Erfolg von ›Aida‹ eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchmacht, der einerseits den Ruhm genießt, aber auch mit Argusaugen auf Neider und Kritiker schaut. Vor allem zu seinem Verleger Giulio Ricordi hat er ein ambivalentes Verhältnis. Verdi fühlt sich von ihm bedrängt, zu immer neuen Werken angetrieben. Kunst und Kommerz standen sich in diesen beiden Figuren schon damals unerbittlich gegenüber. Und Verdi wirft der Familie Ricordi Betrug bei der Abrechnung seiner Tantiemen vor.

Peter Härtling präsentiert uns Verdi als einen sensiblen, verletzlichen Menschen, der an der großen Rivalität zu Richard Wagner litt und dennoch bei dessen Tod öffentlich seine Traurigkeit bekundete, der mal das Bad in der Menge genoss und dann auch wieder die Abgeschiedenheit im familiären Kreis an der Seite seiner zweiten Frau Peppina suchte. Sie spendete ihm Ruhe und Geborgenheit und bildete einen Gegenpol zu all den Turbulenzen, die sich in seinem »öffentlichen Leben« ereigneten: die Streitigkeiten konkurrierender Sopranistinnen, die ersten Begegnungen mit dem jungen Toscanini, die erfolgreiche, aber auch kräfteraubende Zusammenarbeit mit dem Librettisten Arrigo Boito (›Otello‹ und ›Falstaff‹).

Anders als Franz Werfel, der einen opulenten, stark faktenorientierten Verdi-Roman in den 1920er Jahren verfasst hat, schlägt Härtling einen leichten, fast beschwingten Erzählton an und begegnet dem alternden Komponisten mit großer Empathie. Vor allem das Individuum hinter dem »Star« steht im Fokus von Peter Härtling. Geradezu bedrückend schildert er Verdis mit großer Angst selbst registrierte Symptome des Alterungsprozesses, als er sich in einem dunklen Zimmer nicht mehr zurechtfindet und er geradezu flehend nach seiner Frau Peppina ruft. Sie führt ihn liebevoll zu seinem Bett zurück und bekundet: »Wir werden älter.« Das musikalische Genie schrumpft zum hilflosen Greis, das ist anrührend und geht tief unter die Haut.

1897 stirbt Giuseppina Strepponi, und Verdi fällt in ein tiefes Loch. Seine letzten vier Lebensjahre sind freudlos, melancholisch-depressiv und ohne jede künstlerische Inspiration. Peter Härtling hat mit »Verdi« nicht nur erneut einen großen Künstlerroman geschrieben, sondern auch ein emotional bewegendes Buch über Freud‘ und Leid des Alters vorgelegt. »Das Schreiben ist für mich wie eine aus dem Innern kommende Lebensbewegung«, hat Peter Härtling kürzlich in einem Interview bekundet. Ja, dieses Buch kommt tatsächlich ganz tief aus dem Innern eines großen Erzählers und ist von immenser Lebensweisheit geprägt.

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Härtling: Verdi
Roman in neun Fantasien
Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag 2015
210 Seiten. 18,99 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Reinschauen

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lesen!

Nächster Artikel

Vom Golem der auszog, Freunde zu finden

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Roman | Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT HOLZMANN

Tod des unbekannten Freundes

Roman | Norbert Gstrein: In der freien Welt »Der Tod meines Freundes John in San Francisco ist mir mit wochenlanger Verspätung bekannt geworden, aber die genauen Umstände liegen immer noch im Dunkeln«, lautet der Spannung verheißende Eröffnungssatz im neuen Roman ›In der freien Welt‹ von Norbert Gstrein. Von PETER MOHR

Das Geheimnis der Tänzerin

Roman | Tanizaki Jun‘ichiro: Die Fußspur Buddhas

Satsuko und Buddha. In Deutschland kaum bekannt, ist Tanizaki Jun’ichirō (der Vorname steht traditionell hinten) einer der berühmtesten Autoren Japans. 119 Bücher hat er geschrieben, über Ästhetik, über Sex, über den Zusammenprall der japanischen mit der westlichen Kultur. Sein Altersroman Die Fußspur Buddhas mit dem Untertitel »Aus dem Tagebuch eines sonderbaren Greises« spiegelt auch die Zeit der 1960er-Jahre wieder. Von GEORG PATZER

Auf der Flucht

Roman | Nick Kolakowski: Love & Bullets

Bill und Fiona haben sich vor Kurzem getrennt. Ein guter Grund für den Boss der New Yorker Rockaway-Gang, Fiona mit der Verfolgung ihres Verflossenen zu beauftragen. Der ist ihm nämlich mit ein paar Millionen Dollar durchgebrannt. Aber so ganz sicher ist sich der Mann wohl nicht, dass sein Auftrag prompt erfüllt wird. Denn er schickt dem Flüchtigen und dessen Ex noch einen zweiten Killer hinterher. Was dann beginnt, ist eine irre Jagd von der amerikanischen Ostküste bis in die Karibik und zurück in den Big Apple zum finalen Showdown. Von DIETMAR JACOBSEN

Wie ein Wirbelwind

Roman | Carlo Lucarelli: Laura di Rimini

Schnallen Sie sich an und machen Sie sich in Carlo Lucarellis neuem Roman auf ein atemberaubendes Tempo gefasst. Rät BARBARA WEGMANN