Gänsehaut

Kinderbuch | Nina Blazon: Siebengeschichten

Die Tage werden kühler, die Nächte dunkler, klar, dass man fröstelt. Das kann man noch steigern, wenn man sich die Gänsehaut mit gruseligen Geschichten hinein ins gemütlich-warme Zimmer holt. Nina Blazon liefert neuen Stoff, gleich sieben Mal! Von MAGALI HEIẞLER

Siebengeschichten Wer glaubt, dass es in unserem strahlend erleuchteten, durchtechnisierten und von Kameras im Sekundentakt erfassbaren Leben keine dunklen Ecken und Abgründe mehr gibt, irrt sich. Es gibt immer noch Bereiche, die sich nicht ausloten lassen oder deren Wirkungsweise, selbst wenn sie rational erklärbar ist, den mystischen Schleier nie ganz abgelegt hat. In solchen dunklen Ecken hat Nina Blazon ihre Geschichten gefunden.
Ein altes Internat, ein verwunschener Wald, ein tiefer See, etwa, sind ihre Handlungsorte, ein Gemälde, ein Spiegel oder ein Weihnachtsbaum Gegenstände, die unvermutet aus dem Alltäglichen herausragen.

Die Geschichten sind in verschiedenen Ländern angesiedelt, Irland, Japan, England, Schweden und einigen mehr, Grenzen sind also auch geographisch nicht gesetzt. Unheimlich-Unerklärliches geschieht überall. Im Unterschied zu den klassischen Geistergeschichten haben diese kleinen Erzählungen gemeinsam, dass Kinder und Teenager die Hauptfiguren sind. Verändert das den Blick auf das Grauen?

Raffiniertes Spiel

Die sieben Geschichten sind für ein junges Publikum geschrieben. Harmlosigkeit darf man aber an keiner Stelle erwarten. Im Gegenteil beweist Blazon, dass sie eine gute Vorstellung von Ängsten von Kindern hat und genau weiß, dass sich deren grundsätzliche Erfahrung von Entsetzen nicht von der Erwachsener unterscheidet. Hier wird nicht verniedlicht, das kleine Publikum wird rundum ernst genommen.

Alle sieben Geschichten machen Angst unmittelbar erfahrbar. Dass die Geschichten nicht kurz sind, sondern ausgiebige Lektüre bieten, erlaubt es, die Spannung nicht nur zu steigern, sondern Ängste auch auszumalen. Die Autorin tut das genüsslich und die Leserin darf an dem Genuss in vollem Umfang teilhaben.

Der kindliche Blick ist beschränkt, das trägt dazu bei, dass sich im Handlungsverlauf wie in den Beschreibungen alles auf das Wesentliche konzentriert. Die blinden Flecken, die dadurch entstehen, werden genutzt, eine Frage nach der anderen aufzuwerfen und entsprechend zugeschnittene Antworten elegant zuzufüttern. Blazon liebt es, mit Erwartungen zu spielen, belässt es jedoch keineswegs dabei. Im Gegenteil schlägt sie atemberaubende Haken und hin und wieder sogar einen Salto, nach dem sich alles bisher Sichere als falsch erweist. Es lohnt sich unbedingt, die Geschichten mehrmals zu lesen. Nicht nur, weil sie so spannend und gruselig sind, sondern auch um die Raffinesse würdigen zu können, mit der Blazon ihr Spiel mit dem Unheimlichen treibt.

Kein Kuschelkurs

Gerade zeitgenössische Geistergeschichten sind häufig laut, grell, effekthascherisch oder oberflächlich bis zur Verniedlichung. Das ist hier nicht der Fall. Im Nachwort erzählt die Autorin von ihren eigenen Leseerfahrungen im Genre und gibt sich als Kennerin und Liebhaberin zu erkennen. Dass sie erfasst hat, was den Kern solcher Geschichten ausmacht, beweisen ihre Siebengeschichten. Es geht um Grenzerfahrungen, um Ursächliches. Es geht um Schlimmes, Bedrückendes, Schweres, das ins Leben von Menschen eingreift und das gibt sie wieder. Die fünfte Geschichte ›Das Mädchen im Spiegel‹ ist ausgesprochen hart, ›Die letzte Geschichte‹ (auch im Buch die letzte) andersartig, aber auch nur schwer zu verdauen.

Auch Urängste sind ein Thema. In ›Elchtaufe‹ lässt Stinas Blick auf den unergründlich tiefen See, in dem ihr Vater so gern schwimmen geht, die Leserin unschwer sowohl die weitverbreitete Angst vor tiefem Wasser wie die Fähigkeit, düstere Fantasien Realität werden zu lassen, nachempfinden. Dahinter entwickelt sich gleichzeitig die berührende Beschreibung von den Ängsten eines Kinds um ein sehr geliebtes Elternteil. Angst um die Familie hat auch Joey in ›Tante Dori‹, der gegen ein Gemälde antreten muss.

Angesiedelt sind die Handlungen allesamt im Alltag. Die jungen Leserinnen und Leser werden sich gleich im Vertrauten wiederfinden. Müßiges Geplänkel schildern die Geschichten aber nicht, da Blazon die Unsicherheiten ausleuchtet, die im Alltag präsent sind. Es geht um Mobbing, um Familienstreitigkeiten oder um Fehler Erwachsener, deren Folgen andere tragen müssen. Dass solche Fehler aus übergroßer Liebe geboren werden, ist einer der Hinweise auf das zweite Standbein »echter« Geistergeschichten, das jeweilig geltende ethisch-moralische Weltbild. Fehlverhalten, schwere Verstöße gegen die Ordnung der Welt, klassische Sünden, also, sind Auslöser für den Übergriff des Unheimlichen auf das Leben. Aber auch die kleinen Hauptfiguren laden Schuld auf sich und müssen dafür einstehen. Ungeschoren kommt niemand davon. Es gibt einiges durchaus Realistisches, worüber man nach der Lektüre nachdenken kann.

Versöhnlich ist keine der Geschichten, auch wenn es mindestens in einem Fall etwas wie Erlösung gibt. Die kleinen Heldinnen und Helden treten dem Unheil tapfer gegenüber. Das ist der einzige echte Trost, den Blazon bietet. Der Sieg ist nicht immer gewiss, um so tapferer sind die Kleinen. Die Figuren der letzten Geschichte schließlich sind mit ihren siebzehn Jahren die ältesten. Hier darf man sich gern fragen, ob der Erzähler ein Opfer des Leistungsdrucks in der Schule oder tatsächlich von Geistern ist. Vertrackt, sehr unheimlich und gut erzählt ist die Geschichte auf jeden Fall. Ein schöner Gruß an mindestens einen Klassiker ist sie ebenfalls und nicht der einzige.

Die Illustrationen von Isabell Kreitz unterstreichen den Reiz des Erzählten. Sie sind eher zurückhaltend, das Wechselspiel von Hell und Dunkel, Schatten und oft geradezu erschreckendem Weiß entwickelt ein eigenes Grauen, das man mit den Geschichten genießen kann. Die seltsam blassen Kapitelüberschriften und Seitenzahlen passen wunderbar zu dem Gebotenen, das irgendwo in dem Zwischenreich von Licht und Schatten angesiedelt ist.
Die kleine Sammlung ist eine würdige Ergänzung klassischer Geister- und Gruselgeschichten und sehr empfehlenswert. Aber bitte nicht leichtfertig in die Hand nehmen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Nina Blazon: Siebengeschichten
Mit Bildern von Isabell Kreitz
Hamburg: Aladin Verlag 2018
224 Seiten, 14 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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