Flottierende Gedanken

TITEL-Textfeld | Wolf Senff:  Flottierende Gedanken

Was, fragte Sut, was nur habe die Menschen auf die abstruse Idee gebracht, daß in der Nacht Zeit vergehe. Der Mensch falle auf mancherlei Unfug herein, doch das setze allem die Krone auf.

Sut schien in Gesprächslaune. Mahorner schüttelte den Kopf.

Wer könne bezeugen, daß während der Nacht Zeit vergehe, fragte Sut.

Im Schlaf, fragte Harmat.

Im Schlaf, antwortete Sut.

Die Männer horchten auf, sie wurden neugierig. Sut war immer für aufmunternde Gedanken gut, sie liebten ihn. Der Ausguck machte ein Ende mit seinem Handstand und setzte sich. Sie lagen nun den dritten Tag tatenlos in der Lagune. Nicht daß es nicht angenehm wäre. Es war wärmer als in Frisco und regnete nicht. Doch es gab nichts zu tun.

Du schläfst ein, sagte Sut, du wachst auf. Und? Wie viel Zeit ist vergangen? Keine, null, antwortete er selbst: Fehlanzeige.

Bildoon sah ihn mit großen Augen an.

Etwa doch, fragte Sut und warf einen zweifelnden Blick auf Bildoon. Die Zeiger der Uhren, fragte er, liefen weiter? Sie kennen keine Nacht, sagte er, und was Schlaf ist, ist ihnen unbekannt.

Eldin lächelte. Er stützte sich auf den rechten Arm, um die schmerzende Schulter zu schonen. Er würde sich hüten, Sut zu widersprechen, den Teufel würde er tun.

Erinnerst du dich an irgendetwas, das sich ereignet hätte, während du schliefst? Unmöglich, sagte Sut, du hast ja geschlafen, du warst heraus aus der Zeit, du hast ihr einen Riegel vorgeschoben, indem du einschliefst, du hast die Ampel auf Rot geschaltet, verstehst du, die Zeit hat eine Pause, sie macht Urlaub, sie ist auf Reha, während du schläfst, sie ist auf Stillstand geschaltet, sie spannt aus.

Mahorner verzog den Mund zu einem süffisanten Lächeln.

Pirelli hörte gespannt zu. Wie um alles in der Welt kam Sut auf solche Gedanken? Sie flogen ihm zu? Aus welcher Wolke? Treibt der Wind frische Gedanken herbei? Führen die Stürme aufwühlende Gedanken mit sich? Die tosenden Orkane? Die Welt ist voller Rätsel, sorgte sich Pirelli, sie ist nicht geschaffen für den Menschen, er rückt mit Meßgeräten an, mit einem Skalpell, mit Formeln, nie wird er die Welt verstehen, geschweige denn daß er sich integrieren könnte.

Nein, sagte Sut, null, sagte er, während des Schlafens vergeht keine Zeit, das anzunehmen wäre ein Irrtum.

Oh gewiß, er lachte, der Mensch hat sich die Zeit zurechtgelegt, um Arbeit zu messen, um Geschäfte zu tätigen, gewiß, dazu dient ihm das, was er Zeit nennt, Terminabsprachen, der Rubel rollt, die Kassen klingeln, sagte Sut und lachte immer noch, köstlich, rief er, doch jeder sieht am Beispiel der Goldgräber, daß der Mensch nicht in der Lage ist, mit den Schätzen des Planeten zu haushalten, seht auf das Elend in Frisco, seht die beklagenswerten Existenzen, die Hals über Kopf von allen Enden der Welt herbeigestürzt kamen, Zehntausende, sie setzten alles aufs Spiel und haben krachend verloren, es ist ein Elend, nicht einmal mit den Stunden, über die er Tag für Tag verfügt, weiß der Mensch umzugehen, er läßt sich treiben, sagte Sut, er liefert sich aus, und warf einen Blick auf den Ausguck, der einige Schritte zum Strand ging und dort einen ganz und gar makellosen Salto schlug.

