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Bewahrer von Kultur und Sprache

Menschen | Jaan Kross

Am 19. Februar vor 100 Jahren wurde der große estnische Schriftsteller Jaan Kross geboren. Ein Porträt von PETER MOHR

Als der bedeutende estnische Schriftsteller Jaan Kross den Roman über seinen Landsmann (und Chronisten des 16. Jahrhunderts) Balthasar Rüssow 1980 fertiggestellt hatte, steckte weit mehr dahinter als nur seine Affinität zu historischen Sujets.

Wie seine Romanfigur Rüssow fühlte sich auch Kross selbst als Chronist seines Landes. Doch damit sind die Parallelen keineswegs erschöpft. Kross hat eine ähnlich bewegte Vita hinter sich wie sein Protagonist, hat ein Jahr Gestapo-Haft und acht Jahre in sibirischer Verbannung zugebracht, ehe er sich 1954 in Tallinn als freier Autor und Übersetzer niederließ und vier Jahre später mit dem Gedichtband ›Der Kohleanreicherer‹ literarisch debütierte.

Jaan Kross erzählt den beschwerlichen Lebensweg des kometenhaften Aufsteigers Balthasar Rüssow mit unübersehbarer Sympathie für seine Figur. Es war ein moderner Entwicklungsroman über einen Jungen aus einfachen Kreisen, der nach Studien in Deutschland zunächst als Pfarrer arbeitete und später seine ganze Energie in die Niederschrift einer ›Chronik von Lyffland‹ investierte.

Bei den Beschreibungen der historischen Altstadt von Reval fühlt man sich an Thomas Manns Lübeck-Schilderungen aus den ›Buddenbrooks‹ erinnert. Kein Zufall, denn wie Thomas Mann liebte auch Jaan Kross die weit ausholenden, bisweilen langatmigen Schilderungen mit diversen narrativen Schlenkern und äußerst phantasievollen Adjektivreihungen. Dieser Roman, der 1986 erstmals bei Rütten und Loening in deutscher Übersetzung erschienen war, zeigte die Suche nach historischer Gerechtigkeit, Frieden, verlorener nationaler und persönlicher Identität.

Autor Jaan Kroos, der am 19. Februar 1920 in Tallinn als Sohn eines Handwerkers geboren wurde, schloss in den Kriegswirren sein Jurastudium an der Universität Tartu ab, wurde dann zunächst von den deutschen Besatzern und später von den Sowjets verhaftet. Erst 1954 kam Kross wieder frei und machte danach als Übersetzer westlicher Autoren (Shakespeare, Balzac, Heine, Brecht) auf sich aufmerksam. Den großen literarischen Durchbruch schaffte er mit seinem 1978 erschienenen Roman ›Der Verrückte des Zaren‹. In den 1990er Jahren war Kross häufig als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt worden.

»Ich schreibe historische Romane, weil da die Geschichte schon die halbe Arbeit geleistet hat«, hatte Kross einmal seine Vorliebe für historische Themen humorvoll zu erklären versucht. Auch seine beiden anderen in deutscher Übersetzung erschienenen Romane (›Professor Martens‘ Abreise‹, dt. 1995, und ›Die Frauen von Wesenberg‹, dt. 1997 – alle im Carl Hanser Verlag) kreisen um die wechselvolle Geschichte Estlands.

Kross‘ Romanfigur, der Völkerrechtler Friedrich Fromhold Martens, bekennt über seine diplomatische Arbeit: »Mein Schaffen gehört seinem Wesen nach nicht einem einzigen Volk. Ich bin mitsamt meinem Schaffen ein internationales Phänomen.«
Treffender lässt sich auch das literarische Werk des Schriftstellers Jaan Kross kaum beschreiben, der 2006 für sein Lebenswerk mit dem Kulturpreis der Republik Estland ausgezeichnet wurde.

Am 27. Dezember 2007 ist der große Erzähler und passionierte Historiker im Alter von 87 Jahren in Tallinn gestorben. Ein bedeutender europäischer Schriftsteller, der hierzulande immer noch auf seine Entdeckung wartet.

Der einstige estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves nannte Jaan Kross einen »großen Bewahrer von Estlands Kultur und Sprache. Er war einer von denen, die die Menschen geistig frisch gehalten haben. Damit schuf er eine wichtige Voraussetzung für die Wiedererlangung unserer nationalen Unabhängigkeit.«

| PETER MOHR
| Titelfoto: MaarjaU, Jaan Kross in 1938, Crop, CC BY-SA 4.0

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