Familie vorbei

Jugendbuch | Armin Kaster: Du denkst, die Welt zerfällt, und brichst nur selbst in Stücke

Vater, Mutter, Kind, Gemeinschaft, Geborgenheit, Vertrauen, das war einmal. Inzwischen ist Selbstfindung wichtig, das sogenannte Glück des Individuums. Und wehe denen, die der persönlichen Entfaltung im Weg stehen. Leo steht im Weg. Seine Strafe ist hart. Von MAGALI HEIẞLER

Kaster Welt in StückeGeld ist nicht das Problem bei Leos Eltern. Deswegen können sie sich in beiden neuen Wohnungen je ein Zimmer für ihren Sohn Leo leisten, als sie sich trennen. Er bewohnt es im wöchentlichen Wechsel, einmal bei Mutter, einmal bei Vater. Die Wohnungen sind unterschiedlich, sein Zimmer jedoch gleich. Er hat sogar zweimal die gleiche Garderobe. Zum Hin- und Herziehen muss er nur die kleine Reisetasche packen. Da ist doch nichts dabei. Mit fünfzehn ist ein Junge praktisch erwachsen. Und Eltern haben schließlich auch Gefühle. Das muss Leo doch verstehen.

Leo versteht. Er versteht alles. Dass sein Vater sich gerade mal wieder selbst finden muss, dieses Mal in einem buddhistischen Kloster. Dass seine Mutter lieber mit Männern knutscht, als ihren Sohn mal in den Arm zu nehmen, wenn er Probleme hat. Überhaupt wird alles immer klarer, seit Leo angefangen hat, zu kiffen. Lustiger wird es auch. Geradezu totlachen könnte er sich, wenn er so richtig high ist.
Nur sich selbst zu verstehen wird immer schwieriger. Und dann fängt jemand an, Leo zu beobachten. Der Unbekannte macht heimlich Filme von ihm und schickt sie ihm. Leo haut ab. Das ändert nichts. Der andere ist ihm dicht auf den Fersen.

Mitten ins Gesicht

Kaster lässt Leo sprechen. Sein junger Protagonist nimmt kein Blatt vor den Mund. Ungeschminkt beschreibt er seinen Alltag, in dem er zwischen seinen Eltern hin- und hergerissen wird. Dass sich einmal die eine, einmal der andere um Leo kümmert, ist eine der Lösungen, die so einsichtig wirken. Rational und erwachsen. Zwei lässt sich glatt teilen, drei nicht. Das zeigt sich bereits bei den ersten Sätzen. Für Leo ist die Lösung Gewalt, die gegen ihn ausgeübt wird. Tatsächlich ist die wunderschöne, diskussionsbereite, für alles offene Gesprächsgruppe, die ihm seine Eltern bieten, ein Ort emotionalen Missbrauchs. Das schildert der Autor gleichermaßen unangenehm beeindruckend wie überzeugend. Die Dialoge sind sorgfältig formuliert: Tonfall, Zwischentöne, Worthülsen, all die kleinen klebrigen Gefühlsfallen des Verständnishabens werden vorgeführt. Das Faszinierende ist, dass Leo alles durchschaut und doch zum Opfer wird.

Wärme, Rückhalt und Verlässlichkeit bieten seine Freunde Sami und Luk. Allerdings erweist sich, dass auch sie Leo nur bedingt stützen können, denn ihre Lösung – Kiffen und Wodka – ist keine. Deutlich wird der Unterschied zwischen den Jugendlichen, die nicht stützen können, weil ihnen Erfahrung fehlt sowie den Erwachsenen, die versagen, weil sie Nabelschau den Herausforderungen eines Familienlebens vorziehen.
Leos Leiden, seine Kämpfe und seine wachsende Ängste zu verfolgen, ist keine angenehme Leseerfahrung.

Kaster ist nie voyeuristisch, er spricht keine Urteile und teilt auch keine Strafen aus. Er lässt Leo beschreiben, aus dessen abwechselnd enger und erweiterter Sicht. Blinde Flecken und tiefe Einsichten, die an philosophische Weisheiten grenzen, liegen nah beieinander. Hier spricht ein Teenager, so lebensecht, dass man versucht ist, umgehend das Jugendamt zu alarmieren.

Weder im Teenagerslang noch in den poetischen Passagen ist die Sprache überladen oder anbiedernd. Die Kapitel sind eher kurz, manche nur ein paar Sätze lang, andere bestehen aus einem Dialog, wieder andere aus Leos Überlegungen über den Zusammenhang der Welt und der Dinge. Eine schriftstellerische Leistung ist es, dass Leos stark verwirrtes Denken am Ende und die verzwickte Logik dahinter beim Lesen klar verständlich sind. Dass man eine so gut formulierte und erzählte Geschichte aufmerksam liest, ist keine Frage.

Klare Ansage

Kaster, der sich in seinen Jugendromanen immer mutig den gefährlichen Seiten des Teenager-Lebens widmet, erzählt dieses Mal von unschönen Folgen des zuweilen verharmlosten Kiffens junger Menschen. Er ist dabei weder voreingenommen noch einseitig. Zu Leos üblen Erlebnissen tragen Alkohol und ein hohes Maß an psychischem Stress bei. Auch diese Kombination ist alle andere als realitätsfern.

Die Erzählung, Kaster nennt sie Novelle, enthält eine klare Warnung. Sie gilt jedoch gleich mehreren Parteien, Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen: Bedenkt, was ihr anrichtet, bei dem, was ihr tut. Angesiedelt ist sie in der Jugendlichen recht vertrauten Welt der digitalen Dinge, vom Spiel bis zum Smartphone. Der Autor übertreibt es jedoch nicht. Hin und wieder wird auch ganz altmodisch ein Film angeschaut oder telefoniert, ohne Emojis und schräges Vokabular, zu dessen Klärung ahnungslose Gemüter das Urban Dictionary heranziehen müssen.

Das Ganze ist in der Welt der gut Versorgten angesiedelt. Man kann darüber diskutieren, ob das die Geschichte zu einem Minderheitenproblem macht. Die Lösung, die sich Leos Eltern einfallen lassen, um alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen, ist leider wenig überzeugend. Der bloße Ort als Fixpunkt für einen Jugendlichen, der sich psychotische Schübe eingefangen hat, ist wohl zu wenig. Ob bei den Eltern ein Umdenken einsetzt, wird nicht berichtet.

Ganz daneben greift der Autor bei den romantischen Verstrickungen. Wir leben im 21. Jahrhundert und es ist Zeit, sich von der Vorstellung zu lösen, dass weibliche Wesen die ideale Anlaufstelle zur Genesung verwundeter männlicher Seelen sind. Auch wenn die Botschaft kurz ist, zart hingetupft und witzig formuliert, bleibt sie verstaubt.

Man kann es jedoch auch so sehen, dass es dadurch bei diesem tollen Buch mehr Diskussionsstoff gibt. Also bloß nicht davon abhalten lassen!
Auch nicht wegen des irritierend sperrigen Titels.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Armin Kaster: Du denkst, die Welt zerfällt, und brichst nur selbst in Stücke
Wien: Verlag Jungbrunnen 2018
118 Seiten. 15 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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