/

Invasion der Anführungszeichen

Kulturbuch | Daniel Scholten: Denksport Deutsch

Deutsche Sprache, schwere Sprache! Zahlreiche Stil- und Grammatikregeln zieren sie und bereiten nicht nur vielen Nicht-Muttersprachlern Kopfzerbrechen. Daher vergessen sie oft die Artikel, die ein wahrlich sonderbares Konstrukt sind. Von MONA KAMPE

Daniel Scholten: Denksport DeutschZudem lauern viele weitere Gefahren wie Anglizismen, die seltene Rasse Genitiv sowie die Bestseller Konjunktiv und Anführungszeichen, die sich besonders bei Journalisten großer Beliebtheit erfreuen. Müssen wir die deutsche Sprache retten?

»Rettet die deutsche Sprache, denn der Genitiv stirbt aus! Schützt sie vor der Flut an Anglizismen, die vor allem die Jugendsprache und Geschäftswelt dominieren! Beschützt das etablierte Stilwerk vor interkulturellen Einflüssen und Veränderungen!«
Verfechter der deutschen Sprache und ihrer Stilregeln beobachten diese Entwicklungen mit Skepsis und haben Angst vor einem potenziellen Aussterben ihrer Muttersprache. Vor allem im Journalismus bedient man sich gerne des »Schnöseldeutschs«, um hochtrabender und seriöser zu klingen. Daniel Scholten, deutsch-isländischer Schriftsteller und Sprachwissenschaftler, ruft in ›Denksport Deutsch‹ dazu auf, das Phänomen des scheinbar diffizilen Deutschs aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten:

»Verstand« und »Sprachzentrum«: ein einziges Missverständnis

Stellen Sie sich vor, dass es eine »immaterielle Instanz« in unserem Kopf gibt, in der Sätze (de-)konstruiert werden. Unbewusst verarbeiten wir diese in jenem »Sprachzentrum« in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit und erzeugen immense Sprechfähigkeiten. Unser »Verstand« hingegen analysiert und hinterfragt Gott und die Welt. »Zwar gibt es zwischen den beiden Instanzen eine Schnittstelle, die es uns ermöglicht, unsere Gedanken in Worte zu fassen oder umgekehrt darüber nachzudenken, was uns andere erzählen, doch darüber hinaus bleibt unserem Verstand jeder Einblick ins Sprachzentrum verwehrt« – und umgekehrt.

Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch einmal mit Betonung vor, was Sie gerade auf Ihrem Bildschirm sehen. Dabei gehen Sie unbewusst nach Regeln vor, die Ihnen bekannt sind, die Sie aber auf Nachfrage nicht formulieren können – »weil sie in einer Kiste stecken, deren Inneres verborgen ist«.
Sprache ist zwar in unserem Kopf, wir können sie aber nicht, wie angenommen, durchblicken, deshalb müssen wir sie erforschen und stoßen dabei auf Lösungen kniffeliger Grammatikfragen, die uns schon ewig beschäftigen, etwa die sonderbare Verteilung des Geschlechts bei Substantiven – Artikel genannt.

Verflixte Genderfrage: die urindogermanische Täuschung des Der-die-das

Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht? Heißt es der oder das Moment?

Das Genus-System, das wir heute gebrauchen, beruht auf einem mehrstufigen, unbewussten Entwicklungsprozess, beginnend bei den Clans, in denen die Urindogermanen vor über fünftausend Jahren lebten. Das Resultat: »In der Grammatik sind die s-Wörter (Maskulinum) das Standard-Genus und die beiden anderen spezifisch«. Alle uns neuen oder unbekannten Begriffe erhalten daher zunächst einen männlichen Artikel und behalten diesen auch, sollten keine spezifischen Kriterien dem »Sprachzentrum« zugespielt werden.

