Goldgräber, Walfänger, indigene Stämme I

Textfeld | Wolf Senff: Goldgräber, Walfänger, indigene Stämme I

Das darf nicht wahr sein!, rief McAlister: Gibt es nicht! Er strich sich über das Haar, lachte schallend auf und setzte sich.

Gramner erschrak und richtete sich auf.

McAlister winkte der Theke und bestellte einen Bourbon.

Da hört sich alles auf!, rief er. Die Schuld für ihre Erkrankungen uns anzulasten! Pocken? Masern? Grippe? Pest? Sie behaupten, vor der Invasion hätten sie diese Krankheiten nicht gekannt?

Gramner nickte.

LaBelle sah fragend auf.

Absurd!, rief McAlister. Doch so sind sie, die Ureinwohner. Sollen sie die Vergangenheit ruhen lassen! Zivilisationskrankheiten! Was bitte soll das sein?

Gramner schwieg. Er war überrascht, daß McAlister von dem Tisch am Fenster aufgestanden und herüber gekommen war.

Dort ging es turbulent zu, die Wogen schlugen hoch. Einige Walfänger waren darauf aus, sich mit den Goldgräbern anzulegen, die an der Theke saßen. Der streitlustige Rotschopf rief ihnen einen spöttischen Trinkspruch zu.

Dabei waren die Walfänger nicht in die Konflikte auf dem Festland verwickelt, was hatten sie damit zu tun, sie waren die meiste Zeit auf See, waren außen vor, was die eingeborenen Stämme betraf, die durch die spanische Invasion und die britische Kolonisierung angepaßt, versklavt, verdrängt und seit neuestem infolge der Jagd nach dem Gold vertrieben wurden, von Genozid war die Rede.

Der Goldrausch nehme kein Ende, sagte Gramner: Im Vertrag von Fort Laramie 1868 sprächen die US-Regierung den Lakota die Black Hills, heiliges Land der Vorfahren, als exklusives Jagdgebiet zu, doch sechs Jahre später halte sich General Custer gesetzeswidrig dort auf und stoße auf Gold. Zahlreiche Goldsucher seien in das Gebiet eingedrungen, anfangs nach Custer, später nach Deadwood.

Das 7. Kavallarie-Regiment unter General Custer unterliege den Lakota 1876 am Little Big Horn, doch den Lakota werde das Gebiet im darauffolgenden Jahr nach deren Niederlage entzogen.

Ein Prozeß der Lakota um das Eigentumsrecht schleppe sich von 1921 bis 1982 hin, sagte Gramner, der Bundesgerichtshof stufe die Maßnahme als Enteignung ein und spreche den Lakota einhundertfünf Millionen Dollar Entschädigung zu. Doch die Lakota weigerten sich, den Betrag anzunehmen, und verlangten stattdessen die Rückgabe. Ihr Reservat, man müsse das wissen, sagte Gramner, gehöre zu den ärmsten Landstrichen der Vereinigten Staaten, gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts betrage die durchschnittliche Lebenserwartung vierundvierzig Jahre. .

Unser Termoth, der Scammons Schoner kommandiert, ist ein Navajo, nicht wahr?, fragte McAlister.

In den USA gibt es Hunderte Indianerstämme, First Nations, die sich selbst verwalten, die Navajo sind die zahlenmäßig stärksten, erklärte Gramner, ihr Stammesgebiet sei das größte Reservat und erstrecke sich über Gebiete in Utah, Colorado, New Mexico und Arizona.

Soll er froh sein, daß ihn Scammon angeheuert hat, sagte McAlster. Er erzählt auch von den traditionellen Zeremonien seines Volkes?

Sie gleichen Störungen aus, sagte Gramner, und erneuern die Balance zwischen Himmel und Erde. Grundfeste des Lebens seien die Pflege des Erfahrungswissens und die Sorge um die nachwachsenden Generationen gewesen, jahrtausendelang, behaupten sie.

Jede Erkrankung sei eine Störung des Gleichgewichts, der Harmonie, sagte McAlister: Richtig?

Termoth erzählt davon, ja, sagte Gramner und nickte. Die Navajo kennen keine invasive oder auch nur schmerzhafte Medizin. Ihre Zeremonien sind komplizierte Abläufe, sie sind uns fremd. Zuni und Navajo sind zurückhaltend, wenn es um heilige Dinge, besonders um Heilungen geht; denn sobald man über diese Vorgänge spräche, verlören sie ihre Wirkung. Die Zeremonien würden die Krankheit besänftigen, heißt es, sie würden den aggressiven Schub stillen. Alles will leben, verstehst du, auch eine Krankheit will leben, die Dinge sind kompliziert.

Erzählte er nicht von einem Handzitterer, fragte Touste, einem Schamanen, der die Ursache der Disharmonie feststellt?

