Der Tod zu Gast auf der Trabrennbahn

Live | Event: MPS

Rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erweckten das Mittelalterlich(e) Phantasie Spectaculum, kurz »MPS«, an zwei heißen Junitagen in Hoppegarten zum Leben. Neben Umzügen, Gauklern und Handwerkskunst führten Recken der Fechtkampfgruppe Fictum ihre Kampfkunst mit Schwertern, Äxten und Morgensternen vor, andere Ritter demonstrierten ihre Fertigkeiten mit Wurfspießen und Lanzen. Vor drei Bühnen konnte man ganztägig Bands der Mittelalter- und Folkszene lauschen. ANNA NOAH begab sich auf eine Zeitreise …

Alles auf Anfang

Die Idee entstand auf einem Mittelaltermarkt, der zum 350-jährigen Jubiläum des Schützenvereins Drensteinfurt aufgebaut wurde. Der heutige Veranstalter fand Gefallen an dem Konzept und kontaktierte den Verantwortlichen des dortigen Marktes. Somit wurde das erste »Mittelalterlich Spectaculum« im Jahre 1994 aus der Taufe gehoben.

MPS Festivalgelände

Nachdem das Spektakel Bekanntheit erlangte und 2007 bereits an 21 Wochenenden bespielt wurden, entschied man sich, den Namen der Reihe ab der Saison 2008 in »Mittelalterlich Phantasie Spectaculum« zu ändern. Vor allem wollte man damit unterstreichen, keine authentische mittelalterliche Darstellung zu bieten, sondern eine eigene, fantasievolle Welt zu kreieren. Seit ein paar Jahren ist musikalisch alles, was in der Mittelalter-Szene Rang und Namen hat, vertreten.

Eine interessante Besonderheit sind seit 2009 die »Goldtaler«. Eine Parallelwährung auf allen »MPS«-Märkten. Es finden sich Prägungen verschiedener Motive, der Nennwert entspricht ihrem Einkaufswert in Euro – jedoch nur während der Veranstaltung! Es existieren Münzen mit 1/2, 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Wertigkeiten, zu deren Annahme alle Stände auf jedem »MPS« verpflichtet sind.

Der Tod als Stammgast

Bei teilweise recht hohen Temperaturen strömten Mittelalterbegeisterte mit und ohne Gewandung auf das rund 40 Hektar große Gelände der Trabrennbahn in Hoppegarten. Für die richtige Hintergrundmusik sorgten bereits am Nachmittag die Partypiraten von »Mr. Hurley & die Pulveraffen«. Mit dieser Truppe hat die MPS-Organisation einen Treffer gelandet, denn kaum eine andere Mittelalter-Band unterhält die Besucher besser. Mit ihrem gesungenen Seemannsgarn durften sie dreimal an diesem Tag auftreten.
»Soar Patrol« sorgten später mit ihren schottischen Songs für richtig gute Laune und animierten das Publikum zum Tanzen.

Wer nicht allzu viel Wert auf die Bühnenunterhaltung in gleißender Sonne legte, konnte an den Buden vorbei schlendern und der Musik von »Cultus Ferox« lauschen, die zwischen den Verkaufsstellen tagsüber unplugged spielten. Neben abwechslungsreichen Handwerksständen gab es auch andere Attraktionen, wie Jongleure oder ungewöhnliche Gaukler auf Stelzen. Sie lockerten das Treiben auf und sorgten immer wieder für ein Lächeln auf den Gesichtern der Besucher. Wem das noch nicht reichte, der ging zu den Ritterturnieren oder zum Bogenschießen.

So konnte sich jeder seine Zeit gut zwischen Musik, Met, Goldtalern und kulinarischen Leckereien vertreiben. Wem es bei zu viel Bewegung zu warm war, der bekam eine freundliche Abkühlung vom Wasserspeier.

Einige Fantasie-Figuren sind traditionell fester Bestandteil des »MPS«, nämlich der Mönch Bruder Rectus, der als Moderator und Geschichtenerzähler auftritt und seit 2009 ein weiterer Stammgast ist Der Tod.

Am Abend und nach Sonnenuntergang

Vermutlich aufgrund des zeitgleich in Berlin stattfindenden »Rammstein«-Konzerts war es am Abend vor der Bühne, auf der »Letzte Instanz« auftraten, ungewöhnlich leer. Doch die Mitglieder der Band scherte das wenig.

Diese Männer auf der Bühne zu sehen – das bedeutet Energie, Witz und Entertainment. Und das lieferten sie auch genau so ab: Geboten wurde ein musikalischer Querschnitt aus der Banddiskographie. Älteres, Neueres, ganz Altes. Ob die Setlist nun gelungen war, oder nicht – darüber könnte man sich streiten. In jedem Fall werden »Letzte Instanz« im Gedächtnis bleiben, da bereits der erste Song trotz aller Wucht ausreichend Freiraum für eigene Interpretationen ließ. Vor allem in den ruhigeren Momenten gingen die Gedanken zusammen mit dem Liedtext »spazieren«.

