»Ohne Tod hat das Leben keinen Sinn«

Jugendbuch | Ross Welford: Der 1000-jährige Junge

Unsterblichkeit ist ein uralter Menschheitstraum. Ob es wirklich so erstrebenswert ist, ewig zu leben, fragt Ross Welford in einer packenden Geschichte. Von ANDREA WANNER

1000jaehrige JungeAlfie ist elf. Aber das ist er schon seit tausend Jahren, seit er eine magische Lebensperle genommen hat. So steckt genaugenommen ein lebenserfahrener Greis im Körper eines elfjährigen Jungen. Er erinnert sich an die Wikinger, hat blutige Schlachten gesehen, sich mit seiner Mutter und immer wieder neuem Namen möglichst unauffällig an verschiedenen Orten in England aufgehalten.

Nach dem Tod des Vaters sind es nur seine Mutter und eine Katze, die ihm bleiben. Denn als Nimmertote werden sie nicht älter – anders, als die Menschen um sie herum. Sterben allerdings können sie, wenn es durch eine äußere Gewalteinwirkung geschieht. Und so steht Alfie, als seine Mutter bei einem Brand ums Leben kommt, plötzlich mutterseelenalleine da.

Und jetzt? Wie soll Alfie in der Welt zurechtkommen? Er hat Glück, denn Aidan und Roxy finden ihn. Zwei, die seit kurzer Zeit erst Nachbarn sind. Ein mutiges Mädchen und ein Junge, der immer noch mit dem Umzug an den neuen Ort hadert. Ein Trio, das auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen will, dass dann aber doch beweist, dass wahre Freundschaft etwas ganz Besonderes ist und man sich auf Freunde immer und überall verlassen kann.

Philosophische Fragen

»Möchtet ihr ewig leben?«, fragt Alfie an einer Stelle die Leserinnen und Leser ganz direkt. Und schildert dann seine ganz persönliche, aus Erfahrung gewonnene Sicht: »Ich kann es leider nicht empfehlen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und mir ist natürlich klar, dass es etwas Besonderes ist. Bloß will ich es nicht mehr. Ich möchte älter werden, genau wie du.« Er hat verfahren, wie es ist, wenn man zu niemandem eine Beziehung aufbauen kann, weil jeder andere Mensch älter wird, neue Interessen entwickelt, sich verliebt … Er steckt für ewig in der Übergangsphase zum Jugendlichen fest. Nein, das ist es nicht, was das Leben wertvoll und schön macht. Alfie hat beschlossen, dass er das nach tausend Jahren nicht länger will. Aber um das zu schaffen, braucht er die Hilfe seiner Freunde.

Ross Welord gelingt eine kluge Mischung aus Fantasy- und Abenteuergeschichte, Freundschaft nimmt eine wichtige Rolle darin ein, aber auch Familie und der Wert, den sie bietet. Er lässt das große Thema Unsterblichkeit nie schwer werden, sondern findet immer wieder kleine Nebenschauplätze, wo er einen witzigen Ton anschlagen kann. Zum Beispiel wenn ein Klassenausflug in ein Freilandmuseum führt, das die Welt der Angelsachsen lebendig werden lässt und Alfie obernervig den Museumsführer bei jedem Wort korrigiert. Er war ja schließlich dabei.

Abwechselnd erzählen Alfie und Aidan diese unglaubliche Geschichte. Zwischen ihnen liegen tausend Jahre. Eine archaische Welt voller Geheimnisse und Wunder prallt auf eine moderne, die mit Smartphones, Computern und DNA-Analysen Mysterien aus dem Weg zu räumen versucht. Irgendwo dazwischen bewegen sich die drei Kinder, staunen über das, was sie nicht kennen, lernen dazu und hoffen, dass es ihnen am Ende gelingt, dem Spuk ein gutes Ende zu bereiten.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Ross Welford: Der 1000-jährige Junge
(The 1,000 Year Old Boy, 2018). Aus dem Englischen von Petra Knese
Münster: Coppenrath 2019
382 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Furchterregend und wunderschön

Nächster Artikel

Zwei Freunde – ein Verbrechen

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Außergewöhnliches

Jugendbuch | Diana Sweeney: Am tiefen Grund Auf dem hiesigen Kinder– und Jugendbuchmarkt hat sich in den letzten fünfzehn Jahren ein stilles Phänomen gezeigt, ungewöhnliche Bücher aus Australien und Neuseeland. Strittige Themen, Originalität in Präsentation und Formen, eine ausgezeichnete Sprache, aufregende Illustrationen, andere Sichtweisen auf Menschen bringen ganz besondere Geschichten hervor. So auch bei Diana Sweeneys Debütroman, der eine weitere Perle in der Kette außergewöhnlicher Jugendbücher aus Australien ist. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Verlockendes Teufelszeug

Jugendbuch | Andy Mulligan: Liquidator Wenn sich Jugendliche an die Lösung eines Kriminalfalls machen, gibt es für Autorinnen und Autoren zwei Möglichkeiten. Entweder man sorgt für einen kleinen, mehr oder weniger plausiblen Fall, dessen Aufklärung durch Amateure im Bereich des Möglichen liegt. Oder man greift in die Vollen. Dann wird es vermutlich eher unglaubwürdig, dafür spannend. Wie im vorliegenden Fall. Von ANDREA WANNER PDF erstellen

Freundschaft

Jugendbuch | Martin Gülich: Der Zufall kann mich mal Freunde sind das Wichtigste, jedenfalls, wenn man gerade vierzehn ist. Allerdings ist das auch das Alter, in dem Freundschaft das schwierigste ist, weil das Leben plötzlich enorm kompliziert aussieht. Martin Gülich erzählt eine solche Geschichte mit einem ganz besonderen Helden und seinem charakteristischen etwas anderen Blick auf das ganz normale Leben. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Pasta und Pizza – in Wales

Jugendbuch | Giancarlo R. Gemin: Café Morelli Italien und Wales – das ist keine Kombination, die man landläufig erwartet. Giancarlo Gemin, Waliser mit italienischen Wurzeln, versteht es, die ungewöhnliche Mischung auszunützen. Für eine feine Geschichte, in der es nicht nur ums Essen geht. Von MAGALI HEIẞLER PDF erstellen

Fäuste sind blind

Jugendbuch | Phil Earle: Billy sein Billy ist fünfzehn und er hat genug von Worten. Von Worten wie »Mutter«, »Vater«, »Zuhause«, aber auch von »Selbstbeherrschung«, oder »soziale Kompetenz«. Alles Lügen oder Psychogesumms, Billy ist ganz sicher. Die einzige Sprache, die etwas bewirkt, ist die des Zuschlagens. Und das kann Billy – so gut, dass er andere krankenhausreif prügeln kann. Billy ist ungeheuer wütend. Billy ist von Grund auf traumatisiert. Phil Earle hat in seinem Debütroman ›Billy sein‹ eingehend beschrieben, wie es sich anfühlt, mit fünfzehn immer nur wütend und verzweifelt zu sein. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen