Stadt der verlorenen Dinge

Roman | Antoine Laurain: Das Bild aus meinem Traum

Worin liegt der Reiz eines Silberbechers im Louis-quinze-Stil oder einer weinroten Gallé-Vase? Können Gegenstände eine eigene Seele haben? Oder tragen sie gar die Erinnerungen ihrer früheren Besitzer in sich? Und wie fühlt man sich, wenn ›Das Bild aus meinem Traum‹ plötzlich real wird? Antoine Laurain wagt ein betörendes Vexierspiel um wechselnde Identitäten und doppelbödige Illusionen. Von INGEBORG JAISER

Laurain - Das Bild aus meinemTraum 9783455650457»Eine Sammlung beginnt mit zweien, wenn man auf der Suche nach dem Dritten ist.« Diesen Satz notiert der gerade mal neunjährige Pierre-François Chaumont in seinem Tagebuch. Noch steht er ganz am Anfang einer eben entfachten Leidenschaft. Bald ist seine kleine Radiergummi-Sammlung auf über 100 Stück angewachsen, die er für eine horrende Summe an eine Mitschülerin verkauft.

Doch das Suchen und Aufspüren, das Horten und Zusammentragen wird ihn sein ganzes Leben lang begleiten. Angefixt vom verwunderlich feinsinnigen Onkel Edgar, einem homophilen Dandy, Lebenskünstler und Liebhaber schöner Dinge, entwickelt auch Pierre-François ein Gespür für edle Materialien und hochwertige Verarbeitung. Für ihn sind seine Schätze keine leblosen Gegenstände, sondern »bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.« Die Dinge haben eine Seele, die es zu behüten gilt.

Schwindelerregender Rausch der Auktionen

Als erfolgreicher Patentanwalt hat Pierre-François schließlich eine veritable Sammlung zusammengetragen. Doch Ehefrau Charlotte teilt nicht immer sein Faible für Baccharat-Kristallglas oder Tabakdosen aus Schildpatt. So streift Pierre-François oft allein durch Flohmärkte oder Auktionshäuser, durch die Städte der verlorenen Dinge, immer auf der Suche nach dem ganz besonderen Kick. Er liebt den Rausch der Versteigerungen, das »Gefühl von Schnelligkeit, Schwindel, zugleich Erregung und Angst«.

In einer Mittagspause entdeckt er im Pariser Auktionshaus Drouot ein Pastellbild aus dem 18. Jahrhundert und stellt mit Verblüffung fest: das altertümliche Porträt eines Mannes mit gepuderter Perücke zeigt ihn selbst. Ohne zu zögern, ersteigert er das sündhaft teure Gemälde und beginnt zu recherchieren. Am Ende seiner traumumwobenen, wundersamen, fast märchenhaften Ermittlungen löscht er seine eigene Identität aus und verwandelt sich selbst peu à peu zum Grafen von Mandragore. Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können.

Spiel mit wechselnden Identitäten

Antoine Laurains schmales, kaum 200seitiges Büchlein ist eine bewundernde Hommage an den Zauber und die Schönheit alter Gegenstände, ein leichtfüßiges Spiel mit der Frage: Was wäre, wenn? Bereits mit seinen beiden in Deutsch erschienenen Vorgängerromanen ›Liebe mit zwei Unbekannten‹ (2015) und ›Der Hut des Präsidenten‹ (2016) hat der Pariser Schriftsteller die geheimnisvolle Essenz der Dinge aufgespürt und erkundet.

Man nimmt Laurain unumwunden seine Vergangenheit als Antiquitätenhändler und Drehbuchautor ab: so kenntnisreich und liebevoll geraten seine Schilderungen, so hintergründig spannend der Plot. Kann ein bestimmtes Accessoire, ein magischer Gegenstand mit Geschichte die eigene Identität verändern? Man lässt ›Das Bild aus meinem Traum‹ am besten langsam vorüberziehen, am stimmungsvollsten begleitet von einem glasklaren Whisky und einer guten Zigarette. Ein charmantes Buch für Genießer, Connaisseure und Schwärmer: luftig, duftig und leicht – wie ein blassvioletter Seidenschal im Frühlingswind.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Antoine Laurain: Das Bild aus meinem Traum
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Hamburg: Atlantik 2016
191 Seiten, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Qual der Wahl?

Nächster Artikel

Big in Japan

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Klick und ratsch!

Roman | Nina Sahm: Das letzte Polaroid Übermütige Momentaufnahmen und eine innige Mädchenfreundschaft, trügerische Erinnerungen und die Vergänglichkeit aller Dinge sind die verbindenden Themen von Nina Sahms leichtfüßigem Erstlingsroman. Was passiert, wenn das Schicksal zuschlägt und als Andenken nur noch Das letzte Polaroid übrig bleibt? Von INGEBORG JAISER

Im Auftrag der »Abteilung«

Roman | Andreas Pflüger: Endgültig Andreas Pflüger kennt man vor allem als Drehbuchautor. Mehr als zwanzig ARD-Tatorten haben seine Ideen zur Bildschirmpräsenz verholfen. Auch Theaterstücke und Hörspiele stammen aus der Feder des 58-Jährigen. Romane freilich gibt es von ihm bisher nur zwei: Operation Rubikon von 2004 und nun, in diesem Jahr, Endgültig. Das soll sich freilich ändern. Denn die Geschichte um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron sei noch lange nicht zu Ende erzählt, bekundet ihr Erfinder im Nachwort zu seinem Roman. Von DIETMAR JACOBSEN

Argentinische Welten

Roman | María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten Fantasievoll und voller Wortspiele sind die Romane der argentinischen Schriftstellerin María Cecilia Barbetta, für die sie zu Recht ausgezeichnet wurde. In Nachtleuchten wirft sie einen freundlichen Blick auf das Ende der Ära Perón. Ganz aktuell erhielt sie den neuen Chamisso-Literaturpreis, der von der Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Dresden gestiftet wurde. Von BETTINA GUTIERREZ

Realität aus zweiter Hand

Thomas Glavinic: Der Kameramörder
Thomas Glavinic ist noch keine dreißig Jahre alt und legt nun nach ›Carl Haffners Liebe zum Unentschieden‹ (1998) und ›Herr Susi‹ (2000) mit ›Der Kameramörder‹ bereits seinen dritten vorzüglichen Roman vor. Einem ganz brisanten Sujet hat sich der gebürtige Grazer gewidmet: dem sensationslüsternen Boulevardjournalismus der privaten Fernsehsender. Von PETER MOHR

Blick in mexikanische Seele

Roman | Guillermo Arriaga: Das Feuer retten

Ein Buch so schwer wie ein Ziegelstein, so kantig, so grob und hart. Und doch übt dieser opulente Roman aus der Feder des 64-jährigen Mexikaners Guillermo Arriaga einen seltsamen Reiz aus. »Ich habe in meiner Jugend Gewalt erlebt, ich kenne die mexikanische Seele genau und ich glaube, dass wir alle unsere Herkunft nicht leugnen können«, hatte Ariaga, der seine Kindheit in einem der gewalttätigsten Viertel von Mexiko City verbracht hat, kürzlich in einem Interview mit der Wiener Zeitung erklärt. Von PETER MOHR