Die Welt, eine einzige Beleidigung

Jugendbuch | Anne Krüger: Allee der Kosmonauten

Ein Leben, in dem alles passt, Beruf, Einkommen, Familie, Freundinnen und Freunde und selbst das Wetter rund um die Uhr, das ist das Einzige, das anzustreben sich lohnt, mögen so manche denken. Wieso lässt sich das nur nicht finden? Die Welt ist einfach gemein zu jungen Menschen heutzutage, geradezu eine Beleidigung. Wie man sich fühlt als rundum Beleidigte, das steht in Annes Krügers Debütroman. Von MAGALI HEISSLER

KosmonautenMathilda ist fast dreißig und wurde einmal wieder von ihrem Freund verlassen, mit dem zusammen sie (wahrscheinlich) die nächsten Jahre (eventuell auch mehr) verbringen wollte. Jedenfalls sieht sie das so. Der Freund sieht das nicht so und nach einigem Überlegen, etwas, das Mathilda gar nicht gern auf sich nimmt, muss sie ihm recht geben. Trotzdem ist es gemein.

Beruflich ist die Lage auch nicht berauschend. Unsere Heldin kann weder ein abgeschlossenes Studium noch eine andere Berufsausbildung vorweisen, sie jobbt an einer Supermarktkasse. Von ihr aus könnte das so weitergehen, oder auch nicht, je nachdem, wie vehement die beste Freundin Nina auf sie einredet, doch endlich festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Irgendwie hat Nina recht, aber vielleicht auch nicht und überhaupt ist es so anstrengend, sich zu entscheiden und vor allem überhaupt ist alles nichts ohne Mann.

Mathilda nun ist nicht irgendeine junge Frau aus Berlin. Mathilda hat eine Vergangenheit. Sie wuchs in einem Neubaugebiet in der DDR auf.

Gefühlsarm und passiv

Die Grundidee dieses Romans ist verheißungsvoll. Eine junge Frau hat einige Brüche in ihrem Leben hinter sich. Als Vierjährige zog sie mit Eltern und Geschwistern aus einem Altbau in Prenzlauer Berg hinaus in einen damals modernen Wohnblock. Die große Straße, an der entlang sich die Wohnblöcke zogen, war die Allee der Kosmonauten, ein Name, der den Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft symbolisiert wie kaum ein anderer. Die Schule, die Mathilda besuchte, trug den Namen Ziolkowskis, Weltraumfieber grassierte. Wie viele träumte sie davon, Kosmonautin zu werden. Laika und Sojus, Tereschkowa und Sputnik waren häufig gebrauchte Vokabeln in ihrem Wortschatz. Noch in ihrem Erwachsenenleben gehören sie in ihre Träume.
Ein zweiter Bruch, das Ende der DDR, katapultierte sie als Teenager wieder in eine andere Welt. Ein dritter, der Tod ihres Vaters, zerstörte einen Teil ihrer Familienbeziehungen.

Umgesetzt sind diese vielversprechenden Ideen aber denkbar ungünstig. Das liegt nicht an der Mischung aus Erinnerungen, Träumen und aktueller Handlung. Das ist recht interessant konstruiert. Es liegt am völligen Fehlen jeder Art von Spannung. Vor allem Emotionales wird ausschließlich behauptet, nie gezeigt. Im Gesagten wie Gedachten herrscht zudem pure Konvention.
Die Leserin erlebt eine Hauptfigur, die vage herumlaviert. Sie erklärt, sich unwohl zu fühlen in ihrem Leben und zugleich nicht. Sie ist angewiesen auf Anregung von außen, sie selbst bleibt passiv. Erschreckend ist ihre Gefühlsarmut anderen gegenüber. Was sie interessiert, ist ihre eigene Befindlichkeit, ausschließlich. Kommt es zu Krisen bei anderen, fühlt sie sich umgehend überfordert. Das Einzige, was Mathilda beherrscht, ist, sich selbst leidzutun.

Ihre nächtlichen Träume von Kosmonautinnen-Dasein entlarven ihre Vorstellungen als falsch und künstlich. Umsetzen im Alltag kann sie davon nichts. Sie klammert sich an ihren kleinen Kreis von Freundinnen aus der Kinderzeit und reagiert mit Panik, wenn sich deren Verhalten ändert, weil Menschen mit dem Älterwerden auch andere Schwerpunkte entwickeln. Das versteht sie nicht. Wie kann sich etwas ändern und wieso ist das Leben voller Verluste? Die Welt außerhalb von Freundinnen und Familie existiert ohnehin nicht. Würde eine Atombombe gezündet, Mathilda zuckte nicht mit der Wimper, solange ihr Stammcafé nicht getroffen wird und die Schokolade nicht ausgeht.

