Fernweh und Heimweh

Kinderbuch | H. Knoblich, M. Mair: Xaver im Uhrenland

Ist man zu Hause, sehnt man sich in ferne Länder. In fernen Ländern angekommen, denkt man auf einmal sehnsüchtig an zu Hause. Ganz besonders an Weihnachten. Wie es dazu kommt und wie es sich anfühlt, erzählen Heidi Knoblich und Martina Mair sowohl spannend als auch überzeugend in ihrer neuen Weihnachtsgeschichte. Von MAGALI HEIẞLER

Xaver-im-Uhrenland Es war einmal … So könnten Knoblichs Geschichten beginnen, aber was sie erzählt, liegt nur so lange zurück, dass die Ereignisse fast märchenhaft wirken. Doch sie sind wahr. Knoblich schöpft aus dem Alltag.

Xaver mit seinen dreizehn Jahren geht nicht mehr zur Schule, er hütet Ziegen. Das ist nicht einfach, er muss schon aufpassen. Eben das liegt ihm nicht, er träumt gern. Am liebsten davon, dass er Uhrenhändler wird. Uhrenhändler sind wichtige Männer. Das ist es jedoch nicht, was Xaver anzieht. Was ihn fasziniert, ist, dass Uhrenhändler in ferne Länder ziehen. Was es da alles zu sehen und zu erleben gibt!

Uhren interessieren ihn auch. Er versteht einiges davon, hilft er doch in den wenigen freien Stunden dabei, sie zu verpacken, damit sie an die Händler in fernen Ländern verschickt werden können. Aber der Vater sieht Xavers Zukunft anders. Die Mutter versteht ihn besser, weil ihr Bruder Johann Uhrenhändler in England ist. Dann geschieht etwas Wunderbares. Der Onkel nimmt Xaver tatsächlich mit. Das Leben in London ist aber alles andere als einfach. Es wäre viel schöner, zu Hause bei den Eltern und Geschwistern zu sein. Ganz besonders, weil Xaver etwas angestellt und sich in eine Patsche gebracht hat. Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten!

Große Gefühle

Weihnachten ist die Zeit großer Gefühle und Knoblich nützt das weidlich aus. Allerdings kennt sie ihr Publikum gut und bedient sich deswegen nicht vordergründig Sentimentalem, sondern gräbt tiefer: in den dunklen Ecken. Da geht es um Eitelkeit, Selbstüberschätzung, Eifersucht und Übereifer. Um Vorwitz und Übermut, der eben meist nicht gut tut. Das macht ihre Figuren quicklebendig und steigert die Spannung.

Süßlich ist hier nichts. Im Gegenteil war der Alltag vor gut 150 Jahren, die Zeit, in der die Geschichte spielt, hart. Die Dürftigkeit wird eher beiläufig eingefügt, etwa, dass Xaver normalerweise keine Schuhe trägt, wie kärglich die Mahlzeiten sind oder eben, dass bereits Kinder arbeiten und nicht wenig.

Ebenso beiläufig wird einiges Wissen über den damaligen Schwarzwälder Uhrenhandel und die Uhren eingefügt. Darüber würde man gern mehr erfahren, zumal es für Xaver so wichtig ist. Das Leben in England gerät ein wenig verkitscht-nostalgisch, es gelingt der Autorin aber durch den Vergleich von dortigen und hiesigen Weihnachtstraditionen, die Balance zu retten.

Die großen Gefühle entwickeln die kindlichen Figuren. Xaver in seinem Übereifer, alles richtig zu machen, wächst einer gleich ans Herz und man leidet mit ihm, als es dann gründlich schiefgeht. Vicky und Olly geraten etwas zu blass, dafür wird die Stimmung immer heimeliger. Die großen Gefühle strahlen auch auf die Leserinnen und Leser aus. Xavers Heimweh und das Weihnachtsfest ergänzen sich ideal und laden auch Erwachsene zu nostalgischen Träumereien ein, die dabei nie völlig die Bodenhaftung verlieren.

Duft, Farbe und das Ticken der Uhr

Speck und Linzertorte, der »Duft der Heimat« sind es, die einer hier die Nase umschmeicheln, etwas Tannenduft und Lebkuchengewürz strömen dazu. Heimelige Geräusche machen die Uhren, ein Fingerzeig dahin, dass wir die Zeit längst nicht mehr vergehen hören. Sie verläuft geräuschlos, zu oft unbeachtet, während sie in Xavers Welt tickend auf ihr Verstreichen aufmerksam machte. Nicht nur Wanduhren, auch Taschenuhren spielen eine Rolle.

Dass einer das alles so realistisch vor die Augen kommt, liegt an den feinstens ausgemalten Illustrationen von Martina Mair. Nicht nur hörend und lesend, auch schauend kann man die fremde Welt aufnehmen. Die Bilder ähneln naiven Malereien und Bauernmalerei hinter Glas, bunt, witzig, mit einem wachen Auge noch für das winzigste Detail. Es ist ein Bilderbuch und ein Geschichtenbuch im besten Sinn. Man kann nicht anders, als sich daran erfreuen.

Selbstverständlich geht die Geschichte gut aus, aber auch dafür hat sich Knoblich einiges einfallen lassen. Von der Silbermünze bis zur Sternschnuppe ist alles da. Sogar die Linzertorte. Kein Wunder, dass am Ende alle rote Bäckchen haben und strahlen. Weihnachten, Zeit der Wunder. Man muss es nur glauben.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Heidi Knoblich, Martina Mair: Xaver im Uhrenland
Weihnachten bei den Schwarzwald-Engländern
Tübingen, Karlsruhe: Silberburg Verlag 2017
46 Seiten, 14,90 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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