Das gestaltet sich vor allem bei Entlehnungen aus anderen Sprachen schwierig. Ein Beispiel ist das Blog, welches fälschlicherweise im Neutrum steht, obwohl es im Englischen kein Genus mehr gibt. Schuld ist das Pronomen it, welches das Substantiv im Englischen ersetzen kann und von uns eingedeutscht als Neutrum interpretiert wird. Formal gesehen sind jedoch alle Begriffe aus dem Englischen heute maskulin, da sie die ehemaligen Maskulinum-Endungen aufweisen.

Der weltmännische »Verstand« sagt ersteres, doch er liegt meist falsch. »Wer dem Sprachzentrum folgt, kann nicht irren. Deutsch ist, wie das Sprachzentrum ungestört spricht.« Gerade Journalisten, die besonders weltgewandt wirken wollen, folgen oft dem »ungesunden Menschenverstand«.

»Schnöseldeutsch« der Journalisten: Einzige Invasion des Konjunktivs und der Anführungszeichen

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es im Internet und Online-Magazinen nur so von Konjunktiven und Anführungszeichen wimmelt, wenn Zitate in- oder direkt wiedergegeben werden?
Das hat nicht nur mit dem Vervielfachen von Textveröffentlichungen zu tun, sondern auch damit, dass uns beim Schreiben die gestischen Mittel fehlen, wenn wir jemandem erzählen möchten, was ein anderer uns gesagt hat. Daniel Scholten behauptet: »Der Konjunktiv, im Deutschen auch Möglichkeitsform genannt, kann keine Möglichkeiten darstellen.« Wir denken zu viel und zu komplex und bringen daher Sprech- und Schriftkonjunktive durcheinander – das führt zu erneuten Missverständnissen, die in unserem »Verstand« entstehen.

Betrachtet man Zitate in Fernsehen, Zeitungen und Online-Medien, so sind neun von zehn so aufbereitet, dass der Urheber den Verfasser strafrechtlich verfolgen lassen könnte. Wie kommt das – haben Journalisten ihr Handwerk nicht vernünftig gelernt?
»Sie haben nur gelernt, den Eindruck zu imitieren, den der Journalismus täglich abgibt. Zum Beispiel durch das Einflechten von Zitaten im statischen Rhythmus.« Um dadurch keine Langeweile aufkommen zu lassen, bedient sich der Verfasser ein wenig literarischer Montage und bearbeitet seine direkte Rede mit dem dramaturgischen Ziel, mehr Esprit zu erzeugen. Wirklichkeit wird damit zur Fiktion, der Journalist zum Schriftsteller. »Die Fälscherei ist jedoch kein Vorsatz, die langweilige Wirklichkeit unterhaltsamer zu machen.« Die wahren Hintergründe einer Aussage bleiben ihm verschlossen, weil er nicht recherchiert, sondern sich seine eigene, phantastische Geschichte gebastelt hat – »wie viele seiner Kollegen hat der Journalist die Verwendung von Konjunktiv und Anführungszeichen nicht einmal technisch verstanden«.

»Lang lebe die deutsche Sprache!«

Klingt logisch, oder? Denn die deutsche Sprache ist durch und durch ein durchdachtes Konstrukt und viel einfacher zu handhaben, wenn wir die gewohnten Stilregeln des »Sprachzentrums« einmal dort belassen und die »geschlossene Kiste in unserem Kopf« mit neuen Perspektiven befüllen.

Gehen Sie gemeinsam mit Daniel Scholten diesen und weiteren Teilphänomenen auf den Grund und entlarven Sie in vielen anschaulichen Alltagsbeispielen klassische Lügen und Täuschungen der deutschen Spracherziehung, deren »falsche Eindrücke Erzeugnisse unseres ungesunden Menschenverstands sind«. In zahlreichen Mitdenkanstößen gelangen wir auf eine erstaunliche Reise in die Geschichte der deutschen Sprache und Grammatik, die uns hilft, unser Sprachverständnis zu vertiefen, zu vereinfachen und dem »Schnöseldeutsch« zu entkommen.