Einige Songs zeigten eine gewisse »Streichakrobatik«, bei anderen gabe es eher metallene Einflüsse, teilweise fielen auch extrem düstere Einschläge auf. Was allen Tracks gleich zu sein scheint: Sie animieren Zuschauerinnen und Zuschauer jeder Altersgruppe dazu, enthusiastisch mitzuhüpfen.
Um sich ein genaueres Urteil über die Musik von »Letzte Instanz« zu bilden, sollte man die Band öfter auf Bühnen erleben.

Der Sonnenuntergang war das Startsignal für das Entzünden der Feuerstellen und Fackeln. Als die Holzscheite in Flammen aufgingen, wurde die Stimmung äußerst gemütlich.

»Saltatio Mortis« zog eine Menge Leute vor die Bühne ihres Abendauftritts. Die Band weiß ganz genau, wie man Fans eine Freude macht, denn alle genossen diesen Auftritt in vollen Zügen. Das Konzert startete und die Zuschauer waren geradezu euphorisch. Man spürte das harmonische Miteinander und die Spielfreude der Band … und das auch dann, wenn man noch nie in den Genuss eines ihrer Konzerte gekommen war. »Saltatio Mortis« hat offensichtlich zu recht ihren hohen Status in der Mittelalter-Szene und zelebrierte das Konzert ausgiebig. Die Atmosphäre war gut und in keiner Sekunde wirkte ein Song zu lang oder gar langweilig. Selbst, wer keine Dudelsäcke mochte, wurde von der Musik gepackt. Auch die zugehörige Pyrotechnik passte zur ausgelassenen Stimmung und Feierlaune.

Cultus Ferox

Ein derartiger Facettenreichtum für viele verschiedene Geschmäcker wie auf dem »Mittelalterlich Phantasie Spectaculum« findet sich selten.

| Text und Fotos: ANNA NOAH

Showangaben
Mittelalterlich Phantasie Spectaculum
Bands: Saltatio Mortis, Letzte Instanz, Versengold, Mr. Hurley & Die Pulveraffen, Knasterbart, Saor Patrol, Cobblestones, Rapalje und Harmony Glen

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Liebe zu Antihelden

Nächster Artikel

Utopien einer besseren (Horner) Welt

Neu in »Live«

Coming in and Coming out

Bühne | Comedy: Cavequeen Sven wacht nach seiner eigenen Geburtstagsfeier ziemlich verwirrt im Vorgarten auf – splitternackt. Quasi fast scheintot. Doch sein eifersüchtiger Freund Bruno lässt ihn lieber in der Kälte zittern, statt ihn ins Haus zu lassen. Geschickt lenkt der Entertainer sein Publikum und erklärt den »in-den-Vorgarten-Gaffern« (Zuschauern) Klischees von Homosexuellen, die – oh Wunder – alle wahrer zu sein scheinen, als man auf den ersten Blick denken könnte. ANNA NOAH staunt über Svens ausdrucksstarke Art, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. PDF erstellen

»Ich bereue nichts«

Bühne | Édith Piaf: Lieder eines Lebens

»Non, je ne regrette rien«. Lilian Huynen vollführt eine Revue über das Leben der Édith Piaf. JENNIFER WARZECHA war beim Chansonabend im Theater Pforzheim dabei.

Johnnys Sommernachtsalbtraum

Bühne | Punk-Rock-Musical | American Idiot Nach dem Sommer und einer gewissen Leichtigkeit gibt es eine Menge Raum für den glamourösen Auftritt der Melancholie. Doch was noch schlimmer ist, als die Herbst-Tristesse, ist Johnnys unbändige Wut: Auf die Zeit, in der er lebt, auf den Ort, in dem er wohnt, letztendlich auf eine ganze amerikanische Generation! Die Musik von »Green Day« ist nicht nur pulsierend laut und abgrundtief punkig. Die Band spielt Melodien, die unbequem sind; Melodien, die mitten ins rebellische Herz treffen. ANNA NOAH fragt sich, ob das Aufbrechen der altbewährten Musical-Strukturen erfolgreich funktioniert. PDF erstellen

Max und Moritz-Preis 2018

Comic Spezial | Max und Moritz-Preis 2018 Im Zentrum des 18. Internationalen Comic-Salons, der vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag in Erlangen stattfand, stand die Verleihung der Max und Moritz-Preise für Comic-Künstler im Markgrafentheater. Die Comic-Expertin Hella von Sinnen und der Juror Christian Gasser moderierten die Veranstaltung, mal mit Charme und Humor, mal mit peinlichen Plattitüden. Für Begleitmusik sorgte die fränkische Band Kapelle Rohrfrei. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Gala in dem nur halb gefüllten Theatersaal angesehen und berichtet über die Preisvergabe. PDF erstellen

Der Einsturz des Himmels‹ in der Musik

Musik | Ethno und Neue Musik featuren Themen wie Regenwald und Amazonasgebiet Durch europäische Neue Musik transformierte Klänge indigener Bevölkerung, der Natur und des Klimas – Zwei Musikprojekte über den Regenwald: Martina Eisenreich mit ›Rainforest‹ im Jahr 2016 und die Biennale München mit der ›Amazonas-Multimedia-Oper‹ aus dem Jahr 2010. Von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen