Lange Schatten

Jugendbuch | Martha Heesen: Fliegende Steine

Die Vergangenheit hat lange Schatten, heißt es. Es gibt Zeiten, die das Gefühl vermitteln, dass man nie mehr aus diesem Schatten herauskommt. Gefühle können aber genauso trügerisch sein wie vorgeblich weise Sprüche. Frischer Wind hilft, sagt Martha Heesen und erklärt mit ihrem charakteristischen schrägen Blick auf die Dinge, wie das funktioniert. Von MAGALI HEIẞLER

Martha Heesen - Fliegende Steine 9783836959957Feli wohnt am Waldrand, in einem alten Bauernhaus, das ihre Eltern geerbt haben. Es gefällt ihr dort, auch wenn der Wald zuweilen unheimlich ist und von seltsamen Gestalten bevölkert. Feli ist ein Mädchen mit viel Fantasie, sehr, sehr viel. Sie hat auch Wünsche, einen kleinen Esel zu besitzen, zum Beispiel. Noch besser wäre eine Freundin, aber da setzt die Realität an und die ist hakelig.

Das weiß Feli. Wenn auch alle Mädchen des kleinen Orts in die gleiche Schule gehen, so sind sie doch nicht alle gleich. Es macht einen großen Unterschied, ob man in den neuen Häusern wohnt oder in den alten Gassen, ob man bei einer Zimmerwirtin wohnt. Ob man katholisch oder evangelisch ist. Wichtig ist ebenfalls, was die Eltern tun. Feli hätte lieber einen der Ladenbesitzer als Vater statt ihres eigenen, der meist auf dem Sofa liegt. Oder will sie das vielleicht doch nicht? Es ist nicht leicht, sich das Richtige zu wünschen.

Laura etwa hat gar keinen Vater und eine braune Haut hat sie auch. Niemand mag mit Laura befreundet sein. Feli schon, aber sie traut sich nicht. Dann ist da Sofia, die im Holzhaus unweit des Hofs von Felis Eltern wohnt und die offenbar auch niemand mag. Wie groß die Abneigung gegen Sofia ist, bemerkt Feli unvermutet und plötzlich. Es erschreckt sie tief. Was ist hier los? Und was kann man tun? So kann es doch nicht weitergehen.

Fantasie und Realität

Es beginnt mit Wünschen und schon ist die Leserin mitten in Felis Welt. Diese setzt sich von Anfang an zusammen aus den Fantasievorstellungen einer vielleicht Zwölfjährigen und dem Alltag in einem kleinen Städtchen in den Niederlanden. Heesen verankert Ort und Zeit gemächlich, hier ein Hinweis, da ein Hinweis, die beim Lesen stutzig machen. Dann rückt sie damit heraus, ihre Geschichte spielt Ende der 1950er Jahre.

Ihre Heldin ist ein Mädchen mit einer lebhaften Vorstellungskraft und viel Mitgefühl, aber auch voller Fragen, kurz ein Kind an der Schwelle zur Pubertät. Die Welt der Erwachsenen ist eine Welt der Gefahren, Feli malt sie sich aus. Mörder und Hexen, Geister und Einsiedler bevölkern den Wald. Ein Spiel und zugleich die Umsetzung unklarer Ängste vor etwas, das sie nicht versteht, aber als gegeben akzeptiert. Fragen stellen will gelernt sein.

Dass Ängste ganz konkrete Gründe haben können, ist eine Erfahrung, die zugleich einen Einbruch einer bestimmten Realität in die Fantasiewelt bringt. Feli ist mit zahlreichen Geschichten über den Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Sie möchte sie nicht mehr hören. Sofia aber ist eine lebendige Frau, keine Geschichte und irgendwie in die schrecklichen und zugleich öden alten Geschichten verwickelt. Feli entdeckt, dass Vorurteile von allen Geistern die gefährlichsten sind.

Alte Sünden, neue Schande

Felis Alltag, ihr Zusammenleben mit den Eltern, die Stunden mit Sofia und die beginnende Freundschaft mit Laura strickt Heesen zu einer richtig schönen gemütlichen Geschichte zusammen, die man stundenlang weiterlesen möchte. Die Zuneigung der Eltern untereinander und Feli gegenüber, ihre Freundlichkeit und Unterstützung, ihre Widerständigkeit, ihr Eigensinn und ihr offener Blick trotz alter Wunden weisen auf eine Zukunft voller positiver Veränderungen. Dass das nicht mühelos vor sich geht, ist allen Beteiligten klar. Es ist ein Wagnis und man braucht viel Mut, damit aus alten Sünden nicht neue Schande wird.

Erzählt wird mit harten Brüchen und in großen Sprüngen, die Handlung zieht sich über die Wintermonate bis ins ganz frühe Frühjahr. Die Zeit eines neuen Aufbruchs, natürlich, und zugleich eine Möglichkeit, immer wieder die Kälte anzusprechen, die in jenen Jahren unter den Menschen herrschte. Kontrastiert wird das mit einem Miteinander, das sich aus banalen Gesten und Worten speist, die zugleich das Großartigste sind, das es gibt, einfach menschlich.

Heesen thematisiert den Umgang mit Ängsten, spielerisch zunächst in Felis Fantastereien, immer ernsthafter dann bei der Beschreibung von Ausgrenzung. Offen stellt sie die Frage, welche Funktionen Ängste haben und erklärt ebenso offen, wie bequem es ist, sich Ängsten hinzugeben. Vorurteile pflegen heißt, nicht nachdenken müssen. Schuld sind immer andere. Das stete Verurteilen einer angeblichen Kollaborateurin verhindert auf das Angenehmste das Überdenken des eigenen kolonialen Sündenfalls und den eigenen Rassismus.

Bei der Parallelisierung dieser beiden historischen Ereignisstränge ist Heesen sehr hart. Und bei aller Komik, die eine entscheidende Szene eines Angriffs auf Sofia hat, ist sie ebenso hart im Strafen. Was es bedeutet, dass Erwachsene schon Kindern ihre Vorurteile einpflanzen, darüber sollen die Leserinnen selbst befinden. Eine lehrreiche Aufgabe, nicht nur für Jugendliche.

Feli lernt zu unterscheiden. Anders als in der Kinderwelt sind Grenzen nicht mehr gleich auf den ersten Blick zu erkennen. Ebenso wenig greifen Begriffe wie gut oder böse. Der gleiche Mensch kann von einem Augenblick zum nächsten von einem zum anderen wechseln. Von außen sieht vieles ganz anders aus als von innen. Die Realität ist eben genauso bunt wie die Märchenwelt. Mindestens.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Martha Heesen: Fliegende Steine
(Biezel,2014). Aus dem Niederländischen übersetzt von Rolf Erdorf
Hildesheim: Gerstenberg 2017
155 Seiten. 12,95 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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