Rettungs-Aktion, teilweise geglückt

Kinderbuch | Dave Eggers: Die Mitternachtstür

Mal wieder steht die Welt kurz vor ihrem Ende, mal wieder sollen Kinder sie retten. Kein neues Motiv – aber durchaus eine vielversprechende Idee, findet ANDREA WANNER

MitternachtstürGran muss mit seinen Eltern umziehen. Der Vater findet dort, wo sie bisher gewohnt haben, keine Arbeit als Mechaniker mehr. Nur wird das am neuen Ort nicht besser. Was dort vor allem fehlt, ist das Meer. Dafür gibt es Berge. Und das ehemalige Zuhause seines Vaters. Gran weiß noch nicht so recht, was er von allem halten soll. Aber da ihn eh keiner fragt, versucht er das Beste aus der Situation zu machen. Das wird schwer.

Dave Eggers entwirft eine düstere Welt, die ohne Hoffnung scheint. Die Mutter sitzt im Rollstuhl und hat das Malen aufgegeben, Grans kleine Schwester wird von Alpträumen geplagt und den Vater bekommen sie gar nicht mehr zu Gesicht, weil er zum Arbeiten jetzt die ganze Woche unterwegs ist. Den übrigen Bewohnern von Carousel geht es nicht besser. Das ganze Städtchen ist krumm und schief, die Bewohner sind zänkisch und misstrauisch.

Das Schlimmste aber passiert Gran in der Schule: Er wird nicht gemobbt, sondern einfach von allen übersehen. Die einzige Ausnahme ist Catalina, ein Mädchen aus seiner Klasse. Aber auch die ist alles andere als nett zu Gran. Aber sie scheint ein Geheimnis zu haben und Gran ist wild entschlossen, dahinterzukommen. Ein winziger Lichtblick ist El Duque, der so etwas wie der Hausmeister der Schule ist, und der Gran von den goldenen Zeiten der Stadt erzählt, als sich das Karussell noch drehte.

Dave Eggers ist kein Kinder- oder Jugendbuchautor. Das Erstlingswerk in diesem Bereich des Bestsellerautors der mit ›The Circle‹ 2013 eine faszinierende Dystopie vorlegte, die die Praktiken der Überwachung und totalen Transparenz der gleichnamigen mächtigen Internetfirma schildert, wird einem jungen Publikum nicht immer gerecht. Szenen wie die Scham des Jungen, der in die Hose pinkelt, weil ihn die Lehrerin nicht aufs Klo lässt, werden nur erzählt und in keiner Weise aufgearbeitet.

Probleme und Ängste überwindet Gran viel zu schnell, um es glaubwürdig klingen zu lassen. Und Catalina, das merkwürdige Mädchen, dessen familiärer Hintergrund auch nur behauptet und nicht wirklich überzeugend wirkt, bleibt trotz ihrer Hauptrolle eine blasse Figur. Die Welt retten? Okay. Aber was ist mit den Problemen, die Gran in der Schule hat. Kein einziger Freund, kein Sozialkontakt. Stattdessen eine wichtige Rolle bei der Rettungsaktion. Ob sich Zehnjährige davon blenden lassen? Eher nicht. Zumal der Gegner, mit dem es Gran und Catalina zu tun haben, eher eine abstrakte Idee, als ein wirklicher Schurke ist.

Doch, natürlich ist das ein spannendes Abenteuer. Aber eben auch nicht mehr. Ganz unglücklich gewählt ist der Titel, denn die Mitternachtstür spielt nur einmal eine belanglose Nebenrolle. ›The Lifters‹ heißt das amerikanische Original. Und auch wenn man sich unter »Hebern« vermutlich zunächst nichts vorstellen kann, weist das in genau die richtige Richtung und betont die aktive Rolle, die diese »Lifter« in der Geschichte spielen.

Was wirklich aus dem Rahmen fällt, sind die Vignetten von Aaron Renier, der das Schicksal von Carousel in scherenschnittartigen Bildern an den Beginn jedes der 113 kurzen Kapitel stellt. Ja, auch das temporeiche Erzählen in diesen kurzen Sequenzen gehört zu den Stärken Eggers und des Buches. Und ein versöhnlicher Schluss, der allerdings doch ziemlich vorhersehbar war.

Vielleicht eignet sich das Abenteuer besonders in der ungekürzten Lesung von Jacob Weigert als Familienunterhaltung: um gemeinsam über das zu reden, was Eggers eher andeutet als ausführt und was vor allem junge Menschen belasten könnte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Dave Eggers: Die Mitternachtstür
(The Lifters, 2018). Aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Layer
Mit Vignetten von Aaron Renier
Frankfurt am Main: Sauerländer 2018
368 Seiten, 17 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Die Mitternachtstür
Audio-CD – Audiobook
Ungekürzte Ausgabe, Sprecher Jacob Weigert
Frankfurt am Main: Argon Sauerländer Audio
5 CDs, 14,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Audiobuch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein außerordentlicher Landschaftsmaler

Nächster Artikel

Durch 5000 Jahre im Schweinsgalopp

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Katzen, ein Junge und ein Goblin

Kinderbuch | Lafcadio Hearn / Anita Kreituse: Der Junge, der Katzen malte

Nicht alle Menschen sind für die Arbeit als Bauer geschaffen. Manche sind zum Maler geboren, manche auch dann noch mit nur einem Motiv. Wie der kleine Junge, der obsessiv immer nur Katzen malte. Was ihm dann einmal das Leben rettete. Von GEORG PATZER

Löwen, die schreiben können

Kinderbuch | Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte

Auch unser Löwe stört sich weiter nicht an seiner Unkenntnis, weil er stattdessen andere Dinge kann. Bis er eine Löwin trifft, sich ins sie verliebt und ihr das gern in einem richtig schönen Liebesbrief auch sagen möchte. Denn die in einem Buch lesende Löwendame macht auf den Löwen einen sehr gebildeten Eindruck. Von ANDREA WANNER

Erziehungsmaßnahmen für eine Prinzessin

Kinderbuch | Brigitte Endres: Die Prinzessin und die Erbse Schon wieder ein Prinzessinnenbuch. Und schon wieder so ein verzogenes Gör, über das alle den Kopf schütteln. Bekannte Märchenmotive – aber ganz neu inszeniert. Von ANDREA WANNER PDF erstellen

Glücksträume

Kinderbuch | Müge Iplikçi: Der fliegende Dienstag Geheime Wünsche hat jedes noch so kleine Kind. Allein sich vorzustellen, wie sie wahr werden, macht schon glücklich. Natürlich braucht man Fantasie dazu, aber welches Kind hat die nicht? Müge Iplikçi nimmt einen kindlichen Wunschtraum und verwebt ihn mit einem Ereignis aus dem Alltag. Herausgekommen ist ein etwas anderes Kinderbuch mit dem eigentümlichen Titel Der fliegende Dienstag. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Die Fantasie mal wieder

Kinderbuch | Janine Wilk: Das Reich der Tränen Misshandelte Kinder sind ein großes Thema, auch in Büchern für Kinder. Es zu behandeln ist eine große Aufgabe, gerade in Büchern für Kinder. Wichtig ist es, Hoffnung zu vermitteln. Dabei wird allerdings gern auf die Fantasie verwiesen. Auch bei Janine Wilks ›Das Reich der Tränen‹ darf sie wieder mal als Allheilmittel herhalten. So ganz reicht das nicht, meint MAGALI HEISSLER. PDF erstellen