Die größten Wunder

Jugendbücher | Rosemary Sutcliff: Tristans Liebe / Rodney Bennett: Adlerjunge

Von Wundern zu lesen ist in Zeiten, in denen Fantasygeschichten en masse kursieren, kein Wunder. Über den Künsten von Hexen, Magiern, Fabelwesen vergisst man jedoch leicht, was die Quelle der eigentlichen Wunder ist. Die Gefühle von Menschen nämlich. Von MAGALI HEISSLER

Sutcliff Tristans LiebeRosemary Sutcliff, gleichermaßen geliebt für überzeugende Figuren wie für historische Genauigkeit, hat sich mit ›Tristans Liebe‹ einem Sagenstoff gewidmet. Ihre Version der großen Liebesgeschichte von Iseult und Tristan ist auch eine Sage geblieben, im Ton wie in der Darstellung. Der Aufbau ist streng, linear, auf die drei Höhepunkte ausgerichtet, die den Kern der Handlung bilden. Das erste Kennenlernen des Paars, die Wiederbegegnung, die der Beginn der großen Liebe ist und dem traurigen Ende. Unausweichlich laufen die Ereignisse ab, ein Mechanismus, der Vorherbestimmung suggeriert. Das aber ist eine Täuschung und eben deswegen ist die Geschichte auch für Jugendliche interessant, wenn sie bereit sind, sich auf die ungewöhnliche Erzählweise einzulassen.

Wenn Gefühle herrschen

Tatsächlich bewegen sich alle Figuren in dem Spannungsverhältnis zwischen Gefühlen und den Regeln ihrer Gesellschaft, die dazu aufgestellt, das Gefühlsleben in geordnete Bahnen zu lenken. Sie haben immer die Wahl, sich den Gegebenheiten zu unterwerfen oder dem Affekt zu folgen. Der im Vorwort erklärte Verzicht auf den zur Sage gehörenden Liebeszauber ermöglicht, Sutcliff ihre Figuren menschlicher zu zeichnen. Sie stehen nicht unter einem überirdischen, sondern unter sehr irdischem Bann und Zwängen. Das stete Hin und Her, die Unsicherheit über die Gefühle der anderen, enttäuschte Erwartungen und Fehlentscheidungen aus Enttäuschung und Trotz sind nur allzu bekannte Reaktionen.

Es gibt keine Bösen, ebenso wenig wie Gute, auch wenn das Herz der Leserin den Liebenden zufliegt. Sympathie empfindet man aber auch für König Marc oder die zweite Iseult, die ebenso leiden und falsch entscheiden. Starke Gefühle machen egoistisch, bringen Leid, den Betroffenen wie anderen. Was richtig ist, ehrenhaft, ehrlich verhindert Leid nicht. Eine Erkenntnis, die man sich nicht oft genug klar machen kann. Wie schwer Entscheidungen zu ertragen sind, ist die zweite Erkenntnis.

Auch Sutcliffs Sprache ist der alten Sage angepasst. Poetisch, aber nicht sentimental, malerisch, aber nicht verkitscht wird die Welt von Iseult und Tristan lebendig. Überlegungen werden deutlich gemacht, Gefühle klar benannt. Man muss nichts erschließen beim Lesen, es wird alles erklärt. Die Widerhaken spürte man erst, wenn man über das Geschehen nachdenkt und die Fragen kommen. Etwa, ob es Alternativen gab. Oder, ob man selbst anders handelt – mitten im Gefühlssturm.

Teufelsspuk und Menschenwille

Bennett - AdlerjungeEinen anderen Weg, die Folgen starker Gefühle zu beschreiben, geht Rodney Bennet mit seinem Roman Adlerjunge. In einer Mischung aus Fantasy und historischem Roman erzählt er packend, wie Armut und Ausbeutung auf der einen, Gier und Machtmissbrauch auf der anderen Seite sich zu einem bösen Trank mischen, dessen Gift sich in einem mitteleuropäischen Dörfchen irgendwann im Mittelalter ausbreitet.

Das erste Opfer wird Stephan, der achtjährige Sohn des Holzfällers. Sein verkrüppelter Fuß und seine Stummheit werden als Zeichen des Teufels gedeutet. Um ihn zu retten, setzen ihn seine Eltern in den Bergen aus, mit der festen Absicht, ihn heimlich zu versorgen. Aber es gibt Verräter. Und unerwartete Unterstützer.

Dass Bennett seinen kleinen Helden von einem Adler adoptieren lässt, ist ein aufregendes Element. Der Autor nützt es zum Besten. Das Zusammenleben von Stephan und dem goldenen Adler, das Wachsen ihrer Bindung und Zuneigung sind Stoff ebenso schöner wie phantasievoller Schilderungen. Atemberaubende Flüge über die Bergwelt, Jagden im Blutrausch und innige Geborgenheit sind Kennzeichen eines neuen, freien Lebens. Es erweist sich aber nur scheinbar als unendlich. Als Stephan älter wird, muss er sich entscheiden, und nicht nur einmal, wie sein Leben sein soll.

