Kinderpsychologie light

in Jugendbuch

Jugendbuch | Ingrid Ovedie Volden: Unendlich mal unendlich mehr

Sicheren Boden unter den Füßen haben und geschützt aufwachsen, ist etwas, das man jedem Kind wünscht. Das Leben allerdings ist voller Unsicherheit. Mit dem Widerspruch umzugehen, ist schwer. Zuweilen reagieren Kinder darauf auf eine Art, die mehr schadet als nützt. Gut, dass geschulte Erwachsene bereitstehen, um dem im Handumdrehen abzuhelfen. Auf dem Papier. Von MAGALI HEIẞLER

Unendlich mal unendlich mal mehr 350Petra, zwölf Jahre, ist ein bisschen stolz darauf, dass ihr Name »Fels« bedeutet. So stark wie ein Felsen fühlt sie sich allerdings nicht, wenn sie ehrlich ist. Dazu kommt neuerdings große Angst vor dem Wasser. Wasser lässt sich vermeiden, indem man nie ins Schwimmbad geht. Mit der untergründigen Unsicherheit umgehen ist schwieriger, aber Petra hat eine Möglichkeit gefunden, sie zu bannen. Sie hält sich strikt an gerade Zahlen. Wie viele Brote sie isst, wie oft sie den Kamm durch die Haare zieht, wie viele Tore sie schießt beim Fußball, all das muss einer geraden Zahl entsprechen. Ungerade sind »kaputt«, sie bringen Unglück, wie auch das Betreten eines Gullydeckels. Auch das vermeidet sie streng.

Die Begegnung mit der Zahl Pi im Unterricht gleich zu Beginn des neuen Schuljahrs trifft sie tief. Die Vorstellung der schieren Größe von Pi löst einen Schock aus, der Petra stracks zum Schulpsychologen führt. Ihm schüttet sie ihr Herz aus und er findet eine Lösung. Das ist aber erst der Anfang eines ganz neuen und aufregenden Lebens!

Klarheit als Nebelkerze

Petra ist keineswegs der einzige Teenager in Nöten, den Volden auftreten lässt. Freund Chris hat Schwierigkeiten, sich klar zu äußern. Zudem kann er seine Aggressivität nicht steuern, was nicht nur ihn, sondern auch andere in Mitleidenschaft zieht. Petras Freundin Melika ist mit ihrer Familie aus einem der Kriegsgebiete der Welt geflohen und in Norwegen gelandet. Ihr älterer Bruder ist noch unterwegs, Melika macht sich größte Sorgen um ihn.
Chris und Melika allein sind schon Gründe genug, um Petra deutlich zu machen, dass die Welt kein sicherer Ort ist. Auch ihre familiäre Situation ist nicht stabil. Ihre Mutter ist, aus Schweden kommend, in dem kleinen Ort in Norwegen gestrandet. Sie arbeitet als Kellnerin im örtlichen Café. Die Beziehung zu den schwedischen Großeltern ist nicht konfliktfrei, sie sind ebenso fern und abwesend wie ein Vater. Bei aller gegenseitigen Zuneigung spürt Petra, dass die Mutter nicht zufrieden ist, mit dem, was sie erreicht hat.

Volden lässt ihre Geschichte mitten im Geschehen beginnen, ohne Vorgeplänkel und Erklärungen. Petra erzählt, klipp und klar, scheint es zunächst. Erst nach einigen Seiten merkt man, wie geschickt in Petras Darstellung die kleinen Risse und Brüche eingeschoben werden, auf die es in der Handlung wirklich ankommt. Klarheit und Sachlichkeit, bis hin zu nahezu Schroffheit in Beschreibungen werden benutzt, um zu verschleiern, wie es um Petra steht. Sie will es nicht wissen.

