Bindungswillig

Jugendbuch | Arne Svingen: Die Ballade von der gebrochenen Nase

Das stolze Individuum, ein Held, der allem trotzt und am Ende in den Sonnenuntergang trabt, aufrecht und ungebrochen in seiner emotionalen Genügsamkeit, scheint als Vorbild zu verblassen. »Kein großer Verlust«, kann man nur sagen, vor allem, wenn man sieht, was statt seiner kommt. Menschen nämlich, die bereit sind, sich auf andere einzulassen, sich zu binden. Einer von ihnen heißt Bart. Der norwegische Autor Arne Svingen erzählt uns die wild-schöne Geschichte. Von MAGALI HEISSLER

NaseBart boxt. Seine Mutter wünscht sich, dass er das lernt. Stark soll er werden, durchsetzungsfähig, nichts und niemand soll ihn unterkriegen. Das einzige, was Bart lernt, ist einstecken. Dabei kann er das gut. Zeit seines zwölfjährigen Daseins trainiert er das. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sie leben in einem vermüllten Wohnblock in einer nicht besonders gepflegten Ein-Raum-Wohnung. Manchmal gibt es Frühstück, manchmal nicht. Bart macht das mit, weil er seine Mutter liebt und sie ihn. Er unterstützt sie bei ihren Lügen vom guten Leben, das sie führen, verschweigt den Stand der Dinge grundsätzlich und geht ergeben zum Boxen, um zu lernen, wie man zuschlägt.

In der Schule ist Bart eher ein Außenseiter, wenn auch nicht ausgegrenzt. Glücklich macht ihn, dass in diesem Jahr Ada neben ihm sitzt. Ada ist freundlich. Doch dann fängt sie an, sich für Bart zu interessieren. Er ist verwirrt. Meint sie wirklich ihn? Ein paar Worte über Musik verführen ihn dazu, Ada ein Geheimnis anzuvertrauen. Leider kann Ada den Mund nicht halten. Nun soll ausgerechnet Bart beim Sommerfest singen. Das hat er noch nicht verdaut, als eines Tages Ada vor seiner Tür steht. Was nun?

Ein besonderer Held

Mit Bart hat Svingen einen besonderen Helden geschaffen. Einen verhaltenen, aber nicht verschüchterten Jungen, nicht großgewachsen, durch seine Erfahrungen klug über seine zwölf Jahre hinaus, aber noch keineswegs lebensklug. Ein Kind, das eben zum Teenager reift, neugierig auf die Welt, trotz seiner Erfahrungen nicht abweisend. Vor allem aber ist er liebesfähig. Das gibt ihm seine Reife, eine ungewöhnliche Idee, einen Helden zu gestalten. Bart ist keine Hauptfigur, die die Leserin in den Arm nehmen und beschützen möchte. Das braucht er nicht. Er weiß, dass seine Mutter ihn trotz ihrer Exzesse ehrlich liebt. Dass seine Oma ihn lieb hat und dass er eines Tages auch seinen Vater finden wird, jenen legendären John Jones aus den USA. Bart genügt schon die Überzeugung, eines Tages geliebt zu werden, um innere Sicherheit zu finden.

Besonders ist vor allem, dass er diese Zuneigung weitergeben kann. Er ist offen anderen gegenüber. Er ist nicht nachtragend. Die Leserin etwa hat es weit schwerer, Adas Tratschen zu verzeihen als Bart. Die Leserin zuckt bei der Begegnung mit dem Junkie von nebenan zusammen, die Leserin muss aufpassen, dass sie Barts Mutter nicht verachtet. Das ist sehr geschickt konstruiert.

Der kleine Held steht derart im Vordergrund, dass man leicht übersieht, wie gekonnt Svingen die anderen Figuren mit wenigen Strichen lebendig werden lässt. Auch Ada ist erst zwölf, sie muss mit der Spannung zwischen Loyalität zur besten Freundin und ihrer Sympathie für Bart fertig werden. Zudem erschrecken sie Barts Lebensumstände. Barts Oma weiß genau, dass ihre Tochter lügt, aber sie kann die Welt auch nicht ändern. Der Boxtrainer findet, dass zuschlagen können reif macht. Man muss es nicht tun, nur können sollte man es, ein Vertreter also eines ganz anderen Weltbilds.

Ein Junkie bleibt, was er ist, und ist doch ein wunderbarer Freund. Ein unbekannter Mann, der gern Vater wäre, findet keinen Sohn, aber jemanden, mit dem er sich anfreunden kann. Überraschungen und originelle Wendungen gibt es jede Menge hier. Was es nicht gibt, ist Schwulst, Kitsch und Sentimentalitäten und schon gar keine platten Lösungen.

Von Schlägen und Menschen

Der Titel des Buchs ist gut gewählt. Nicht nur wird die gebrochene Nase ein ebenso wichtiges Handlungselement wie das überzeugende Argument für die propagierte Verhaltensweise, die Geschichte ist auch voller Dramatik und hat den erforderlichen pointierten Schluss.

