/

Einen Bestseller schreiben

Kulturbuch | Christian Eichler: 90, oder: Die ganze Geschichte des Fußballs in neunzig Spielen

Ob man dem Titel trauen darf? Was ist das überhaupt, eine Geschichte des Fußballs? Eine Wagenladung voll Stars, eine Liste der großen Siege, der phantastischen Tore – könnte ja sein. Genauso jedoch gehören die tiefen Abstürze dazu, die Niederlagen, und man würde gern etwas erfahren über die Einflüsse von Politik auf Fußball. Von WOLF SENFF

Eichler - 90 - 978-3-426-30139-5 | FußballTaktik, ja, von Taktik erzählt die Publikation ebenfalls, und zwar in größerer Dimension: vom Umbruch im englischen Kraftfußball – Athletik, Wucht, hohe Bälle – zum ›schönen Paßspiel‹, den das Spiel England gegen Österreich (7. Dezember 1932) exemplarisch widerspiegelt. Von der Ära Cruyff/Guardiola beim FC Barcelona mit Präsenz im Mittelfeld, Bewegung, Paßspiel und Pressing, von der Ablösung Jürgen Klinsmanns bei Bayern München als Grundlage für eine taktische Neuausrichtung.

Weihnachten 1914

Man wird an einzigartige Details erinnert – an die Selbsteinwechslung Günter Netzers im DFB-Pokalendspiel 1973 oder an das grandiose Elfmetertor des Tschechen Antonin Panenka im EM-Endspiel gegen Deutschland 1976, einen ›Chip‹ in die Mitte des Tores, der vom Italiener Andrea Pirlo im Viertelfinale der Europameisterschaft 2012 identisch inszeniert wurde, gegen England, ebenfalls im Elfmeterschießen.

Ein Durcheinander, schlecht sortiert? Nein, im Gegenteil, man staunt über die zugrundeliegende Gestaltung, die thematische Fäden auslegt, an die der Autor in anderen dieser neunzig ausgewählten Spielberichte anknüpft. Christian Eichler zeigt Auswirkungen des historischen Geschehens auf den Fußballbetrieb und als Beispiel für die dem Fußballsport innewohnende Kraft jenes Fußballspiel, das zu Weihnachten 1914 an der Westfront zwischen den deutschen und englischen Feinden stattfindet.

Mitreißend

Ein anderes Beispiel für die Verflechtung von Fußball und Historie ist die Tatsache, dass Johan Cruyff aus Protest gegen den spanischen Diktator nicht zu der von diesem favorisierten Mannschaft Real Madrids, sondern zum FC Barcelona wechselte. Wir lesen eine nüchterne, umfassende Darstellung, die nicht auf Ruhm, Glanz, Gloria und Hochleistung reduziert ist. Es gelingt Eichler, den Lesern die eigentümliche Faszination des Fußballsports zu vergegenwärtigen.

Ergreifend, wie Eichler Andrés Iniesta im WM-Finale 2010 beschreibt – aber sind Fußballer denn Künstler? Gewiss, Fußball kann eine hohe Kunst sein, wir lesen diese Bewunderung Eichlers auch in seinen Passagen über Günter Netzer, doch hier wie dort entsteht der Eindruck, der Autor werde von seiner eigenen Liebe zum Fußball mitgerissen, er hebt ab, doch man möchte ihm das nicht ankreiden, es trägt zum Lesevergnügen bei.

Ausgeblendet

Eichler verschweigt uns nicht die tiefe Trauer Andrés Iniestas über den Tod des sechsundzwanzigjährigen Freundes Dani Jarque, des Kapitäns von Espagnol Barcelona, an plötzlichem Herzversagen, doch das Thema Doping bleibt in dieser Publikation tabu, Fußball und Politik spielen nur eine Rolle, soweit es um Vergangenheit geht.

Und schließlich entsteht leider doch beim Rezensenten der Eindruck, dass reichlich ›gemenschelt‹ und immer mal wieder ein Spiel als dramatischer Einsturz bzw. völlig unerwarteter Triumph geschildert wird. Das ist erneut viel Fußballromantik, und man vermisst klaren Realitätsbezug, sprich: Wer oder was sind Hooligans? Gab es keine Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 1985? Was geschah 1989 im Hillsborough Stadion? Und kein Wort über schmierige Aktivitäten der FIFA? Wie eng miteinander verklebt sind Fußball und Geld? Anstößige Millionentransfers? All das bleibt ausgeblendet, es wäre ja aktuelle Politik, und je mehr man liest, desto mehr vermisst man es, zumal der Titel »die ganze Geschichte des Fußballs« angekündigt hat.

