Schwere Entscheidungen

Jugendbuch | Clare Furniss: Morgen ist heute schon vorbei

Hattie kann es auch nach dem 4. Test noch nicht glauben: sie ist schwanger. Von Reuben, der doch eigentlich nur ihr bester Freund ist. Wie soll und kann es weitergehen? Von ANDREA WANNER

Morgen ist heute schon andersHattie versucht es relativ erfolgreich mit Verdrängen: Wenn sie gar niemandem davon erzählt, dass sie ein Kind erwartet, dann ist es vielleicht auch so. Der Anruf einer unbekannten Frau, die erzählt, dass Hattie eine Großtante hat, von der niemand wusste, ist eigentlich eine willkommene Ablenkung. Auch der Besuch bei Gloria, die sich Hattie so ähnlich wie ihre verstorbene Großmutter vorstellt. Aber Olivia ist anders. Exzentrisch, verletzend. Und an Alzheimer erkrankt.

Eine missglückte erste Begegnung müsste eigentlich auch die letzte gewesen sein. Stattdessen sind die beiden Frauen – die sehr junge und die alte – schon bald gemeinsam unterwegs auf einem Roadtrip, einer Reise in Olivias Vergangenheit. Olivia will, dass es einen Menschen gibt, der die Wahrheit über sie und ihr Leben kennt, damit ihre Geschichte nicht vergessen wird.

Das Projekt, das Clare Furniss mit dieser Story startet, hätte leicht ins Kitschige abrutschen können. Sehr leicht. Aber es gelingt der britischen Autorin souverän, die Klippen zu umschiffen. Sie lässt sich, der Geschichte und den Figuren Zeit. Alles kann und darf sich langsam entwickeln und ausbreiten. Lesend lernt man Hattie und Olivia näher kennen.

Zwei Handlungsstränge erzählen aus der Vergangenheit und Gegenwart, dazwischen die Begegnungen der beiden, die Parallelen zeigen, Fragen aufwerfen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen.

Es geht um Liebe, Schwangerschaft, Lebensentwürfe und Identität – in zwei ganz unterschiedlichen Generationen. Mit geschickter Hand verknüpft Furniss die Fäden, lockt die Leserinnen durch Hatties Interpretation von Olivias Geschichte auf falsche Fährten, weckt Erwartungen – und überrascht an vielen Stellen.

Nein, der Jugendroman ist trotz der Vielzahl an Themen nicht überladen. Kontur gewinnen sogar viele der Nebenfiguren, wenig wird einfach behauptet, vieles durch kleine Beobachtungen und Episoden nachvollziehbar und glaubwürdig. Liebe und Enttäuschung, Pläne und Verzicht, Kopf- und Bauchentscheidungen, Richtiges und Falsches, Vertrauen und Verrat: alles liegt nah beieinander, alles, wird spürbar, ist nicht nur heute ein Thema, sondern war es auch vor 50 Jahre.

Und trotzdem hat sich viel geändert, sind die Herausforderungen der über 70 Jahre alten Olivia und der 17jährigen Hattie jeweils ganz andere, vor denen sie standen bzw. stehen. Es sind knapp 500 Seiten, auf denen man zwei besondere Frauen durch ihre Geschichte begleiten darf. Sie lesen sich einfach spannend, sind von Wärme und Zuneigung zu Hattie und Olivia geprägt, die man auf ihrem besonderen Weg lesend ein Stück begleiten kann.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Clare Furniss: Morgen ist heute schon vorbei
(How not to Disappear, 2016). Aus dem Englischen von Christiane Stehen
Reinbek: Rowohlt 2019
496 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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