Was sie allerdings bewegt, ist, einen Mann zu finden. Da ist sie wenig wählerisch, es darf auch eine Zufallsbekanntschaft aus der Stammkneipe sein, auch wenn der Mann erkältet ist. Zum Glück holt sie sich bei dem One-Night-Stand keinen Schnupfen. Später holt sie sich eine Abfuhr bei ihm. Zwar ist sie selber schuld daran, aber trotzdem ist es mal wieder so gemein!

Banalitäten

Erzählt ist das Ganze in einer Sprache, die möglicherweise ein Beispiel für die heute so viel genannte und angeschwärmte Lakonie sein soll. Das ist sie nicht. Sie ist auch nicht kühl berichtend. Sie ist inhaltsleer und langweilig. Die angebliche Sinnsuche besteht aus einer Aneinanderreihung von Banalitäten. Wetter und Seelenzustand, Zustand der Wohnung, Katze, Getränke, Mathildas falsche Krokodillederhandtasche werden in einem gleichbleibenden Ton wieder und wieder angeführt. Emotionale Momente klingen genauso leiernd wie die Aufzählung der jeweils gewählten Kleidungsstücke. Dazu wuchern Klischees, wohin man schaut. Das Herz ein Stein in der Brust. Die innere Leere, die mit Nutella-Broten gefüllt wird. Das »achtlos weggefallene« Schokoladenpapier.

Da ist nichts, keine Beobachtung, keine Beschreibung, keine Sichtweise, geschweige denn eine Erkenntnis, die es wert wären, zu Papier gebracht zu werden. Die tatsächlich existierende Allee der Kosmonauten ist fünf Komma vier Kilometer lang und beim Lesen hat man das Gefühl, sie Meter für Meter auf dem Bauch entlang zu robben.

Spannung soll vielleicht – sicher ist hier gar nichts – durch die schwache Symbolik vermittelt werden, die dem Ganzen untergemischt ist. So lautet Mathildas Nachname »Unterwasser«, es regnet häufig, Pfützen sind allgegenwärtig, Regen tropft von Schirmen und es wird auch mächtig viel geweint. Kommt es ganz dramatisch, löst sich eine einzelne Träne, einmal bahnt sie sich »einen neuen Weg«. Diese Variante des abgedroschenen Ausdrucks gehört zu den wenigen heiteren Momenten bei der Lektüre. Wie auch dieser sind sie, mit einer Ausnahme, unfreiwillig. Dann gibt es noch einen »Laden für verlorene Dinge«, dessen tiefere Bedeutung aber selbst die Autorin überfordert. Zumindest gelingt es ihr nicht, das Konzept der Leserin überzeugend nahe zu bringen.

Sucht man nach einem Sinn, findet man zweierlei. Das eine ist eine Dornröschen-Geschichte, bei der zwar Dornröschen im Halbschlaf nach dem Prinzen tastet und nicht umgekehrt, die deswegen aber keineswegs weniger konventionell ist. Nur die Frage, wann sie endlich einen Mann ihr Eigen nennen darf, bringt Mathilda auf Touren. Hat sie ihn endlich, wird tatsächlich alles gut. Er führt sie in seine Welt ein. Besuchen seine Freunde ihn, kocht sie für sie. Gemeinsam schaffen sie sich ein trautes Heim. Endlich wachgeküsst hat auch Mathilda ihren Freundinnen etwas zu erzählen. Die einzige Vernünftige an dieser Stelle der Handlung ist die Katze, sie stirbt umgehend.
Mit dem Richtigen an der Hand schafft es Mathilda, ihre Großmutter zu besuchen, die sie so sehr liebt, für die sie aber trotz reichlicher Freizeit nie Zeit hatte. Bloß die Blumen für ihre Mutter vergisst sie immer noch. Aber dafür bringt sie ja einen Mann mit.

Sie wird sogar einen Beruf finden. Nach viel Überredung hat sie sich von der Supermarktkasse wegbewegt zu einer Spendeneintreibungsfirma, die als »Hilfsorganisation« firmiert. Dort stellt Mathilda fest, dass es ihr Spaß macht, etwas zu verkaufen. Natürlich muss eine »innere Connection« zum Produkt vorhanden sein. Mit dieser stolzen Erkenntnis ausgerüstet, kann sie am Ende frohgemut dreißig werden.

Das ist nicht alles. Sie hat noch eine zweite Erkenntnis. An ihrer Misere muss doch jemand schuld sein! So ist es auch. Es ist das Kollektiv (sic!). Das von früher. Das hat nämlich die Kinder, die unschuldig im Sandkasten an der AdK spielten, einsam gemacht. Weil es ihnen nur Parolen in den Kopf setzte. 398 Seiten Banalitäten musste man durchstehen für die unausgegorenste Einsicht einer unreifen Protagonistin geboren aus einem unzureichenden Text. Auch eine Art Höhepunkt.
Und nein, es könnte nicht schlimmer sein. Es regnet ja schon die ganze Zeit.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Anne Krüger: Allee der Kosmonauten
Bindlach: script5 2015
398 Seiten. 17,95 Euro
Jugendbuch ab 16 Jahren

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