… den Wald vor lauter Bäumen nicht

Kinderbuch | Annette Herzog: Morgen geht’s los, sagt der Mumpf

Da gibt es etwas, das man unbedingt haben will. Aber man bekommt es nicht. Das macht so traurig, dass man nicht bemerkt, wie viel man bereits hat. Freunde, zum Beispiel. Von MAGALI HEIẞLER

Annette Herzog Morgen gehts los, sagt der Mumpf 9783895653582 1100Dem Mumpf geht es schlecht. Seine beste Freundin, die Schnee-Eule, ist nicht mehr da. Ohne sie ist das Leben traurig. Und so öde. Was soll der Mumpf den lieben langen Tag mit sich anfangen? Die Hermeline haben dazu nicht nur einen Einfall. Die Einfälle sind richtig gut, gegen die große, große Sehnsucht nach Schnee-Eule helfen sie aber nicht. Findet der Mumpf.

Da ist noch der alte Maulwurf, um den man sich kümmern kann. Och, nöö, denkt der Mumpf. Eigentlich ist der Maulwurf nicht übel. Aber Freundschaft ist das nicht! Die einzige Freundin ist Schnee-Eule! Es hat auch rein gar nichts mit Freundschaft zu tun, dass die Idee mit den Briefen und dem Briefkasten aufkommt, und, als dieses Abenteuer schiefgeht, die Idee mit der Reise zu Schnee-Eule. Oder vielleicht doch?

Ungehemmt lehrreich

Annette Herzog erzählt eine ganz altmodische Geschichte auf ganz altmodische Art. Sie steckt voller Lehren, die die Autorin ungehemmt präsentiert. Das ist für heutige Verhältnisse ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist zugleich, dass das weder dem Witz noch der Qualität der Geschichte Abbruch tun. Im Gegenteil ist sie geradezu beruhigend altmodisch. Man kann sich auf alles verlassen hier. Trotzdem ist die Weltsicht alles andere als beschränkt.

Es geht um das Bewältigen eines Verlusts, um Sehnsucht, die blind macht gegenüber allem, was nicht punktgenau dem Herzenswunsch entspricht. Blind vor allem gegenüber Unterstützung, Beistand und Freundlichkeit. Tatsächlich muss der Mumpf lernen, die ehrliche Freundlichkeit anderer wahrzunehmen und zu schätzen. Der Verlust seiner Freundin macht ihn egoistisch. Er sieht zunächst nur sich und seine Traurigkeit.

Der Mumpf in seinen vielfältigen Beschränktheiten ist eine feine Erfindung. Man wünscht ihm auch unter seinen Leserinnen und Lesern viele, viele Freundinnen. Liebenswürdig sind aber auch die Figuren, die die Autorin ihrem zunächst uneinsichtigen Helden zur Seite gestellt hat. Die einfallsreichen und gastfreundlichen Hermeline mit dem stets gut gefüllten Suppentopf (jeden Tag eine andere!), Maulwurf, der trotz seines Alters und seiner Beschwerden ein rundum patenter Kerl ist, die tatkräftigen Dachse.

Die Abenteuer, die sie erleben, sind im Alltag verwurzelt, aber so witzig gewendet, dass man sie liest wie eine völlig neue Erfahrung. Obwohl viele Lehren serviert werden, ist die Handlung nicht so gestaltet, dass man die Lehren einfach schlucken soll. Im Gegenteil muss man mitdenken. Formuliert wird dergestalt, dass grundsätzlich eine gewisse Distanz zur Hauptfigur besteht und die kleinen Leserinnen und Leser immer mindestens einen Erkenntnisschritt voraus sind. Verurteilt oder gar ausgelacht wird der Mumpf wegen seiner Uneinsichtigkeit aber nie. Man leidet mit ihm. Nicht wenig Spannung entsteht einfach daraus, dass man immer mehr hofft, dass er endlich einsieht, wo sein Denkfehler liegt.

