Sweet fruit once bit me

Musik | Loving: Loving

Wenn Syd Barrett und Alex Brettin zusammen, frisch verlassen, in den Strawberry Fields liegen und träumen würden, hätten sie wahrscheinlich das gleiche Ergebnis erzielt: Das Album ›Loving‹ der gleichnamigen Band ist eine psychedelische Frühstücksmelancholie. MARC HOINKIS trank seinen Kaffee dazu.

Die kanadische Band ›Loving‹ (David Parry, Jesse und Lucas Henderson) veröffentlichte am 11. Juni 2016 ihr Debüt als Download auf Bandcamp, 2 Monate später noch einmal auf Kassette bei Haju Tapes. Richtig schön oldschool!

Loving - LovingDer erste Song des Albums, ›Sweet Fruit‹, führt in die Thematik des Albums ein: die Liebe und ihre Schattenseiten. Der Sänger reflektiert betrübt alte Zeiten und versucht über sie hinweg zu kommen, denn das Leben muss weitergehen. »I just want to let go colours i have known/ too much in an image that can’t be seen«

Die staksig geschlagene Gitarre und das hypnotisch schwermütige E-Gitarren Riff lassen den etwas holprigen Gesang, zusammen mit dem dezenten Synthie-Background und der subtilen Percussion Untermalung in höheren Sphären schweben.

›Forgot Again‹ erzählt von der tückischen Routine, die sich in eine Beziehung einschleichen kann. Sie führt dazu, dass man sich nichts mehr zu sagen hat und –noch schlimmer– vergisst. Die musikalische Begleitung in diesem Song klingt durchaus etwas positiver, jedoch verklärt oder gar etwas verstörend und verwirrt durch die schräge Intonation und die leiernde Windorgel.

angry weather in my head

In ›The Not Real Lake‹ wird ebenfalls das Vergessen thematisiert, jedoch führt es hier zum erholsamen Verdrängen der Geschehnisse. Der Sänger erwacht im Morgengrauen und die Welt ist nicht mehr dieselbe. Die Verwirrtheit lässt ihn die Nacht zum Tag machen und er irrt bis in den nächsten Morgen umher. Die Musik untermalt das gedankliche Unterdrücken durch das verklärte Zusammenspiel der beiden E-Gitarren, die etwas an den frühen R&B Sound erinnern und unschuldig hin und her springen.

Das Instrumentalstück ›Along Slow Little Wave/ Citizen an Activity‹ kommt tatsächlich einer gleichmäßigen Woge nahe, indem es sich aufbaut und erst an Dynamik zunimmt, um dann wieder abzuflachen. Die melancholische Harmonik greift die bisher aufgebaute Stimmung auf und versetzt den Zuhörer in eine kurze Trance.

Auch das folgende Stück, ›She Refused to Say‹, bezieht sich auf den Morgen, hier eher als Anbeginn einer bestimmten Zeit. Thema des Songs ist die misslungene Kommunikation zweier Personen. Doch leider wirkt das in ›The Not Real Lake‹ angesprochene Verdrängen nicht mehr: »most things remain forever imaginary.« Der flirrende Synthie-Background untermalt die akustische Gitarre und ausnahmsweise treibt das Schlagzeug den Song voran.

speak to me for once so truly

Der Song ›Bowlly Goes Dancing Drunk in the Future‹ drückt den Wunsch nach einer offenen und ehrlichen Beziehung aus. Ausschlaggebend für diesen Wunsch ist eine Nachricht, die der Protagonist, wieder am Morgen, gefunden hat: »this morning i awoke/ and read the words/ that you wrote/ they were different from what you spoke.« Das Main Riff klingt tatsächlich etwas verrückt, indem es wie eine kaputte Spieluhr krumme Töne einwirft. Nach der eher einfach gehaltenen Struktur verfällt die Musik kurz in eine sphärische Trance, um dann wieder in die Strophe überzugehen.

Der Song ›Where Everybody Goes‹ kann durch seine scheinbare Doppeldeutigkeit als hoffnungsvoll, aber auch als tragisch interpretiert werden. Der Protagonist wird verunsichert zurück gelassen und versucht seinen Blick nach vorn zu richten. Die letzten Verse könnten als die „alle Wunden heilende Zeit“, allerdings auch als das Ende des Lebens gedeutet werden. Die gezupfte Akustikgitarre trägt den Gesang, während die E-Gitarre Fills einwirft. Dieses Stück springt zwischen melancholischer Trübseligkeit und überraschender Fröhlichkeit hin und her und führt zum Ende des Albums.

Perfekt unperfekt

Die LoFi Ästhetik des Albums ergibt sich einerseits aus dem starken Rauschen, andererseits durch kleine Unreinheiten wie schnarrende Seiten, Geräusche aus dem Studio und Fehler beim Einspielen. Musikalisch ist das Album eher monoton gehalten und vermittelt den niedergeschlagenen Eindruck, den auch die Texte hervorrufen. Jedoch enden die Stücke in der Regel auf einem unerwarteten Akkord. Die meist schlingernde Intonation passt sich merkwürdig perfekt an den eher hohen, nasalen und klagenden Gesang an. Das ungleichmäßige Metrum, welches zwischendurch sogar eher ins Gesprochene übergeht, schwimmt auf der Musik.

Die psychedelischen Texte sind durchtränkt mit oxymoronischen Zeilen wie »How could I forgot i remember saying« oder »I am clearly dissappearing« und angenehm trauriger Bildsprache, die meist die morgendliche Trübsinnigkeit darstellt. Die Texte bilden mit ihrer abgehobenen Metaphorik immer einen Rahmen, indem die ersten Verse komplett übernommen oder irgendwie aufgegriffen werden. Mit einer Albumlänge von etwas über 18 Minuten ist ›Loving‹ ein schöner, aber trauriger Kurzurlaub in dem gebrochenen Herzen einer verlassenen Seele.

| MARC HOINKIS

Titelangaben
Loving: Loving
Haju Tapes

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