Queste, absurd-verrückt und leicht geweihräuchert

Kinderbuch | Julie Berry: Eine verliebte Kuh, eine magische Karte und ein Strauß in geheimer Mission

Unterwegs sein, ein Abenteuer nach dem anderen erlebend, eins fantastischer als das andere, ist ein unschlagbares Grundrezept für eine gute Geschichte. Hätte Julie Berry in diesem Kinderbuch auf die allzu weisen Sprüche verzichtet, wäre es sogar eine sehr gute geworden. Von MAGALI HEIẞLER

eine-verliebte-kuh-eine-magische-karte-und-ein-strauss-in-geheimer-mission_9783522184823Den sperrigen Titel des Buchs sollte man beachten, oder sogar als zarte Warnung sehen: Die Erzählweise, die eine erwartet, ist sehr sperrig. Dabei hätte die Handlung genug Verwicklungen zu bieten, um auch ohne Abschweifungen und Kommentare der Erzählerinnenstimme umwerfende Wirkung zu entfalten.

Was da alles passiert! Der jüngste Nachkomme eines altehrwürdigen Kaisergeschlechts verschwindet in der Nacht vor seinem Regierungsantritt. Ein nichts ahnender Strauß ist daran nicht unschuldig. Doch nicht nur Kaiser und Vogel sind fort, sondern auch Kuh Alfalfa. Natürlich muss Begonia sie suchen. Undankbare Aufgaben landen immer bei Begonia. Dass die Suche derart lange dauert, ist nur eine von vielen Ungerechtigkeiten in ihrem jungen Leben, findet sie.

Was sie nicht erwartet hat, ist, dass sie so viele hilfreiche Menschen trifft auf ihrem Weg. Willkommen ist die Hilfe nicht in jedem Fall. Key, der fest entschlossen ist, ihr Retter in der Not zu sein, stört gewaltig. Sie kann sich selbst helfen, danke schön. Alfalfa findet sie jedoch nicht. Dafür einen Strauß und einen jungen Mann im Schlafanzug, der sich merkwürdigst gebärdet.

Das alles ist nichts angesichts einer Landkarte, die sich ständig ändert, eines Walds voller hungriger Panther, einer Palastrevolution sowie des merkwürdigsten Liebespaars der Geschichte. Von zwei altehrwürdigen Ahnengeistern gar nicht erst anzufangen.

Für und Wider der auktorialen Erzählstimme

Die auktoriale Erzählstimme war aus dem Kinderbuch nie verschwunden, gleich, welche anderen Ansätze fürs Erzählen entwickelt wurden. Wie sie wirkt, hängt vom Geschick der Autorin ab. Im vorliegenden Fall ist die Wahl nicht falsch, handelt es sich doch in erster Linie um ein Märchen. Berry allerdings fehlt eben die Autorität, die die Grundlage von Souveränität ist sowie die leichte Hand. So kommt ihre Geschichte sehr behäbig, streckenweise schwerfällig daher.
Das sehr junge Zielpublikum muss sich nicht nur auf Kommentare der Erzählstimme gefasst machen, sondern auch auf Abschweifungen, ausgebreitete Erklärungen und nicht wenige »Was wäre, wenn«-Einschübe.

Das Erzähltempo ist höchst gemächlich. Das macht die Geschichte einerseits bunt und detailreich. Andererseits verfällt die Autorin häufig ihrem Spieltrieb und scheint zu gern ihren eigenen Vergnügungen nachzugehen, ungeachtet der Interessen von Leserinnen. Das vertrackte Hofzeremoniell etwa wird anschaulich, strapaziert aber bald durch die unentwegte Aufzählung von Absurditäten die Geduld einer Leserin, zumal die meisten genannten Figuren für die nächsten gut 180 Seiten verschwinden. Nicht weniges wird doppelt und dreifach gesagt.

Keys hochtrabende Sprechweise, ein anderes Beispiel, wirkt auf längere Strecken nicht nur albern, sondern ärgerlich und eine tiefergehende Charakterisierung der Hauptfiguren fällt hinter dem Auffahren immer neuer Skurrilitäten zurück.

Übergossen wird das Ganze zum Ende hin mit einer Soße allerbravster Moral. Das entspricht zwar dem als Vorlage deutlich genutzten Genre Hausmärchen, ist aber angesichts der Entstehungszeit des Buchs ein Rückfall in etwas verstaubte Vorstellungen.

Spaßvergnügen

Spaß kann man beim Lesen trotzdem haben. Begonia ist eine liebenswerte Hauptfigur und ihr Problem, diejenige zu sein, die stets verlässlich, vernünftig und vertrauenswürdig ist und alles meistert, was ihr in die Hände gelegt wird, gut nachvollziehbar. Key, der Kaiser, Strauß und Kuh sind unbestreitbar komische Elemente, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass Berry ihre Witze nicht nur häufig anbringt, sondern auch erklärt. Die Übersetzerin hat sich tapfer der erratischen Sprachspielereien angenommen und hilft dem Witz immer wieder auf die Beine.