Das musikalische Element wird betont durch Barts Liebe zu Opernmusik und sein besonderes Talent. Natürlich geht es auch märchenhaft zu, manche Wendungen sind dem nicht fassbaren Schicksal zu verdanken und hin und wieder steht Bart kurz davor, zum Überhelden zu werden. Die Realität allerdings siegt jedes Mal und so kann man die Übersteigerungen nachsichtig den Erfordernissen des Genres zuschieben.

Das Kernthema ist ein brisantes. Es geht um die Frage, ob es besser ist, in Krisen hart zu sein und hart zu bleiben oder Schwierigkeiten gleich von Anfang zu begegnen, indem man Lösungen sucht, die die Lage ohne gebrochene Nase ändern. Bart führt das vor. Er hat durchaus Vorurteile, Schwächen und schwache Momente. Er hat Angst, beträchtliche sogar. Aber er kann vergeben und lehnt Hilfe nicht ab. Er bemüht sich, das jeweilige Gegenüber zu akzeptieren. Mit dem Akzeptieren kommt Verständnis für die Motive anderer. Zuschlagen ist keine Lösung, sich einlassen ist eine.

Sehr spannend neben der Frage, wie die ganze zuweilen recht verrückte Sache ausgeht, ist die zweite. Wie man herausfindet, was wichtig ist im Leben. Eine überraschende Einsicht wird dabei auf Englisch serviert. Das mag die eine oder den anderen im Lesepublikum abschrecken. Man sollte sich jedoch nicht irritieren lassen. Im Gegenteil ist man gut beraten, die entscheidenden Sätze sorgfältig zu übersetzen. Echte Erkenntnisse muss man sich eben erarbeiten.

Svingen setzt sich deutlich dafür ein, dass es am wichtigsten ist, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, gleich, ob man miteinander verwandt ist, bekannt oder benachbart. Zuhören, sich einlassen, trotz aller Fehler, die andere machen. Man macht selbst auch welche. Zuschlagen war gestern. Wahre Menschen handeln heute anders.

Tolle Geschichte, schön erzählt, prima übersetzt, ein besonderer Held, witziges Cover, schönes Layout. Mehr kann man nicht wünschen.

Titelangaben
Arne Svingen: Die Ballade von der gebrochenen Nase
(Sangen om en brukket nese, 2012) Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Köln: Boje 2015
187 Seiten. 12,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von kalten Elefanten

Nächster Artikel

Anfang und Ende

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

»Buchtitel Nr. 73: Es könnte ein bisschen wehtun«

Jugendbuch | John Corey Whaley: Hier könnte das Ende der Welt sein Die zweite Leiche, die der 17jährige Cullen in seinem Leben zu Gesicht bekommt, ist die seines Cousins Oslo. Ein vorhersehbarer Drogentod. Dabei ist sonst in Lily, einer verschlafenen Kleinstadt in Arkansas, nichts los. Das ändert sich. Von ANDREA WANNER

Absolut Oda

Jugendbuch | Nina Grøntvedt: Oda, absolut ungeküsst! Eine gewisse elfjährige recht eigensinnige Göre, die wir vor anderthalb Jahren etwas demütiger zurückgelassen haben, ist wieder da. Ein bisschen nachsichtiger mit anderen, aber die Nachsicht hält nicht lange vor. Die Welt ist eben immer noch für Oda da, nicht etwa umgekehrt. Oder doch? Von MAGALI HEISSLER

Wie geht’s dir?

Jugendbuch | Umberto Galimberti und Anna Vivarelli: Das große Buch der Gefühle

Bücher über Gefühle liegen für die Kleinen im Trend. Da wird gezeigt, was Angst, Wut oder Freude bedeuten, wie man mit eigenen Gefühlen umgeht und die von anderen wahr- und ernst nimmt. Und jetzt gibt es so etwas endlich auch für die Großen, freut sich ANDREA WANNER

Radikal

Jugendbuch | Lisa Bjärbo: Alles, was ich sage, ist wahr Wenn einer der Ist-Zustand unerträglich vorkommt, muss sie etwas ändern. Manchmal auch mehr als nur etwas. Wenn man allerdings knapp siebzehn ist, neigt man zu radikalen Schnitten. Alles ändern ist entschieden radikal. Alicia tut es. Die schwedische Autorin Lisa Bjärbo läßt sie in Alles, was ich sage, ist wahr erzählen, wie das Leben nach radikalen Schnitten aussieht. Von MAGALI HEISSLER

Wie es sich anfühlt, wenn man vor den Nazis gerettet werden muss

Jugendbuch | Peggy Parnass: Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete Man weiß es ja. Man hat davon gehört. Es gibt sogar ein paar Bücher darüber, dass jüdische Eltern ihre Kinder nach England oder Schweden schicken durften und ihnen dadurch das Leben retteten. Es kann einer insgeheim ganz wohlig werden bei dem Gedanken, geht es doch ums Gerettet werden. Gut, dass es Peggy Parnass gibt. Sie war eines dieser Kinder und erzählt, wie es sich wirklich anfühlt, wenn man von den Eltern derart gerettet werden muss. Von MAGALI HEISSLER