Er wähle die Zeremonie aus, ja. Sie könne sich über einige Tage hinziehen und aus hundert und mehr Gesängen bestehen, die von einem Sänger vorgetragen würden. Die Abläufe seien präzise einzuhalten. Berühmt seien die Sandgemälde, künstlerische Objekte, Landkarten des Weltalls, die die Disharmonien ausgleichen. Daran sei Termoth beteiligt.

In meinen jungen Jahren, so klagt Kenekuk, Häuptling der Sauk, war das Land schön. In den Flußauen wuchs Wald: Baumwollebäume, Ahorne, Ulmen, Eichen, Hickorys, Walnüsse und viele Arten mehr. Da wuchsen im Unterholz Reben und Büsche, und eine Stufe tiefer gediehen Kräuter und Blumen. Die Tiere gingen, flogen, sprangen, liefen und spielten herum. Doch das Gesicht des Landes ist verwandelt, klagt er, und voller Trauer, die lebenden Wesen sind dahin. Ich sehe das Land verwüstet, mich drückt unsäglicher Kummer.

Der Rotschopf gesellte sich zu ihnen. Was, fragte er, verschlägt Termoth auf Scammons Walfänger?

Dazu sagt Termoth nichts. Er kennt die Zeremonie des Segensweges, sagte Gramner, die des Heiligungsweges und die des Weges der Reinigung. Das kommt nicht an, Rotschopf, die Stadt und die Goldgräber sind eine andere Welt.

Viele dieser Zeremonien sind vergessen, ergänzte Gramner. Doch im zwanzigsten Jahrhundert erwächst eine Renaissance. Die Zeremonie des Geisterhauses, eine Variante des Bebenden Zeltes, bei den Arapaho seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts verschollen, wird ein halbes Jahrhundert später, 1955, durch einen Schamanen der Lakota erneut etabliert. Das gibt Anlaß, zu hoffen. Die Welt des Weißen Mannes wird brüchig, sie fällt in Scherben.

LaBelle war irritiert. Was war davon zu halten? Von welchen Zeitläuften erzählte Gramner?

Gramner lächelte. So wird es sein. Die Medizin der Industrienationen ist aggressiv, sie will die Krankheit ausmerzen und behandelt die Körper, ohne den Menschen zu helfen; sie steuert auf eine Sackgasse zu und will das nicht wahrhaben.

Die Navajo sind ausgerottet, Gramner, sagte McAlister. Sie wurden aus ihren angestammten Gebieten zwangsdeportiert.

Sie kehrten zurück und werden sich erholen, entgegnete Gramner, wie sich der Grauwal erholen wird. Er ist dezimiert und fast ausgestorben, in den Lagunen suchst du ihn. Die sogenannte Moderne ist faul und verrottet, sie wird die Menschen nicht mehr lange für die so trügerisch glänzende Industriegesellschaft einnehmen, das Durcheinander ist furchterregend. Kalifornien, sagte er, stehe in Flammen.

Die ihm zuhörten, schwiegen verblüfft.

So wird es sein, bekräftigte er. Die europäischen Invasoren, die Amerika in ihre Gewalt brachten und die reichen Kulturen der eingeborenen Völker auslöschten, setzten der Gemeinschaft der Menschen mit der spirituellen Welt ein abruptes Ende.

Ob das nicht eine verwegene Theorie sei, fragte McAlister.

Nein, antwortete Gramner, im Gegenteil, das sei der Schlüssel, der die Tür einen winzigen Spalt öffne und Anlaß zu hoffen gebe. Die Navajo jener Moderne erleben sich als eine Kolonie im eigenen Land, sie hausen in armseligen Reservaten und werden gezwungen, sich der amerikanischen Lebensweise anzupassen.

Das nennen wir Integration.

Ein Beispiel nur, McAlister: Hör zu! Die indigenen Völker im Nordwesten, in Washington, lebten viele Jahrhunderte lang vom Fischfang, von den Lachsschwärmen in den Flüssen. Die Lebensweise der Industriegesellschaft, sei es durch Regulierung der Flußläufe, durch Erwärmung ihres Wassers, das als Kühlwasser der Kraftwerke dient, reduziert die Lachsbestände so erheblich, daß dieses traditionelle Leben für die indigenen Stämme nicht länger möglich ist, verstehst du?

Die Lebensweise der Industrienationen ist alternativlos, sagte McAlister, sie ist rasant und ohne Beispiel, Gramner. Das sei der Anfang ihres Tuns, heißt es in der Schrift, und fortan werde ihnen nichts unerreichbar sein.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Edward S. Curtis creator QS:P170,Q433128, A ‚Yebichai Sweat‘ Navajo medicine ceremony. Wellcome V0038479, CC BY 4.0

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