Ganz nach Rezept

Die Absicht, einen Bestseller zu schreiben, ist offensichtlich. Nein, Kratzer im Lack mögen wir nicht, und schon gar nicht mögen wir leiden, wenn Klugscheißer uns auf Dinge hinweisen, die schon die Medien mit großem Aufwand aus unserer Wahrnehmung fernhalten. Probleme, ach Probleme gibt’s genug, da müsse ja nicht der Schnee von gestern aufgewärmt werden. Wirklich nicht? »Schnee von gestern«?

Klar auch, dass als erstes Spiel das Endspiel der Weltmeisterschaft 2014 geschildert wird mit dem Treffer Mario Götzes in der Verlängerung, wir sind Weltmeister, und ebenso klar als letztes Spiel der Kantersieg gegen Brasilien auf derselben Weltmeisterschaft. Ein Bestseller halt nach überschaubarem Rezept. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Christian Eichler: 90 oder: Die ganze Geschichte des Fußballs in neunzig Spielen
München: Droemer 2017
512 Seiten, 16,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Jazz-Avantgarde wird alt und wirkt jung

Nächster Artikel

Widerstand ist zweckmäßig

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Es tickt die Zeit, das Jahr dreht sich im Kreise

Menschen | Literaturkalender 2018 Gleich nach den Sommerferien tauchen sie auf: die ersten Lebkuchen im Supermarkt, in den Buchhandlungen die Kalender für das nächste Jahr. Zu den lukullischen Vorboten folgen literarische. Wer sich noch nicht durch seinen Lieblingskalender geblättert hat, findet hier zur Einstimmung einen Ausblick auf alte Bekannte und neue Entdeckungen. Von INGEBORG JAISER

War Gaddafi Existentialist?

Kulturbuch | Charlie Nash: »Gaddafi, Existentialist«

Vor 50 Jahre, am 14. Mai 1973, hielt Muammar al-Gaddafi in Tripolis eine Rede über Existentialismus. Libyen sei daran nicht interessiert, weil man das letzte Geheimnis der Existenz, das auch die Wissenschaft nicht erklären kann, mit Religion beantworte. Der britische Journalist Charlie Nash tritt den Gegenbeweis an. Sein kurioses Büchlein »Gaddafi, Existentialist« entdeckt einen existentialistischen Faden in Leben und Werk des libyschen Revolutionsführers, Despoten, Außenseiters und Visionärs. Eine faszinierende Neuinterpretation – die das schillernde Gaddafi-Enigma durch das Prisma der Philosophie betrachtet. Von SABINE MATTHES

Für immer geschlossen

Kulturbuch | 169 Jahre Grotemeyer

Ich habe zunächst überlegt, ob das Buch, das ich vorstellen möchte, nicht zu regional ist, aber: Manchmal liegt im Regionalen ja auch die ganze Welt. Das Kaffeehaus Grotemeyer in Münster, das nach 169 Jahren für immer nun geschlossen bleibt, es steht in der Tradition der alten Kaffeehäuser, die man schnell mit den österreichischen Originalen in Verbindung bringt, es gibt sie aber auch hier, oder besser, es gab sie. Da kommt – so meint BARBARA WEGMANN – schon etwas Melancholie auf.

Subtilitäten & Tricks des Realismus

Kulturbuch | James Wood: Die Kunst des Erzählens Daniel Kehlmann, dem wir wohl die Möglichkeit zur Bekanntschaft mit James Woods ›Die Kunst des Erzählens‹ verdanken, schreibt in seinem Vorwort zu der nicht immer gelungenen Übersetzung Imma Klemms, er habe das in New York gekaufte Buch verschlungen & gleich noch einmal gelesen. Mir ging es genauso jetzt mit der deutschen Ausgabe & ich bin sicher, ich werde noch öfters zu den 12 Kapiteln & ihren vielen Untertiteln zurückkehren, mit denen der in England geborene, jetzt in den USA lebende & beim ›New Yorker‹ publizierende Literaturkritiker seine Überlegungen zur Kunst des Erzählens

Der Western bleibt

Sachbuch | Anmerkungen zu Thomas Klein: Geschichte – Mythos – Identität. Zur globalen Zirkulation des Western-Genres Man sollte über den Western vielleicht keine nüchternen Texte verfassen, das ist nur unter Schwierigkeiten möglich, und Thomas Klein weist in seiner hier rezensierten grundlegenden Untersuchung zurecht wiederholt darauf hin, dass dieses Genre sich facettenreich entwickelt und sich erfolgreich behauptet, indem es seine Erscheinung chamäleongleich verändert. Nun denn. Vielleicht gibt es dennoch einige Leitfäden. Von WOLF SENFF