»Das ewig Weibliche zieht uns hinan«

Kritik an dem Individuum, das, gefangen in seinen mitunter nicht nur egoistischen, sondern auch egomanen Vorstellungen die Welt oft ohne nachzudenken verunstaltet, mitunter sogar gefährdet – siehe das Problem der Verwertbarkeit des Plastikmülls oder des Artensterbens – das ist eine moderne Herangehensweise an Johann Wolfgang von Goethes (28. August 1749 – 22. März 1832) ›Faust II.‹ – ist JENNIFER WARZECHA überzeugt.

Die Zuschauer im Stadttheater Pforzheim erlebten eine beeindruckende, manchmal auch heitere Reise durch das Werk Goethes, aber auch durch das Mensch-Sein selbst, in der Inszenierung von Thomas Münstermann und der Dramaturgie vom Ensemble selbst sowie Kostümen von Alexandra Bentele und Video-Einsatz von Philippe Mainz.

Faust II

Im ersten Teil an diesem Abend mit der drei Stunden und 15 Minuten andauernden Vorstellung beleuchtet und kritisiert der Narr Zolio (als dieser und als Mephisto sehr überzeugend, authentisch und ausdrucksstark: Jens Peter) das Geschehen, das Ensemble nimmt den Menschen mit seinen erotischen Gelüsten aufs Korn und unter anderem die beeindruckende Pforzheimer Schauspielerin und Tänzerin Lilian Huynen kommt in schwarzer Hose, mit lila Mozartperücke und rosa Büstenhalter daher.

Alle stürzen sich auf eine Schatzkiste, die Mephisto dem Kaiser des Reiches aushändigt. Die einzelnen Schauspieler kommen mit Po-Maske und weißem Umhang daher, die anderen beklatschen deren Formen und drücken damit auch den mitunter oberflächlichen Umgang mit Frauen und deren Formen bzw. sexuellen Vorzügen aus. Dementsprechend unterhalten sich alle über Frauen und wie sie mitunter einfach nur als Gegenstand behandelt werden.

So wird der erste Teil zur Gesellschaftskritik pur, und zwar zu einer, wie sie nicht nur im 18. Jahrhundert zu Goethes Zeit, sondern auch heute noch im Jahr 2020 durchaus berechtigt erscheint, gerade was die Achtung und Gleichberechtigung der Frau angeht. Auch die Beziehung zwischen Faust (empathisch und ausdrucksstark: Lars Fabian) und Mephisto (ausdrucksstark und überzeugend: Jens Peter) spielt eine Rolle, wird hier doch schon angedeutet, dass Faust sich am Ende als alter Greis von seinem sprichwörtlichen Teufelchen lösen wird, um als er selbst erlöst zu werden und sich um das Wohl seiner Mitmenschen zu kümmern.

Immer wieder begegnet der Zuschauer im Stück den griechischen Mythen, Sagen und Figuren, die Goethe zu seiner Zeit als Anlass nahm, die damaligen Zeitumstände zu hinterfragen und zu kritisieren. So begegnet auch Faust der schönen Helena, die der griechischen Sage nach als schönste aller Frauen galt. Berühmt ist wohl der Spruch »Das ewig Weibliche zieht uns hinan«, der selbstverständlich auch im zweiten Teil nach der Pause vom Ensemble zitiert wird.

Faust II

Faust begegnet dem Homunculus, der in eine Phiole gebannt ist und versucht, zu entstehen, Mensch zu werden, »d.h. aus seiner halb fertigen Retortenexistenz in das Vollbild des Natürlichen zu treten« (zitiert nach dem Programmheft) und damit einerseits die Kritik Goethes am modernen Leben versinnbildlicht und zu einer der vorausweisenden Figurinen des Altmeisters wird.

Neben den ausdrucksstarken Show-Einlagen des Chors, Nereiden, Tritonen und Chor der Insekten (allesamt Mitglieder des Vereins ›Kultur Schaffer e.V.‹) wird der zweite Teil zu einem beeindruckenden Resümee durch die Zeiten von der griechischen Antike bis heute, wo der Homunculus als Mischung aus Mensch und Maschine gesehen werden und sich wohl jeder in Faust hineinversetzen kann, der zerrissen ist zwischen individuellen Wünschen und dem Wunsch nach Gemeinschaft, Sinn und theologischer Vollendung und Menschwerdung. Spitzenklasse!

| JENNIFER WARZECHA
| FOTOS: SABINE HAYMANN

Titelangaben
Faust II
Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe
Am Stadttheater Pforzheim

Besetzung:
Steffi Baur, Jörg Bruckschen, Lars Fabian, Michaela Fent, Klaus Geber, Lilian Huynen, Thorsten Klein, Johanna Liebeneiner, Markus Löchner, Bernhard Meindl, Jens Peter, Aki Tougiannidis sowie Mitglieder des Vereins ›Kultur Schaffer e.V.‹
Inszenierung und Bühne: Thomas Münstermann
Kostüme: Alexandra Bentele
Video: Philippe Mainz

Weitere Termine
Mittwoch, 18.03.2020, 20:00; Freitag, 20.03.2020, 19:30
Freitag, 27.03.2020, 19:30; Mittwoch, 01.04.2020, 20:00
Samstag, 25.04.2020, 19:30; Mittwoch, 29.04.2020, 20:00
Sonntag, 17.05.2020, 15:00; Dienstag, 19.05.2020, 20:00
Samstag, 23.05.2020, 19:30

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