Es ist eine Geschichte voller Furcht, Hass und Blut auf einer Bühne, für deren Ausgestaltung alte Sagenmotive wie christliche Überzeugungen gleichermaßen benutzt werden, eine faszinierende Mischung. Gut und Böse, Schwarz und Weiß lassen sich leicht ausmachen, um am Ende jedoch eine Wendung ins Land der Grauschattierungen zu nehmen. Das macht diesen Roman starker Gefühle authentisch. Kein Kampf beendet das Elend ein für allemal, gleich, wie hoch der Preis ist, den man bezahlt. Man kann aber hoffen und versuchen, es besser zu machen als vorher. So der Autor.

Der Verlag ›Freies Geistesleben‹ hat die beiden Geschichten aus Anlass seines siebzigjährigen Bestehens als preiswerte Taschenbuchausgabe neu aufgelegt. Auch wenn die Bücher zu den älteren zählen – Sutcliffs Tristan und Isolde-Nacherzählung erschien erstmals 1971, Bennets Adlerjunge 1986 – sind sie nicht als Klassiker interessant, sondern als Einblick in die Welt der Gefühle und deren Macht, wie man sie heute nur noch selten findet.

Ungezähmt, wild, zerstörerisch und maßlos beglückend zugleich sind sie, nicht geleitet, nicht dem Konsum untergeordnet, an keiner Stelle sicher. »Ich möchte ferne Orte sehen und die Sitten anderer Länder erlernen und mich messen mit Männern, die nicht Eure Untertanen sind«, sagt Tristan zu seinem Vater. Mit diesen beiden kleinen Büchern kann man ihm gleich folgen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Rosemary Sutcliff: Tristans Liebe
(Tristan und Iseult, 1971). Aus dem Englischen von Bettine Braun
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2017
146 Seiten. 10,00 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

Rodney Bennett: Adlerjunge
(Eagle Boy, 1986). Aus dem Englischen von Bettine Braun
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2017
219 Seiten. 10,00 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Grandioser Fiesling vom Dienst

Nächster Artikel

Lebende Steine und leuchtende Hasen

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Tenebrien – das Land der Dünnhäutigen und Gläsernen

Jugendbuch | Lara Schützsack: Und auch so bitterkalt   Was geschieht in ihrer Familie? Melinda beobachtet. Wie sich die Dinge verändern. Wie sich die Distanz zu ihrer bewunderten älteren Schwester Lucinda vergrößert. Und wie sie nichts gegen das tun kann, was vor ihren Augen geschieht. Von ANDREA WANNER

Fremde Welt

Jugendbuch | Christoph Scheuring: Echt Große Bahnhöfe sind reizvoll. Bunt, lebendig, mit einer ganz eigenen Stimmung des unablässigen Kommens und Gehens. Zugleich sind sie altbekannte, geradezu vertraute Orte. Bis man genauer hinsieht. Dann zeigt sich, dass das Vertraute ein Stück weit Fassade ist und dahinter eine fremde Welt liegt. Der sechzehnjährige Albert stolpert unversehens dort hinein und damit in eine Geschichte auf Leben und Tod. Von MAGALI HEISSLER

Eine Geschichte von Liebe

Ylva Karlsson: Prinzen müssen draußen bleiben Einfach lieb haben, die Eltern, Großeltern, die Geschwister, ist so natürlich wie essen, trinken, schlafen. Einem Teenager aber kommt das nicht mehr so natürlich vor. Die Frage, wer wem Liebe zeigt und gibt und auf welche Weise das geschieht, wird schwierig. Bald scheint sie unlösbar, vor allem, wenn die Außenwelt in den vertrauten Familienkosmos eindringt. Ylva Karlsson erzählt davon und es ist keine Liebesgeschichte geworden, sondern wunderbarerweise eine Geschichte von Liebe. Von MAGALI HEISSLER

Wahre Freundschaft

Jugendbuch | Andreas Steinhöfel und Melanie Garanin: Völlig meschugge?!

Richtige Freunde halten zusammen. Immer. Gehen gemeinsam durch dick und dünn, meistern schwierige Situationen und Krisen. Davon gehen die Teenager Charly, Benny und Hamid fest aus. Und dann kommt alles ganz anders. Von ANDREA WANNER

Bindungswillig

Jugendbuch | Arne Svingen: Die Ballade von der gebrochenen Nase Das stolze Individuum, ein Held, der allem trotzt und am Ende in den Sonnenuntergang trabt, aufrecht und ungebrochen in seiner emotionalen Genügsamkeit, scheint als Vorbild zu verblassen. »Kein großer Verlust«, kann man nur sagen, vor allem, wenn man sieht, was statt seiner kommt. Menschen nämlich, die bereit sind, sich auf andere einzulassen, sich zu binden. Einer von ihnen heißt Bart. Der norwegische Autor Arne Svingen erzählt uns die wild-schöne Geschichte. Von MAGALI HEISSLER