Gezeichnete Überraschungen

Echte Überraschungen bieten die Illustrationen. Das Vergnügen, das es bereitet haben muss, den Mumpf, dieses seltsam wild-putzige Lebewesen in all seinen Stimmungslagen zu zeichnen, spürt man bei jedem seiner Auftritte. Darüber hinaus besticht die Auswahl der Szenen, die bildlich umgesetzt wurden. Hier empfiehlt es sich, genau hinzusehen. Die vermeintlich traditionelle Abbildung einer erzählten Szene gewinnt durch Ausschnitte, kleine Details sowie durch freche laute Farbgebung unerwartete Dimensionen. Das Mienenspiel der Figuren ist voll Witz und Charme. Das Schattenbild im Regen ist großartig.

Annette Herzog: Morgen geht’s los, sagt der Mumpf – Leseprobe
Annette Herzog: Morgen geht’s los, sagt der Mumpf – Leseprobe

Abgesehen davon, dass die Eule eine Freundin – und kein Freund – ist, hätte man sich den Text gerade zu Anfang weniger bieder gewünscht und die Seitenhiebe auf moderne Kunst im Anfangskapitel weniger apodiktisch, zumal das sehr junge Publikum eher noch nicht mit Ironie (sollte sie gemeint sein) umgehen kann. Nach ein paar Seiten verliert sich das jedoch und man kann das Buch uneingeschränkt genießen. Situationskomik, ein genau gezeichneter Charakter des Protagonisten und einige unerwartete Wendungen tragen die zugrunde liegende Idee sehr gut. Langweilig wird es ganz sicher nicht. Am Ende ist alles gut. Und das ist schön. Zur Abwechslung einmal wirklich.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Annette Herzog: Morgen geht’s los, sagt der Mumpf
Ill. von Ingrid und Dieter Schubert
72. S. 14,95 Euro
Frankfurt/M. : Moritz Verlag 2018
Kinderbuch ab 6 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die vierte Gewalt

Nächster Artikel

Unterwegs

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Es waren einmal zwei Schwestern …

Kinderbuch | Sid Sharp: Moor Myrte und das Zaubergarn

So können Märchen beginnen und so beginnt diese Geschichte, die man durchaus in die Kategorie einordnen kann. Und natürlich ist die eine die Gute und die andere die Böse. Wer jetzt denkt: alles klar, brauche ich nicht auch noch, hat die Rechnung ohne Sid Sharp gemacht, findet ANDREA WANNER

Ungewöhnlicher Zusammenhalt

Kinderbuch | Richard Plant: Die Kiste mit dem großen S

Vier Kinder allein zu Hause ist schon eine Herausforderung. Wenn dann auch noch ein Kriminalfall zu lösen ist, kann man schon an seine Grenzen geraten. ANDREA WANNER hatte viel Vergnügen an einem historischen Kinderbuch, das schon fast 90 Jahre alt ist.

Riesenspaß, wenn die Pflicht ruft

Kinderbuch | Pija Lindenbaum: Wir müssen zur Arbeit

Es klingt wie ein Abschiedsgruß von Eltern an ihre Kinder: die Pflicht ruft, wir sind dann mal weg. Allerdings sind es hier die Kinder, die losmüssen. Ein wunderbares Spiel, in dem sich die kindliche Fantasie so richtig austoben darf, freut sich ANDREA WANNER.

Wenn zwei sich streiten…

Kinderbuch | Melanie Laibl: Hase, Hund, Birnen – und?

Eigentlich spielen Hase Schnifis und Hund Ludovic nur Fangen rund um den Birnbaum. Aber irgendwie wird aus der lustigen Rennerei ein doofer Streit. Und jetzt? Von ANDREA WANNER

Turbulentes Abenteuer mit Sechsbeinern und einem Denkfehler

Kinderbuch | M.G. Leonard: Käferkumpel Wer in Abenteuergeschichten sechs (oder mehr) Beine hat, hat schlechte Karten. Aufgespießt, zerquetscht, ausgeräuchert werden, ist an der Tagesordnung. In M.G. Leonards turbulenter Geschichte ist das anders. Hier bekommen Käfer eine würdige Rolle als heldenmütige Kumpel der Zweibeiner. Allerdings ist die Autorin in ihrer Begeisterung für Käfer einem Denkfehler erlegen. Von MAGALI HEISSLER