Aus sich herausgehen

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Kinderbuch | Elana K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren

Manchmal fühlt man sich nur bei sich selber wohl. Die Welt außerhalb ist recht unsicher, Menschen geradezu beängstigend. Tiere sind viel bessere Freunde. Ob das stimmt, davon erzählt die US-amerikanische Autorin Elana K. Arnold in einem rundum überraschenden Kinderbuch. Von MAGALI HEIẞLER

Arnold - Keine Angst vor Stinktieren - 9783551556813Bat ist ein besonderes Kind. Er hat Eigenheiten, die anderen seltsam vorkommen. Bat stört das nicht. Für ihn sind die anderen seltsam. Am besten kommt er mit ihnen zurecht, wenn sie ihn sein lassen, wie er ist. Was ihm besonders gefällt, ist sein Name. Tatsächlich setzt dieser sich aus den Anfangsbuchstaben seiner drei Vornamen zusammen, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass es ein Tiername ist. Bat liebt Tiere. Er will alles über sie wissen, sich um sie kümmern, mit ihnen zusammen sein. Auch sein Beruf steht schon fest, er wird Tierarzt werden.

Am Umgang und an Informationen über Tiere mangelt es nicht, Bats Mutter ist Tierärztin. Eigentlich könnte er rundum glücklich sein, gäbe es nicht das Problem, dass er mit anderen Menschen umgehen muss. Mit der älteren Schwester Janie gelingt es ihm einigermaßen, aber die Kinder in der Schule verwirren ihn. Er findet ihr Verhalten rundum rätselhaft.

Als seine Mutter eines Abends ein Stinktierjunges mitbringt, ist Bat selig. Von nun an wird er sich einzig auf den Kleinen konzentrieren. Dummerweise entpuppt sich ausgerechnet das kleine Stinktier als das Wesen, dessentwegen Bat sich ernsthaft mit anderen Menschen befassen muss.

Endlich!

Dieses Kinderbuch ist in vieler Hinsicht ein besonders gelungenes. Die Themenvielfalt, die Figurenzeichnung, die Erzählweise, was immer Arnold einsetzt, es lässt die Leserin staunen bis zum Entzücken. Die Wahl eines kleinen Stinktiers ist so gesehen die Kirsche auf der Sahne, zugleich aber wichtiger Bestandteil der Konstruktion. Stinktiere sind keine Haustiere, die Fürsorge in privaten Händen anspruchsvoll, die baldige Trennung von ihnen unausweichlich. Es geht in diesem Buch also um Ernstes, Schwieriges, Trauriges.

Die Hauptfigur, der ca. achtjährige Bat, hat deutlich mit einer Form von Autismus zu kämpfen. Der Begriff wird nie genannt. Arnold bleibt dicht bei ihrem Protagonisten, man sieht die Welt aus seinen Augen. Sein Verhalten, etwa, dass er Ohrwärmer aufsetzt, wenn es ihm zu laut wird, oder mit den Armen rudert, wenn er sich aufregt – er regt sich leicht auf-, werden nur aufgeführt wie Charaktereigenschaften oder Augen- und Haarfarben. Dass sich andere Kinder über ihn lustig machen, wird erwähnt, aber nicht zum Thema.

Im Unterschied zu der erklecklichen Zahl von Kinder- und Jugendbüchern, in denen Krankheiten und Entwicklungen jenseits der geltenden Norm hervorgehoben werden bis zur Apotheose, erzählt Arnold eine richtige Geschichte, originell, facettenreich, eigenständig, unsentimental, dem Alltag verbunden. Kein Trend hier, keine Modeerscheinung, keine Imitation, sondern eine neue Stimme mit einer neuen Geschichte über ein ernstes Thema. Endlich!

Kontakte knüpfen

Die Autorin hat selbst ein Herz für Stinktiere und eine US-amerikanische Forschungsstation mitsamt ihrem offenbar beeindruckenden Leiter gehört zu dem, was in diesem Kinderbuch begeistert aufgeführt wird. Eine Fülle Informationen über Stinktiere findet sich ebenfalls. Das Tierchen selbst wird in all seiner Niedlichkeit und Hilfsbedürftigkeit beschrieben.

Sentimentalitäten und Süßliches dagegen gibt es auch nicht. Das darf das Publikum ganz nach persönlichem Geschmack für sich selbst ausmalen. Arnold liefert höchstens die Zutaten.
Die Vignetten von Maja Bohn fangen das exakt ein. Der Kleine ist putzig, aber immer ein Tier, nie Kuschelpüppchen. Sachlich-herzlich ist die Sprache, sorgfältig in klares Deutsch übertragen, das sich mühelos auch schon von Jüngeren lesen lässt.

Das eigentliche Thema ist Bat – und seine Schwierigkeit, mit Menschen Kontakt aufzunehmen. Er ist nicht fähig, Mienenspiel, Blicke, Gestik zu deuten. Der Moment, in dem das kleine Stinktier die Augen aufschlägt, wird auch zu dem, in dem Bat zum ersten Mal ernsthaft anfängt, sich über den Blick in die Augen anderer Menschen Gedanken zu machen, eine wunderbare Ausführung eines so alten Motivs, zumal in einem Kinderbuch.

Dabei belässt es die Autorin jedoch nicht, im Gegenteil lässt sie ihren kleinen Helden sein eigenes Merkmal finden, das ihm hilft, andere Menschen zu entschlüsseln. Das ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, welche Wunder geschehen, wenn eine Autorin ihrer Figur vertraut. Die Logik des Ganzen ist bezwingend, vermeintliche Normalität herrscht unangefochten.

Die Interaktion zwischen Bat und der älteren Schwester Janie, zwischen Bat und seiner Mutter, oder auch dem Lehrer sind lebendiger Alltag, ebenso die Streitereien, Missverständnisse und Annäherungsversuche der Mitschülerinnen und Mitschüler. Auch wenn es keinen Zweifel daran gibt, dass Bat in nicht allzu ferner Zukunft sein Stinktier wird aufgeben müssen, so hat er am Ende doch viel dazugewonnen, sogar einen Freund. Das Leben ist einfach aufregend und voller Überraschungen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Elana K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren
(2017 A Boy Called Bat, übers. von Sylke Hachmeister)
132 Seiten. 10,99 Euro
Hamburg: Carlsen 2017
Kinderbuch ab 8 Jahren
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