Nachgerufen am 30. April / Vom Aufheben

Lyrik | Peter Engel: Nachgerufen am 30. April

Leider nur ein einziges Mal
erlebte ich das Orgeln
seiner Gedichte aus der Nähe.

Murray las im Gemeindesaal,
urig wie ein Buddha saß er da,
rund und strahlend wie ein Vollmond,
regenfarben sein Pull,
alles war reine Wortmusik,
yea, hätte ich rufen sollen.

In einem Akrostichon ergeben die ersten Buchstaben jeder Zeile, fortlaufend gelesen, eines oder
mehrere neue Wörter.

Vom Aufheben

Die Wörter dieser Zeile sind
hier im Augenblick des Schreibens
wie glasklar aufbewahrt,
kehre ich aber den Rücken,
sind sie wie aufgehoben
und schwinden aus meinem Sinn.

Doch nehme ich mir den Text
wieder vor nach gewisser Zeit,
finde ich ihn dreifach wieder,
bewahrt und verschwunden zugleich
in neue Zeilen hinein,
die ich fortschreibe beim Lesen.

| PETER ENGEL

Peter Engel lebt und arbeitet in Hamburg. Er veröffentlichte Lyrik, u. a. in ›Rückwärts voraus‹ und ›Wolkisch lernen‹, und gibt seit 2014 gemeinsam mit Günther Emig die Zeitschrift für Kurzprosa ›Hammer + Veilchen‹ heraus.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Music From The Margins: New Albums Reviewed

Nächster Artikel

Zickenkrieg

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Neulich in der Botanik (1)

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Dieser Baum ist Lebensraum doch jener nicht, man glaubt es kaum

Vier Gedichte

Lyrik | Wolfgang Denkel: Vier Gedichte

Nicht Zeus

Nach langer Zeit der erste
Wind. Keinen Namen
trägt er mir zu. Nur sich
selbst. Er streift meine
empfindsam gewordene
Schläfe, die gezackte
Ader entlang

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

In einem Zuge

Wenn dir der besondere Tag
den Stift führt und ihn gleiten läßt,
wie von anderer Hand geführt,
dann schreibt sich die Morgenstunde
selbst hin mit ihren Eigenarten,
ist heiter wie der Vormittag.

Ein Totentänzchen geschafft

Lyrik | Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß Paradiesvogelschiß heißt der letzte Gedichtband Peter Rühmkorfs. Kurz nach der Publikation ist der Achtundsiebzigjährige im Juni gestorben. Als seine lyrische Abschiedsvorstellung war das Buch wohl auch gedacht. Neben letzten Gedichten enthält es vornehmlich gereimte und ungereimte Selbstgespräche und Merkverse, Sentenzen und Aphorismen aus dem Nachlass zu Lebzeiten des Dichters von ihm selbst seiner Werkstatt entnommen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Bestimmung

TITEL-Textfels | Ronald Glomb: Gedichte Der Lachs folgt dem Lockruf der Wildnis Er springt dem Gast vom Teller