Durch den häufigen Ortswechsel der Hauptfiguren sowie den Perspektivwechseln der Erzählstimmen gewinnt die Handlung rechtzeitig Tempo und trägt eine müheloser durch den zweiten Teil des Buchs, der tatsächlich noch verwickelter wird, als es der erste schon ist. Geschickt wird die Leserin auch bald über das eine oder andere Detail informiert, von dem die arme Begonia keine Ahnung hat. Ihre Fehler sind dementsprechend vorbereitet wie auch die wachsende Spannung, die eben deswegen aufkommt. Die magische Karte, geheimnisvolle Fähigkeiten von Figuren und durchtriebene Bösewichte unterschiedlichster Couleur würzen die Geschichte aufs Feinste.

Spannend entwickelt sich die Frage nach Bedeutung und Einsatz der verschiedenen Gegenstände, die Begonia, wie es sich für ein Märchen gehört, geschenkt werden. Das wird sehr befriedigend aufgelöst. Hierbei erweist sich auch das langsame Erzählen als Pluspunkt. Nicht wenige Überraschungen warten auf die Leserin, wenn es um die Identität der und den Zusammenhang zwischen den auftretenden Figuren geht. Das sind Abläufe, in denen Berry ihre Geschichte bestens im Griff hat.

Das eigentliche Liebespaar des Buchs ist umwerfend charmant. Es lässt eine auch die Einmischung der Ahnengeister ertragen, die etwas zu salbungsvoll geraten. Das kleine Lesepublikum wird das nicht stören. Was sie auf jeden Fall ansprechen wird, ist die Zuneigung, die den Kern der Geschichte ausmacht. Die positiven Figuren haben sich einfach gern, auch wenn sie mal streiten. Es ist diese Liebe, die zählt. Zuneigung hat auch die Autorin für ihr Publikum, das spürt man beim Lesen, selbst wenn eher ungeschickt erzählt wird. Und diese Zuneigung zählt eben genauso.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Julie Berry: Eine verliebte Kuh, eine magische Karte und ein Strauß in geheimer Mission
(The Emperor’s Ostrich, 2017), übersetzt von Inge Wehrmann
Stuttgart: Thienemann-Esslinger 2018
300 Seiten. 12,99 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Allerbeste Freunde

Nächster Artikel

Folkdays … Schottische Folktradition und kammermusikalische Nuanciertheit

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Hand und Flosse winken sich zu

Kinderbuch | Linde Faas: Der Junge und der Wal

Freunde können so viel miteinander erleben. Spielen, tauchen, dahingleiten. Vor allem wenn der eine ein Junge, der andere ein Wal ist. Ein farbmächtiges Bilderbuch erzählt diese Geschichte. Von GEORG PATZER

Versteckspiel

Kinderbuch | Sid Sharp: Der Wolfspelz

Wölfe legen sich einen Schafspelz um, damit sie ihre gefährlichen Absichten harmlos wirken lassen. Und was tut ein armes Schaf, das sich im Wald unsicher und bedroht fühlt? Richtig! Es näht sich einen Wolfspelz. ANDREA WANNER hatte großes Vergnügen an der Geschichte.

»Das Leben ist ein Gänsespiel« (Johann Wolfgang von Goethe)

Kinderbuch | Anne-Ruth Wertheim: Das Gänsespiel

Das Gänsespiel ist ein traditionelles Brettspiel und eines der ältesten Brettspiele Europas, das man in vielen Ländern kennt und das als eine Art Prototyp vieler moderner Würfel- und Laufspiele gilt. Anne-Ruth Wertheim spielt es als Kind während des Zweiten Weltkriegs im japanischen Internierungslager in Indonesien. Von ANDREA WANNER

Unsicherer Grund

Kinderbuch | Stefanie Höfler: Feuerwanzen lügen nicht

Nits und Mischa sind beste Freunde, solange sie denken können. Aber was weiß Nits tatsächlich über den Menschen, dem er vertraut und dem er sich nahe fühlt? Ein Lügengebilde bricht zusammen, sorgt für Verletzungen und neue Blicke auf den anderen. Von ANDREA WANNER

Stark sein

Kinderbuch | Helga Gutowski: Graukatze Stark sein wollen, ist leicht. Man kann davon träumen, wie man Schwierigkeiten mit eindrucksvollen Muskeln und flotten Sprüchen im Handumdrehen aus der Welt schafft. Die Realität sieht anders aus. Wie man die Stärke entwickelt, die in die Wirklichkeit passt, erzählt Helga Gutowski in ihrem zweiten Kinderbuch ›Graukatze‹. Von MAGALI HEISSLER