Die Sprache der Blumen

Kinderbuch | Dena Seiferling: Die kleine Hummel und die Sprache der Blumen

Eigentlich ist die in Kanada lebende Dena Seiferling »nur« Illustratorin, dieses Kinderbuch ist sozusagen ihr erster Auftritt als Autorin und Illustratorin. BARBARA WEGMANN hat sich das Buch angeschaut.

Das Buchcover zeigt eine Hummel auf einer BlüteEs fängt tatsächlich geradezu herzergreifend an: Ein kleiner Vogel bringt in einem Tuch eine winzige Hummel, ein »kleines Hummelkind«, zu den Blumen auf einer Wiese. Es ist eine ganz besondere Wiese, nur wenige Blumen blühen hier und die Wiese grenzt an ein Sumpfgebiet, in dem sich »furchterregende Pflanzen« angesiedelt haben. Niemand »wagte sich in deren Nähe.« Die Blumen geben der kleinen Hummel einen Namen: Beatrice. »Sie betteten Beatrice in ihre zarten Blätter und wärmten sie inmitten ihrer Knospen.« Das kleine Wesen schlummert, wächst, ernährt sich von Nektar, schläft und wächst. »Flieg nie über die Wiese hinaus, nur hier bist du sicher. Hüte dich vor dem Sumpf,« trichtern die Blumen dem kleinen Brummer ein.

Dena Seiferling verbindet auf charmante Weise eine spannende Geschichte mit einer alten Tradition. Blumen haben nämlich eine Bedeutung, und das Wissen hatte zumindest meine Großmutter noch. Von den Blumen der Wiese lernt Beatrice eben diese Sprache. Narzissen bedeuten Hoffnung, Majoran Freude, die Lilie Stolz, die Tulpe Zuneigung, das Vergissmeinnicht die ewige Erinnerung. Wie war das doch noch mit dem Vergissmeinnicht früher in den Poesiealben, – nie sollte man seine Freundin vergessen, bekräftigten viele Vergissmeinnicht in allen vier Ecken … Die Rose, klare Sache, steht für die Liebe, die Lupine für die Fantasie, die Kornblume für Freundschaft. Und da gibt es noch viele mehr, das Bilderbuch führt sie alle zum Schluss auf.

Eine schöne Geschichte, und – klare Sache – natürlich fliegt das kleine Hummelkind im Laufe der Seiten zu nahe an das gefährliche Sumpfgebiet und entdeckt, dass dort fleischfressende Pflanzen leben. Es wird also arg spannend.

Geradezu enttäuschend allerdings der illustratorische Eindruck. Woran liegt es, dass die Begeisterung über die Geschichte selbst mit dem Bild so gar nicht übereinstimmen will, habe ich mich gefragt. Denn eigentlich sind die kleinen Hummeln – es werden im Laufe der Geschichte immer mehr – zierlich, ein bisschen knubbelig, so wie sie nun mal sind, gezeichnet, aber: wo ist das knallige Gelb, wo das tiefe Schwarz? Alles an Farben wird angedeutet, bleibt vage, Bilder, wie durch einen Schleier gesehen, das schafft sicher einen sehr verträumten Eindruck. Aber: kein richtiges Gelb der Narzissen, kein Blau für Akelei, keine bunte Pracht der Stiefmütterchen. Zwar sind sie alle bezaubernd gezeichnet, sie haben kleine Gesichter, sie schauen die kleine Hummel geradezu dankbar an, schließlich wird sie es sein, die durch die Bestäubung für den Fortbestand der Wiese sorgen wird. Aber trotz allem: Irgendetwas ist seltsam an den Bildern… Und dann wusste ich es: Sie wurden mit Bleistift gezeichnet und digital farblich anschließend bearbeitet. Und das kratzt für mich leider arg an dem großen Reiz, den das Buch zunächst ausstrahlte.

Alles scheint so uniform zu sein, alles ist so gleichmäßig und alles scheint sich überall zu wiederholen, Bilder wie mit Schablonen gezeichnet, sprich: Es fehlt jegliche individuelle Handschrift in den Zeichnungen. Auch bleiben die Farben nahezu gleich, obwohl die Spannung doch natürlich groß wird, als Beatrice die Wiese verlässt. »Da, wo der Grund feucht und schwammig wurde, waberte ihr ein eigentümlich süßer Duft entgegen. Beatrice wusste, dass sie jetzt zu weit geflogen war.« Plötzlich sieht sie »seltsame Pflanzen, die mit weit geöffneten, hungrigen Mäulern und schrecklichen Zähnen im Schatten lauerten. Eine von ihnen schnappte nach ihr!« Farblich passt sich hier nichts der Dramatik des Geschehens an, auch nicht, wenn man eine Seite aufklappen kann und lauter große Pflanzenmäuler sieht.

Also: die Grundlagen sehr fein gemalt, eine hübsche Idee mit den Pflanzengesichtern und der Blumensprache, aber ich sage ganz ehrlich: Es berührt mich einfach nicht, und das finde ich bei dieser wirklich bezaubernden Geschichte eine verschenkte Chance. Es wirkt unpersönlich, seelenlos, obwohl die Geschichte so ansprechend ist. Schade.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Dena Seiferling: Die kleine Hummel und die Sprache der Blumen
Hamburg: Von Hacht Verlag 2022
40 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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