Die Protagonistin hält ihre Gefühle hart in Schach. Sie hat sich einiges aufgeladen, was zu schwer ist für sie. Sie nimmt die Bedeutung ihres Vornamens zu wörtlich. Petra weicht nicht nur ihren persönlichen Ängsten aus. Die Besuche beim Schulpsychologen verschweigt sie zu Hause, um ihrer Mutter Sorgen zu ersparen. Ein Konflikt mit Chris wird nicht ausgetragen, weil sie Angst hat, die Freundschaft zu gefährden. Die haarsträubende Rettungsaktion von Melikas Bruder wird gleichfalls vornehmlich aus Eigenem durchgeführt, ungeachtet anderer Folgen als der erwünschten.

Zwangsvorstellungen bei jungen Teenagern, lebendige und mehrschichtige Nebenfiguren in Kombination mit der gekonnt vernebelten Perspektive einer unzuverlässigen Ich-Erzählerin, anregende Bezugnahme auf Mathematik und Dichtung samt einigen ungewöhnlichen Sprachbildern hätten für sich genommen einen wahrscheinlich mehr als nur guten kleinen Roman ergeben.
Es hat nicht sollen sein.

Heilige Ordnung, segenreiche

Was die Autorin bewogen haben mag, die originelle Grundidee des Debütromans und ihre gelungene komplexe Verarbeitung zugunsten einer Anhäufung platter feel-good-Versatzstücke aufzugeben, ist aus dem Roman nicht herauszulesen. Es ist eben passiert und spätestens nach einem guten Drittel kann man nur den Kopf schütteln. Oder das Buch, je nach Temperament.

Die deutliche Bezugnahme auf Mathematik und Literatur verkommt zum Verschen schmieden (mit krönendem Abdruck im Lokalblättchen), der Schulpsychologe hat keine Schwierigkeiten, Petra zu entlocken, was er entlocken muss, damit die Geschichte weitergeht. Er eröffnet dem Mädchen (und der verblüfften Leserin) umgehend die Diagnose »magisches Denken« und weiß auch eine Medizin: Petra muss sich ihren Ängsten stellen. Woher die Ängste rühren, ist unwesentlich. Also schickt er das Kind ins Schwimmbad.

Wunder gibt es immer wieder und so – findet sie im ehemals gefürchteten Nass ihre erste Liebe. Wenn sie nicht von dem wunderbaren Jungen träumt, lernt sie viele Nachkommastellen von Pi auswendig. Selbsthypnose gegen Ängste und Liebe als Medizin. Ist das schön!

Dazu löffelt Volden eine Portion (angeblich) ganz normalen Schulalltags in Gestalt einer Bitch über das Gericht und gießt aus einer weiteren vertrauten Schüssel Political Correctness darüber, dass einer die Tränen kommen. Kinder mit und ohne psychische Auffälligkeiten lernen und spielen zusammen, Mädchen sind Fußballspielerinnen vom Feinsten und schließlich machen Kinder sich auf, Menschen mir nichts, dir nichts, aus anderen Ländern zur Familie zu holen. Man braucht nicht mehr dazu als einen freundlichen Lastwagenfahrer und einen Diplomaten, um etwaige Wogen zu glätten. Insgesamt geht Freundschaft über alles und ganz klar findet auch Petras Mutter am Ende etwas Besseres, als Gäste im Café zu bedienen.

Tatsächlich verrät Volden um der lieben Ordnung willen ihren eigenen Roman. Es gibt keine Auseinandersetzung darüber, dass Chris es war, der Petras Leben in Gefahr gebracht hat wegen seiner mangelnden Impulskontrolle. Ein Psychologe weiß nach drei Sätzen, woran es fehlt bei einem Teenager und ein Teenager sagt selbstverständlich die Wahrheit, wenn sie oder er widerwillig einem Psychologen gegenübergesetzt wird. Die Maßnahmen des Psychologen sind unfehlbar und schlagen umgehend an. Liebe heilt alles. Und wenn man liebt, geht auch alles glatt. Vielleicht sollte die Flüchtlingshilfe weltweit einfach mehr lieben?

Schade um die gute Idee. Aber das Cover ist genial!

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Ingrid Ovedie Volden: Unendlich mal unendlich mehr
(Allt som teller, 2016). Aus dem Norwegischen von Nora Pröfrock
Stuttgart: Thienemann 2018
174 Seiten, 12,99 Euro
Jugendbuch ab 11 Jahren
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