Wie viel Zeit vergeht dir, grübelte Pirelli, während du einen Salto schlägst? Vergeht mehr Zeit im Salto, oder sind es die paar Schritte Anlauf, die doch länger dauern? Der Salto ist im Nu gesprungen, aber ist das nicht eine äußerst verdichtete Zeit, und die paar Schritt Anlauf wären nichtssagende Routine, die sich allein auf den Salto richtet und auf die niemand achtgibt, du kannst sie vergessen?

Was ist das, Zeit? Pirelli stöhnte. Die Dinge sind kompliziert, und ist nicht letzten Endes an allem die Fangpause schuld? Wenn sie doch bloß wieder den Grauwal abschlachten könnten, wünschte er, da blieben sie verschont von frei flottierenden Gedanken.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Exzentrischer Außenseiter

Nächster Artikel

Drei seltsame Tiger. Oder Elefanten!

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

LawineTITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lawine

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lawine Die Sprache verändert sich, sagt Tilman, sicher, einige Worte geraten in Vergessenheit, andere tauchen auf. Nichts Neues, sagt Susanne abschätzig. Sie hat sich eine leichte Erkältung zugezogen und sich einen warmen Schal umgelegt, selbstgestrickt, lindgrün, sie trinkt einen Kamillentee, die beiden geben ein idyllisches Bild ab an diesem trüben Nachmittag. Das ist nicht so einfach, wie man glauben mag, und selbstverständlich ist es schon allemal nicht.

Schwermut

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Schwermut

Die Worte wechseln, doch real ändere sich null, ob nun Trübsinn, ob Weltschmerz, ob Melancholie.

Seit mehreren Jahrzehnten behaupte sich Depression, gelegentlich auch burn out, doch burn out, so werde erklärt, sei graduell anders gewichtet, und letztlich wisse niemand Bescheid, unter welchem Namen auch immer.

Auf den einzelnen Fall komme es an, laute eine Standardfloskel, die Beziehung zwischen Arzt und Patient müsse stimmen, manch einer suche jahrelang nach einem passenden Psychiater und Therapeuten, und eine einheitliche Symptomreihe, die lediglich abzuhaken wäre, die gäbe es nicht.

Unaufhaltsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Unaufhaltsam

Und gesetzt den Fall, es nähme ein Ende mit dieser Zivilisation, ausweglos, wir säßen mittendrin und sähen zu, wie die Bastionen einbrächen, Risse knirschten im Gefüge, die tragenden Pfeiler stünden unter Wasser, sie wankten, was, Tilman, was wäre zu tun.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse gekauft anstatt der Kipferl, die ihm im Geschmack zu fade geworden waren, seitdem die Preise für Vanille so schamlos angezogen hatten.

Gelöst

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gelöst

Einschlafen, konstatierte Farb, sei eine komplizierte Materie.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen, sah flüchtig auf das zierliche Drachendekor und stellte die Kanne zurück auf das Stövchen.

Tilman setzte sich aufrecht, zog die Arme an und bewegte die Schultern, ihn schmerzte der Nacken, die Sitzhaltung war denkbar unbequem, nicht allein in diesem Sessel, sondern die Hersteller schienen allgemein wenig Wert auf ergonomische Leitlinien zu legen, ihr Niveau ließ zu wünschen übrig, er überlegte, sich Massagen verschreiben zu lassen, der Mensch sei in jeglicher Hinsicht überspannt.

Vier Gedichte

Textfeld | Ingrid Glienke: Vier Gedichte AQUANAUTEN straßen kanäle nach norden geöffnet schnee stiebt in feinen kristallen leuchtet auf in lichthöfen glitzernde fischschwärme im strom auf kommando der windböen drehen ins waagerechte gehen auf fühlung trommeln eisschuppen ins gesicht frostflössel vor die wimpern zwischen uns treiben hände lederhäutige unterwassergewächse