Keine Pause, keine Ruhe, keine Kraft

Roman | Lukas Bärfuss: Die Krume Brot

»Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab«, hatte der 52-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss in seiner Dankesrede erklärt, als er 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Soeben ist sein neuer Roman Die Krume Brot erschienen. Von PETER MOHR

Bärfuss‘ Blick ist stets an den Rand unserer Gesellschaft gerichtet, er erzählt von den »Abgehängten«, die täglich Niederlagen einstecken müssen, weil sie nicht dazu gehören, weil sie Bildungsverlierer (in den Augen der Anderen: »Versager«!) sind. Der Autor weiß, wovon er schreibt, er hat selbst die Schule abgebrochen, war zeitweilig obdachlos, hat als Tabakbauer, Eisenflechter, Gabelstaplerfahrer, Gärtner und Buchhändler gearbeitet und kam mehr schlecht als recht über die Runden. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig und hat sich vor allem als Theaterautor einen Namen gemacht. Die Krume Brot ist der vierte Roman des leidenschaftlichen Aufklärers Lukas Bärfuss. »Ein Makel der Herkunft, das beruhigt sich nie. Ich werde nie das Gefühl loswerden, dass schon morgen alles weg sein kann«, hatte der Schweizer Schriftsteller vor der Veröffentlichung dieses Romans rückblickend auf seinen eigenen Lebensweg erklärt.

»Niemand weiss, wo Adelinas Unglück seinen Anfang nahm«. So beginnt die Romantragödie, in deren Mittelpunkt die als Migrantentochter in Zürich geborene Adelina steht. Wir erleben sie als Teenager und junge Frau in den 1970er und 1980er Jahren, wie sie unter familiärer Vernachlässigung, existenziellen finanziellen Problemen, körperlicher Gewalt und dem Ausschluss von der schulischen Bildung leidet. Sie kann weder lesen noch schreiben, verliebt sich in Toto und wird alsbald schwanger. Nach der Geburt der Tochter Emma ist sie allein, Toto hat sich Richtung Italien verabschiedet. Sie trifft auf den etliche Jahre älteren, vermögenden Emil, der sogar ihre Schulden bezahlt, sie aber nicht glücklich machen kann. Unbezahlte Arztrechnungen und überfällige Mietzahlungen hatten sich bei der Protagonistin angesammelt.

Was ist Glück für Adelina, die so schwer an ihrer familiären Herkunft zu tragen hat? Woher nimmt sie die Energie, sich stets aufs Neue aufzurichten, um für sich und ihre Tochter einen Weg zu finden?

Die Adelina-Figur trägt unübersehbar Züge von Lukas Bärfuss‘ Mutter. Beide waren miserable Schülerinnen, hatten keine Ausbildung und arbeiteten später als Barfrauen sowie Fabrikarbeiterinnen. Zwischendurch landet die Protagonistin noch in einer linksradikalen Mailänder Kommune, in der sie sich kurzzeitig wohlfühlt, die sich aber als Drahtzieher für Überfälle und ausgeraubte Munitionsdepot entpuppt.

Trotz der offensichtlich starken inneren Bindung an seine Hauptfigur vermeidet Bärfuss einen anklagenden Tonfall. Er macht nicht die Gesellschaft für Adelinas Schicksal verantwortlich, sondern wir erleben eine Verkettung unendlich vieler negativer biografischer Einflüsse. Ist es Mitleid oder Solidarität? Beim Leser entsteht jedenfalls eine diffuse emotionale Gemengelage, der man sich kaum entziehen kann. Bärfuss befeuert diese innere Zerrissenheit beim Leser noch durch die scheinbare Atemlosigkeit seiner Sprache. Adelinas innere Unruhe und auch ihr permanentes Aufbegehren kleidet er in stakkatohafte Sequenzen, die oft nur durch ein Komma voneinander getrennt sind.  »Wer nicht weiß, wie er finanziell durch den Tag kommt, hat keine Pause, keine Ruhe, keine Kraft!« Am Ende des Romans teilen wir die Zwiespälte, in denen sich Adelina befindet, als sie ihre Tochter Emma in »fremde Hände« abgibt. »Ein Unglück oder doch vielleicht ein Segen«, heißt es bei Bärfuss.

Die gesamte Tragödie dieses Romans, das geradezu schicksalhafte Leiden am eigenen Leben, der unerschrockene Kampf gegen die Aussichtslosigkeit – all das hat Bärfuss selbst mit knappen Worten schonungslos auf den Punkt gebracht. »Was kannst du verlieren, was du noch nicht verloren hast? Deinen Stolz? Dein Stolz hat dich doch erst in diese Lage gebracht. Achtung? Achtung ist etwas für Leute, die ihre Rechnungen bezahlen können.« Ein großartiger Roman, eine bravourös erzählte Tragödie, die das Leid körperlich fühlbar werden lässt und die den Leser in einer emotionalen Melange aus Zorn und Mitleid zurücklässt. Das schafft nur große Literatur.

| PETER MOHR

Titelangaben
Lukas Bärfuss: Die Krume Brot
Berlin: Rowohlt Verlag
223 Seiten. 22 Euro
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