Entscheidungsmacht

in Kinderbuch

Kinderbücher | E. Goudge: Das kleine weiße Pferd / H. Malot: Nie mehr allein

Von allen Büchern sind die für Kinder am wenigsten von ihrer Zielgruppe beeinflussbar. Erwachsene erfinden die Geschichten, publizieren sie, verkaufen sie. Das erste Buch, das man als Kind bekommt, bekommt man von einem Erwachsenen. Was so selbstverständlich klingt, ist tatsächlich Ausübung von Macht. Deswegen braucht man für die Auswahl von Kinderbüchern Fingerspitzengefühl und Verstand gleichermaßen. Gefühl allein reicht nicht. Schon gar nicht bei sogenannten Klassikern. Von MAGALI HEIẞLER

Das kleine weiße Pferd - 9783772527234England im 19. Jahrhundert. Als Marias Vater stirbt, muss sie zu ihrem letzten Verwandten aufs Land ziehen. Sehr bang ums Herz macht sie sich auf die Reise. So lässt Elizabeth Goudge ihren 1946 zum ersten Mal erschienenen Kinderroman ›Das kleine weiße Pferd‹ beginnen. Das ruft eingelernte Erwartungen hervor, die die Autorin zunächst raffiniert konterkariert. Maria ist nicht Aschenputtel. Ihre Reise endet in einem Märchenschloss, bei einem reizenden älteren Verwandten, der ihr jeden Wunsch von den Augen abliest. Sie hat die schönsten Kleider, der Tisch ist stets reich gedeckt mit Köstlichkeiten, die vor allem Kinder lieben, bald gehört ihr sogar ein kleines Pferd. Seligkeit pur.

Es gibt jedoch viel düsteres Gemunkel und unsere Protagonistin erkennt, dass sich hinter all dem Schönen Rätsel verbergen, die zu lösen es ihr in den niedlichen Kinderfingern juckt. Sie entdeckt nichts weniger als eine Beleidigung Gottes.

Keine Tiefe

Weder die Handlung noch die Figurenzeichnung lassen sich kurz zusammenfassen, so breit hat Goudge ihre Geschichte angelegt. Es ist ein Gemälde in allen Regenbogenfarben bei Tag und den feinsten Nuancen von Schnee und Silber bei Nacht. Es schillert, glitzert, gleißt, gleich, ob Landschaft, Gegenstände, Essen oder Gefühle beschrieben werden. Goldstaub und Zuckerguss überall, wie der Flitter auf dem Buchumschlag. Es lockt wie ein pralles Werbeplakat und ist exakt so flach. Der Flitter entpuppt sich als Staub.

Es werden nicht nur keine Fragen gestellt, ihre Antwort wird bereits vorausgesetzt. Eine christlich fundierte Weltordnung wird postuliert, die tatsächlich jedoch eine bis ins Kleinste traditionell bürgerliche Weltordnung ist. Nicht nur hat jede und jeder ihr und sein Plätzchen, sie sitzen bereits dort, selbst wenn es eine Zeit lang nur in Gedanken so ist. Maria als Angehörige des Ortsadels und magische Mondprinzessin findet ihren Ehepartner unterhalb ihres Stands, eine behauptete wichtige Verbindung der Gesellschaftsschichten. In Wahrheit wird er zu ihr emporgehoben und darf fürderhin auf nobelste Weise die Güter verwalten.

Grenzüberschreitungen, sei es ein Verbrechen, sei es ein Streit zwischen Liebenden, kommen einer Verletzung der Weltordnung gleich. Differenziert wird nicht. Dementsprechend leicht lassen sich die angeblich so tiefen Wunden heilen. Es eine statische, sterile Welt mit eindimensionalen Figuren. Aus einer trüben Mischung aus Magie, klar materialistisch basierten herrschaftlichen Vorrechten und klebrigem Gefühlsbrei heraus, wird Maria, durch pädagogisch wertvolle Sprüchlein in die rechte Richtung geschubst, die Retterin der Ehre Gottes und ihres irdischen Paradieses.

