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Ein Porträtist als Landschafter

Kunst | Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft. Hamburger Kunsthalle

Hiesigen Kunstfreunden ist der Name des englischen Malers Thomas Gainsborough (1727-1788) gewöhnlich durchaus vertraut, aber eine Anschauung seines Schaffens konnten sie bisher fast nur in der Heimat des Künstlers selbst gewinnen, speziell bei Londonbesuchen. Das ist derzeit anders, denn die Hamburger Kunsthalle bietet jetzt erstmals in Deutschland eine umfassende Ausstellung mit rund 80 Bildern des Meisters aus dem 18. Jahrhundert, davon zur Hälfte Gemälde und darunter auch zentrale Werke. Von PETER ENGEL

Allerdings wird er in der Hansestadt – mit Leihgaben aus durchweg britischen Museen – nicht als bedeutender Porträtist präsentiert, als der er meist gewürdigt wird, sondern als Landschafter. Und der Kurator der Schau, der neue Hamburger Kunsthallendirektor Christoph Martin Vogtherr, geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er der Ausstellung den programmatischen Titel ›Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft‹ gegeben hat.

Dass ausgerechnet der Maler aus dem Südosten Englands, der seinerzeit Vertreter der besitzenden Schichten seines Landes in berühmt gewordenen Bildern repräsentativ dargestellt hat, ein Vorläufer der Moderne sein soll, wird sich unbefangenen Betrachtern nicht ohne Weiteres erschließen, es ist auch – nehmen wir das schon einmal vorweg – mehr eine etwas steile These als eine wirklich gelungene Beweisführung. Dennoch bleibt es ein Verdienst der Kunsthalle, einen hierzulande eher unterbewerteten Künstler in glanzvoll hergerichteten Räumen und in überlegter Hängung als einen Maler vorzuführen, der seine bedeutenderen niederländischen Vorbilder in einer qualitätvollen Manier auf die Verhältnisse seiner Heimat übertragen hat.

Geradezu als eine Ikone der englischen Malerei gilt Gainsboroughs Gemälde ›Robert und Frances Andrews‹ (um 1750), mit dem für die Ausstellung geworben wird und das auch den Einband des Katalogs ziert. Ein leicht blasiert wirkendes Ehepaar, das kein Zeichen gegenseitiger Neigung erkennen lässt, ist auf diesem Bild am Rande der eigenen weitläufigen Ländereien dargestellt, durchaus mit Besitzerstolz und zum Herzeigen gedacht vor ähnlich wohlbetuchten Repräsentanten der eigenen Klasse. Das Gemälde ist ein Dokument der gesellschaftlichen Verfassung im England zur Mitte des 18. Jahrhunderts und stellt in thematischer Hinsicht eine charakteristische Verbindung von Porträtgestaltung und Landschaftsmalerei dar.

Thomas Gainsborough (1727–1788) Holywells Park, um 1748–1750 Öl auf Leinwand, 50,8 x 66 cm Ipswich Museum and Gallery © Ipswich Museum and Gallery
Thomas Gainsborough (1727–1788)
Holywells Park, um 1748–1750; Öl auf Leinwand, 50,8 x 66 cm;
Ipswich Museum and Gallery
© Ipswich Museum and Gallery

Berühmt auch Gainsboroughs Werk ›Die Tränke‹ (vor 1777) aus der Londoner National Gallery, auf dem in einer geschlossenen Waldlandschaft durch entsprechende Lichtführung eine hell aufscheinende Rindergruppe im mittleren Vordergrund eindrucksvoll inszeniert wird. Von Motiv und Gestaltung her eigentlich noch reizvoller das Gemälde ›Holywells Park‹ (um 1748-1750) mit terrassenförmig angelegten Wasserbecken, die sich mit ihren Glanzlichtern wie eine Art Perlenkette quer durch eine anmutige Landschaft ziehen, von einem leicht düsteren und die Hälfte des Bildes einnehmenden Himmel überwölbt.

Diese Bilder wie auch einige Waldszenen mit Lagerfeuer, mit einer Hütte am See, einem Teich oder mit mehreren hineinkomponierten Figuren sind Darstellungen, die den Besucher zu genauem Hinsehen nötigen und ihm nicht nur eine Vorstellung von südenglischen Landschaften im 18. Jahrhundert vermitteln, sondern auch von einer gelungenen künstlerischen Überhöhung zeugen.

Thomas Gainsborough (1727–1788) Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham (»Die Marsham- Kinder«), 1787 Öl auf Leinwand, 242,9 x 181,9 cm Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders
Thomas Gainsborough (1727–1788)
Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham (»Die Marsham- Kinder«), 1787
Öl auf Leinwand, 242,9 x 181,9 cm
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
© bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

Bleibt die angebliche Modernität Gainsboroughs, die sogar in eine Linie mit der vom früheren Kunsthallendirektor Werner Hofmann in Hamburg präsentierten Reihe ›Kunst um 1800‹ mit Beispielen wie Runge, Caspar David Friedrich oder Goya gestellt wird. Dass ein Maler mit allerlei Materialien »experimentiert«, seinen Farben etwa Glassplitter beimischt, um deren Glanz zu erhöhen, oder eine Zeichnung mit Magermilch überzieht, damit sie »samtige« Qualitäten bekommt, ist dann kein Nachweis von Modernität – falls es denn überhaupt einer ist –, wenn von den damit angeblich erzielten Effekten auf den Bildern selbst nahezu nichts zu sehen ist.

In Textbeiträgen des Katalogs gibt es dazu längere Ausführungen, nach denen an Gainsboroughs ungewöhnlicher Experimentierfreude nicht zu zweifeln ist, aber auf den Gemälden und Zeichnungen des Künstlers sind seine »Neuerungen« kaum in Spuren wahrzunehmen. Und auch das auf Glas gemalte Bild, das in einer speziellen Apparatur unterschiedlich beleuchtet werden konnte und in der Hamburger Ausstellung dem Nachweis von Gainsboroughs Modernität dienen soll, ist letztlich kaum mehr als eine lichttechnische Spielerei, wie sie in den damaligen Naturwissenschaften durchaus typisch war.

| PETER ENGEL
| TITELFOTO: Thomas Gainsborough (1727–1788); Robert und Frances Andrews (»Mr. und Mrs. Andrews«), um 1750; Öl auf Leinwand, 69,8 × 119,4 cm; London, The National Gallery; © The National Gallery, London

Titelangaben
Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft
Bis zum 27. Mai 2018
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg

Katalog
K. Hoins, Ch. Vogtherr (Hgg.): Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft
München: Hirmer Verlag 2018
244 Seiten, 45 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

1 Comment

  1. Die Ausstellung ist sehr sehenswert mit tollen Landschaftsbildern und gut erklärten Techniken. Anders als diese etwas oberflächliche, wohl unter Zeitdruck entstandene Rezension.

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