Verzweifelter Vater und souveräner Erzähler

Comic | Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt

Der hierzulande noch unbekannte französische Comiczeichner Fabien Toulmé erzählt in ›Dich hatte ich mir anders vorgestellt…‹ von der Geburt seiner behinderten Tochter. Formal und optisch eher unaufdringlich ist der Comic von einer großen Ehrlichkeit des Autors geprägt, die BORIS KUNZ sehr beeindruckt hat.

Dich_hatte_ich_mir_anders_Cover_web1Es scheint fast so, als hätte Fabien Toulmé das Schicksal geradezu herausgefordert. Die Diagnose, dass seine zweite Tochter Julia mit dem Gendefekt Trisomie 21 auf die Welt gekommen ist, kommt für ihn nicht einfach aus heiterem Himmel, sondern als Erfüllung seiner schlimmsten Befürchtungen. Bereits während der ersten Untersuchung im zweiten Schwangerschaftsmonat, dem Check der sog. Nackentransparenz, fürchtet der werdende Vater vor allem die Diagnose »Down-Syndrom«. Dabei ist der Bauingenieur und angehende Comiczeichner Toulmé nun wirklich kein Menschenfeind, hat weder besonders viel Ahnung von dieser Behinderung noch negative Erfahrungen. Er findet Trisomiekinder einfach etwas abschreckend – ebenso wie die Vorstellung, ein Kind großzuziehen, das möglicherweise noch im Erwachsenenalter nicht selbstständig leben kann und die gleiche Zuwendung braucht wie ein Kindergartenkind. Und nun passiert es also doch. Obwohl es bei sämtlichen pränatalen Untersuchungen übersehen wurde, obwohl die Ärzte selbst nach der Geburt viel länger für die Diagnose brauchen als der erschrockene Vater, der seiner Tochter gleich auf den ersten Blick ansieht, dass etwas nicht stimmt, dass sie unförmig aussieht und hässlich. Nun ist es da, das Kind mit dem Down-Syndrom, das er niemals haben wollte. Nun zwingt ihn das Leben, sich mit seinem wahrgewordenen Alptraum zu arrangieren.

Die schonungslose Offenheit, mit der Fabien Toulmé, gleichzeitig Autor, Zeichner und Hauptfigur, seine Ängste, Vorurteile und Ressentiments gegenüber seiner neugeborenen Tochter schildert, ist der stärkste und bewegendste Aspekt dieser Grahpic Novel. ›Dich hatte ich mir anders vorgestellt …‹ beschreibt die Zeitspanne vom Beginn der Schwangerschaft seiner brasilianischen Frau Patricia bis etwa zum zweiten Lebensjahr der behinderten Tochter Julia. Der Schwerpunkt der Erzählung liegt dabei auf den Tagen und Wochen nach der Geburt, auf dem schmerzhaften Prozess des Vaters, der einen Weg finden muss, seine ungeliebte Tochter lieben zu lernen und in eine Vaterrolle hineinzuwachsen, die er so niemals ausfüllen wollte.

Dabei gelingt es Toulmé immer wieder, neben den zu erwartenden Szenen in Ärztesprechzimmern und Krankenhausfluren, neben locker eingestreuten medizinischen Informationen, jene unspektakulären und konkreten Bilder aus seinem Alltag zu finden, die dem Leser seine Gefühlswelt unglaublich nahe bringen. Da ist eine Szene, in der er zum ersten Mal seine Tochter baden soll, das Wasser in die Wanne lässt – und es dann unverrichteter Dinge wieder ablaufen lässt, weil er es noch nicht über sich bringt, eine so intime Beziehung mit dem behinderten Kind einzugehen.

Lockere Aufarbeitung eines Traumas

Als Autor und Zeichner meistert Toulmé das Medium Comic souverän aber unspektakulär. Die Zeichnungen sind in einem einfachen, weichen Stil gehalten, der ein wenig an Cartoons oder an Lewis Trondheim angelehnt ist, bringen aber alle nötigen Details immer auf den Punkt. Die monochrome Farbgebung verleiht den Bildern noch ein wenig mehr Tiefe und trennt die einzelnen Kapitel voneinander. Toulmé lockert das ernste Thema immer wieder mit ausführlich erzählten komischen Szenen auf (die absurde Odyssee, in einem großen Klinikkomplex die richtige Station zu finden). Dabei findet er zwar nicht immer originelle, aber treffende symbolische Darstellungen für seine inneren Zustände (eine Ärztin, die ein Damoklesschwert auf seinen Kopf fallen lässt) und hält das Werk mit einem klaren, nüchternen Voice Over zusammen. Der Erzählduktus erinnert stark an Guy Delisle, und wer genau hinschaut, kann dieses offensichtliche Vorbild auch einmal auf einem Krankenhausflur erspähen. Doch ›Dich hatte ich mir anders vorgestellt…‹ ist keine Aufzeichnung skurriler Situationen und Begegnungen, keine Reportage über den Stand der Forschung bei Trisomie 21, sondern die Aufarbeitung eines traumatisierenden Ereignisses – so extrem sich das anhören mag. Umso erstaunlicher, wie dezent und voll leisem Humor Toulmé davon erzählen kann.

Egal, wie sehr man nachvollziehen kann, ob die Vorstellung, ein Kind mit Trisomie 21 zu bekommen, für jemanden der reinste Horror sein kann, oder ob man vielleicht sogar schon die Erfahrung gemacht hat, wie bereichernd und Freude spendend die Begegnung und Beschäftigung mit Menschen ist, die diese Behinderung haben: Dieser einfühlsame Comic kann emotional jeden erreichen, der sich auch nur entfernt für die Thematik interessiert. Er sieht unscheinbar aus, liest sich leicht und locker – und hinterlässt dennoch großen Eindruck.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Fabien Toulmé: Dich hatte ich mir anders vorgestellt
(Ce n`est pas toi que j`attendais) Aus dem Französischen von Annika Wisniewski
Berlin: Avant Verlag 2015
248 Seiten, 24,95 Euro
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| Leseprobe
| Blog von Fabien Toulmé (Französisch)

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