Erzählt ist alles fraglos mitreißend, mit einer Menge großartiger mehrsilbiger Wörter, rundum reizend, erbaulich, herzig, entzückend – man kann gar nicht anders, als in die süßlichen Epitheta des vorletzten Jahrhunderts zu verfallen. Goudge besticht durch zahlreiche possierliche Einfälle, vor allem, wenn es um die innige Verbindung zwischen ihrer Heldin und den Tieren geht. Nicht einmal Marias egoistischer Spaniel kann dem Ganzen Würze verleihen. Der misogyne Hausgeist als Drolerie in einem Kinderbuch ist entschieden ärgerlich, gar nicht davon anzufangen, dass die braven Dorfleute entweder zu dumm oder zu obrigkeitsgläubig sind, Hunde und Löwen zu unterscheiden. Die bösen schwarzen Männer benötigen schließlich nur gutes Zureden vonseiten des Herzenskinds, um zu akzeptieren, was die Kleine ihnen vorsetzt.

Goudge geht es bei aller begabter Märchenkunst vornehmlich um die gute, gottesfürchtige Herrschaft. Sie wird reichlich zelebriert. Dementsprechend besteht Marias Lohn aus einem glücklichen Eheleben mit zehn Kindern, möglicherweise mehr. Und der Aussicht, nach dem Tod (das Wort wird peinlichst vermeiden) ins Paradies zu gelangen. Auf dem Rücken eines Einhorns.

Der Geschichte mangelt es an in jeder Hinsicht an Tiefe und sie ist keine Hilfe bei der Betrachtung des komplexen Lebens moderner Menschen. Im Gegenteil sind die aufgetischten süßen Träume der dornenbesetzte Stoff, aus dem seit Jahrhunderten die Albträume einer Mehrheit von Menschen auf dieser Welt gewebt sind. Goudges Geschichte hat ihren historischen und ideologischen Wert, nicht zuletzt in der christlichen Tendenzliteratur. Kinder von heute sind nicht gut bedient damit.

Realismus – fast

Stärker der Wirklichkeit verhaftet ist Hector Malots Kinderroman ›Nie mehr allein‹. Er hat zudem den Vorteil, dass Entstehungszeit und Handlungszeit zusammenfallen. Das Buch erschien erstmals 1878. Überdies kann er damit prahlen, dass ein Kind an der Geschichte beteiligt war. Malot hat sie während ihrer Entstehung seiner Tochter vorgelesen und erklärt, nur geschrieben zu haben, was sie billigte. Was für ein Glück, dass die Kleine einen Sinn für farbige Geschichten hatte.

Rémi, der Protagonist, ist ein Findelkind. Er lebt glücklich bei seiner Ziehmutter, die er für seine richtige Mutter hält. Das Unglück bricht über ihn herein, als der Ehemann der Ziehmutter einen Arbeitsunfall hat, arbeitsunfähig wird und auch noch den Prozess gegen seinen Arbeitgeber verliert. Mit einem Schlag fehlt das Geld. Die Lösung liegt auf der Hand, Rémi als unnützer Esser muss aus dem Haus. Bevor die Tür des elenden Findelhauses hinter ihm zuschlägt, taucht der wandernde Künstler Vitalis mit Hunden und einem Äffchen auf und nimmt Rémi als Diener und Lehrbub gleichermaßen an. Das Abenteuer kann beginnen.

Hector Malot - Nie mehr allein - 9783825151287Ganz klar verbirgt sich hinter Rémis Findelkind-Status ein düster-dunkles Geheimnis. Ganz klar ist die Handlung zum Heulen schön. Die Spannung steigt aufs Vergnüglichste, man klebt an den Seiten. Es wird gehungert, gezittert, gefroren, gestorben, was das Zeug hält. Dass das Zeug über weite Strecken hält, verdankt die Leserin Malots scharfem Blick für die realen Verhältnisse im Frankreich seiner Zeit. Seine Geschichte ist ein Roadmovie, Rémis Reiseweg vom Limousin durch Südwest-Frankreich bis zur Provence und, in Band 2, den Rückweg sogar über Frankreich hinaus bis nach London, kann man auf detailreich gestalteten Landkarten im Vorsatz verfolgen. Die meisten Ortsnamen im Roman, auch der kleinen Ortschaften, sind echt.

