Die schönste Zeit im Jahr

Kinderbuch | Raphaël Baud: Herr Nashorn macht Urlaub

Das Leben ist geprägt von Verpflichtungen, Terminen, Aufgaben. All dem entkommt man eigentlich nur im Urlaub. Bei Zootieren ist das angeblich nicht anders. Von ANDREA WANNER

Baud - Herr Nashorn macht UrlaubAlso macht Herr Nashorn Urlaub. Denn »Zootier sein ist ein Beruf«, von dem sich auch ein Dickhäuter mal erholen muss. Ein bisschen Distanz zwischen sich und den Alltag bringen. Und was läge als Ziel näher für so ein Tier als Afrika? So packt Herr Nashorn seinen Koffer – einen ziemlich kleinen –, steigt zunächst in die U-Bahn, dann ins Flugzeug. Und landet in einer weiten und unglaublich schönen Landschaft, die er zwei Wochen lang einfach nur genießt.

Raphaël Baud erzählt eine reduzierte Geschichte, die sich in zwei Sätzen wiedergeben ließe. Mehr Worte braucht es aber auch nicht, da die Bilder einfach für sich sprechen. Das beginnt bereits im Zoo mit der schlichten Behauptung, Zootier zu sein wäre Arbeit. Aurélie Neyret, die auf den meist doppelseitigen Illustrationen Tiere in malerischem Ambiente zeigt, setzt das sofort witzig um: Was arbeiten die Pinguine mit den Mappen unter dem Arm, der eine gar einen Zylinder auf dem Kopf, eigentlich? Und der Reiher mit der Aktentasche, der im Vorbeigehen grüßend dem Krokodil in seinem Becken winkt? Und ist das Krokodil womöglich auch berufstätig? Die Tierporträts sind in einer gelungenen Spannung zwischen Realismus und Karikatur gehalten und korrespondieren dabei mit den Szenen. Was davon stimmt und was nicht?

Dann packt Herr Nashorn den besagten kleinen Koffer. „Was muss er alles mitnehmen?“ lädt der Text zum Mitdenken ein, was denn alles in das Urlaubsgepäck soll. Akkurat faltet das große Tier, das fast eine ganze Bildseite einnimmt, ein weißes T-Shirt zusammen. Ein kleiner Vogel schaut zu, blühende Zweige eines Strauchs umrahmen den kleinen Koffer. So sieht Vorfreude aus, eingefangen im Zwielicht eines zu Ende gehenden Tages. Wetter, Licht, Landschaft werden auch dann die bestimmenden Elemente sein, wenn Herr Nashorn am Ziel angekommen ist. Vorher sitzt er eingequetscht in der U-Bahn, braucht zwei Sitze im Flugzeug – und der Mann auf dem dritten wirkt trotzdem ziemlich eingequetscht.

Eingesperrtsein und Enge haben ein Ende, als Herr Nashorn in Afrika den Bus verlässt. Jenseits der Zivilisation wartet die Weite der Natur auf ihn. Anders als auf den vorherigen Bildern wird Herr Nashorn jetzt viel kleiner gezeigt. Endlich scheinen die Dimensionen zu passen und er nicht beinahe die Buchseiten zu sprengen. Man spürt förmlich den freier werdenden Atem. Entspannung macht sich breit. Das Bad im Teich mit den Seerosen bei untergehender Sonne wäre völlig kitschig, würde da nicht der Urlauber in seiner lachsfarbenen Badehose mit dem roten Schirmchen in der Hand stehen. Was für ein wunderbarer Kontrast, der mit Versatzstücken von Urlaubspostkarten und -fotos spielt. Der Text ist angesichts von solchen Eindrücken verstummt. Was sollte man da auch noch sagen? Ebenso wie bei dem nachfolgenden Bild, das nahezu schwarz den afrikanischen Nachthimmel zeigt mit unzähligen winzigen Sternen und im Vordergrund ein Lagerfeuer, daneben Herrn Nilpferd sitzend. Wir sehen ihn nur von hinten, spärlich beleuchtet von den Flammen des Feuers. Und natürlich darf eine Sternschnuppe am Firmament nicht fehlen.

Urlaub ist eben auch Sehnsucht. Nach Freiheit, Ungebundenheit, Ruhe. Das spürt man dieser Geschichte an. Auch weil sie schweigt, wo nichts mehr zu sagen ist.

Dann greift der Text wieder ein, schildert die Rückfahrt zum Flughafen und noch einen Einkauf – denn schließlich muss man von einer Reise auch etwas mitbringen. Herr Nashorn ist zurück. Er tritt durch das schmiedeeiserne Tor, lässt die Freiheit, die zum Urlaub gehört, hinter sich. Jetzt sind wieder andere Dinge wichtig. Auch die werden in dem bunten, fröhlichen Abschlussbild gezeigt: ein Wiedersehensfest mit seinen Freunden im Zoo. Der prägende Rhythmus, der aus der Abwechslung von Lärm und Ruhe, von fast monochromatischen Bildern und bunter Vielfalt, von großen und kleinen Formen, von Worten und deren Fehlen entsteht, macht dieses Bilderbuch zu etwas Besonderem, das einen an die Zeit im Jahr erinnert, in der das Leben so anders ist als sonst. Urlaub eben.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Raphaël Baud: Herr Nashorn macht Urlaub
(Les vacances de Monsieur Rhino, 2012)
Mit Bildern von Aurélie Neyret. Deutsche Textfassung von Andrea Lüthi
Zürich: Atlantis 2016
36 Seiten. 14,95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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