Sprache lebt und entwickelt sich mit neuen Einflüssen. Sie stirbt dadurch nicht, sondern wird – wie bereits in den vergangenen Jahrhunderten – nur noch facettenreicher und deutscher, »denn nichts ist in unserer Muttersprache so, wie es scheint«.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Daniel Scholten: Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?
München: dtv premium 2016
336 Seiten, 17,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»…dem zeitlosen Jazz ins Netz gehen…«

Nächster Artikel

The Rise Of The Dystopian Daddy: New Record Reviews

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Legenden sind resistent gegen die Trivialitäten des Details

Musik | Frederick J. Spencer: Jazz and Death

Jazz and Death Wollen wir das eigentlich wirklich so genau wissen? Vermutlich ist Billie Holiday im Manhattan Hospital am 17. Juli 1959 deswegen gestorben, weil sie sich, von Leberzirrhose und Herzschwäche eh schon stark angeschlagen, ein paar Dollarscheine in die Vagina geschoben, dadurch den dort angebrachten Katheder infiziert hat, der das Ganze an die Blase und schliesslich an die Nieren weitergeben hat, was letztlich zu einer tödlichen Nierenentzündung führte. Es war rein medizinisch sogar noch komplizierter, aber das schenken wir uns jetzt. Von THOMAS WÖRTCHE

Müllverbrennung im Abendschein

Kulturbuch | Werner Schwanfelder: Mainfranken entdecken Der kleine Kulturführer ›Mainfranken entdecken‹ lädt dazu ein, die geschichtsträchtige und durchaus romantische Umgebung Main- und Wein-Frankens kennenzulernen oder wiederzuentdecken. Dabei werden auch weniger touristisch geprägte Sehenswürdigkeiten vorgestellt. Exilkölner JÖRG FUCHS macht sich auf eine Rundreise durch seine zweite Heimat.

Wundersamer Gleichklang

Kulturbuch | Dirk Meyhöfer / Klaus Frahm: Die Architektur des Weines Längst ist im Weinberg Stille eingekehrt, wenn die Reben nach dem ersten Frost ihre Winterruhe antreten. Jetzt ist Zeit, einmal den Fokus zu verlagern: auf Menschen und Gebäude, Schaffenskraft und Ideen – rund um die ›Architektur des Weines‹. Dirk Meyhöfer und Klaus Frahm nehmen uns mit auf eine beeindruckende Reise durch die moderne Baukunst ausgewählter mitteleuropäischer Weingüter zwischen der Mosel und dem Neusiedler See, zwischen dem Rheingau und der Steiermark. Von INGEBORG JAISER

Auf 42,195 Kilometern in die Sackgasse

Kulturbuch | Matthias Politycki: 42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, weiß, welche Gefühlsachterbahnen über die geschichtsträchtige Streckenlänge von 42,195 Kilometern entstehen und welche Glückshormone im Zielbereich ausgeschüttet werden. Zugleich ist es für das Umfeld von »Marathonis« bisweilen unverständlich, warum ein solch zeitlicher Aufwand, bisweilen monotone Trainingseinheiten und das nicht endend wollende Leiden ab Kilometer 30, wo der in der Läuferszene berüchtigte »Mann mit dem Hammer« wartet, Anreize sein sollen, um einen Marathon zu absolvieren. Matthias Politycki schreibt in ›42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken‹ über

Der kosmopolitische Charme des Commissario Brunetti

Sachbuch | Elisabeth Hoffmann, Karl-L. Heinrich: Auf den Spuren von Commissario Brunetti / Katharina Holtmann: Auf den Spuren von Donna Leon in Venedig Erklären, aus welchen Gründen Commissario Brunetti bei den Deutschen so außerordentlich beliebt ist? Bei Lichte betrachtet ist er doch gar kein Italiener. Der Schein trügt, denn Brunetti hat unverkennbar preußische Züge. All die komplizierten Verbrechen aufzuklären, die ja oft weit über die Landesgrenzen hinausreichen, dazu gehört logisches Denken, ein hohes Maß an Disziplin, präzise Organisation. Von WOLF SENFF