Echt sind auch die Lebensverhältnisse. Malot zeigt weniger städtische als ländliche Lebensformen, was für die Mehrheit der Bevölkerung damals Realität war. Der Alltag war hart und schwierig. Ein Arbeitsunfall, ein Wettersturz, Krankheit, ein individuelles Unglück konnte die Einkommensquelle von jetzt auf nachher versiegen lassen. Familien werden auseinandergerissen, weil ein Elternpaar nicht mehr alle Kinder versorgen kann. Die Lebensverhältnisse sind brüchig, geben kaum Stabilität. Kinderarbeit ist üblich, am Beispiel des Kohlebergbaus zeigt Malot derartige Zustände.

Ende gut – alles gut?

Tatsächlich hat Malot einen Kolportageroman solider Güte für Kinder vorgelegt. Er vergisst nie, dass sein Publikum recht jung ist und so schenkt er ihm bei aller Härte der Schilderung viele harmonische Momente. Malot hält überdies wenig von erzieherischen Sprüchen aus Erwachsenenmund, er lehrt, indem er schildert, was geschieht. Positiv ist ebenfalls, dass die auftretenden Kinder, einzeln oder Gruppen, selbständig und aus sich heraus agieren. Sie reifen aus eigenen Erfahrungen.

Rémi ist ein herzensgutes Kerlchen, voller Liebe und sozialer Verantwortung. Er ist tapfer, mitfühlend, fürsorglich. Dass Freundlichkeit nicht die Welt ändern kann und zudem oft missverstanden wird, verbirgt Malot nicht. Dementsprechend geht manches nicht so aus, wie Rémi in seiner Gutherzigkeit hofft.

Das erspart der Leserin von heute freilich eine Menge Zuckerguss, vor allem im zweiten Teil, in dem sich das Geheimnis von Rémis Herkunft enthüllt. Hier wird es nämlich leider märchenhaft und kitschig über die Schmerzgrenze hinaus, was die Güte des Ganzen beeinträchtigt. Das Ende ist de facto der Todesstoß für die eigentlich gute Geschichte, betrachtet man sie aus heutiger Sicht.

Die Bearbeitung von Tiny Fisscher hat wohl zur Lesbarkeit beigetragen, der Text liest sich überraschend zeitgemäß. Beide Kinderbücher sind wunderschön ausgestattet. Goudge ist mit den märchenhaften Zeichnungen der Originalausgabe geschmückt, die die romantisierte Vergangenheit hervorheben, durch das schlichte Schwarz-Weiß die Farbigkeit der Worte aber nicht stören, sondern sacht unterstützen. Im Vorsatz gibt es Karten von Park und Landschaft, hinten eine Kurzinformation zur Autorin (mit Foto!) und das Buch hat ein Lesebändchen. Sein Format macht es geeignet für Kinderhände.

Malot ist dagegen eine Prachtausgabe, allein vom Format her. Charlotte Dematons hat es beeindruckend schön illustriert, durchgängig farbig. Es gibt ganzseitige Illustrationen, halbseitige, Abbildungen in Rahmen, Vignetten oder einfach frei auf der Seite herumspazierende Figuren. Die Farbgebung ist eher sanft, Dematons legt Wert auf Atmosphäre und hütet sich vor falscher Historisierung. Ihr Strich ist klar, sie spiegelt den realistischen Ton Malots wieder. Lesen und Betrachten werden hier gleichermaßen angesprochen. Dazu liefert der Verlag Hintergründe zur Geschichte und Informationen über den Autor, die Illustratorin und Bearbeiterin. Drolligerweise ist das Ganze aus dem Niederländischen übersetzt, nicht aus dem französischen Original.

Ob man die Bücher Kindern vorlegt, bleibt eine Frage von Fingerspitzengefühl und Verstand. Wie gesagt, nur Gefühl allein genügt nicht.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Elizabeth Goudge: Das kleine weiße Pferd
Mit Ill. von C. Walter Hodges (1946, The Little White Horse, übers. von Sylvia Brecht-Pukallus)
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2018
311 Seiten. 16 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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Hector Malot: Nie mehr allein
(1878 Sans famille/ 2016 Allen op de wereld, bearb. v. Tiny Fisscher, a.d. Niederländ. übers. von Eva Schweikart)
Illustriert von Charlotte Dematons
Stuttgart: Urachhaus 2018
301 Seiten. 25 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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