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In Fesseln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: In Fesseln

Einmal gesetzt, begann Gramner, ihr seid in Moray zu Gast und ihr seht dort den Umzug anläßlich der Dufftown Highland Games, sie spielen beispielsweise Scotland the Brave, wohin marschieren sie, ich weiß es nicht, sagte er, vielleicht zur Kirche, in Canterbury gingen sie zur Kathedrale, aber Moray hat keine Kathedrale im Angebot, also werden sie zum Rathaus marschieren, doch das ist nicht wichtig, versteht ihr, die Musikzüge marschieren im Gleichschritt zum Takt der Musik, die sie spielen, ihr habt in der Ojo de Liebre keine Gelegenheit, Musik vom Dudelsack zu hören, das ist schottische Tradition, ihr werdet sie kaum kennen, die Musiker tragen Bärenfellmützen, sie sind in regionale Tracht gekleidet und bieten einen mitreißend bunten Anblick, an den Straßenrändern stehen die Menschen und applaudieren gelöst, das ist ein Ereignis, versteht ihr, außergewöhnlich.

Der Umzug führt durch diverse Straßen, im Gleichschritt zum Takt der Musik, die die Männer spielen, sagte Gramner, und wenn sie abbiegen müssen, nach rechts oder nach links, dirigiert vom Tambourmajor, tritt die von den drei Reihen jeweils innere Reihe auf der Stelle, damit der äußeren, da diese eine längere Wegstrecke vor sich hat, hinreichend Zeit verbleibt, und all das im Rhythmus der Musik, die sie spielen, beispielsweise spielen sie Scotland the Brave, versteht ihr, sie müssen konzentriert sein, ihre Gedanken dürfen nicht abschweifen, keinen Deut, sie stellen sich in den Bann der Musik, die sie aufspielen, sie haben das intensiv eingeübt, damit sie makellos schritthalten, jeder einzelne Musiker hat sich die Abläufe längst zu eigen gemacht, er – wenn ich das so sagen darf – funktioniert automatisch, und sie geben gemeinsam ein faszinierendes Bild ab, unbestreitbar, deshalb die begeisterten Zuschauer an den Straßenrändern, ich erwähnte das.

Wenn er erzählt, erzählt er, flüsterte Pirelli.

Das kann man wohl sagen, sagte Mahorner.

Rostock hüstelte hörbar.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Das ist so, bekräftigte Gramner, der Mensch stellt sich in den Dienst von Strukturen.

Freiwillig, sagte Bildoon.

Teils, teils, sagte Gramner. Stellt euch, fügte er hinzu, den Kapitalismus vor, der in seinem weit umfassenderen Maßstab ein regelgelenktes Verhalten induziert.

Kapitalismus, fragte Bildoon.

Das eine, fragte der Ausguck und wandte sich an Thimbleman, wäre der Geist der Musik, dem sich das Orchester unterwirft, das andere der Geist einer Wirtschaftsstruktur, der den Menschen erzieht, sich der Regeln der Ökonomie zu unterwerfen? Er nötigt ihn, und der Mensch wäre ganz fremdbestimmt? Entmenschlicht? Der Ausguck war außer sich.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Da ist ein Unterschied, sagte Gramner. Der Geist der Musik öffnet den Menschen und wärmt seine Seele.

Er entwirft eine Allegorie, flüsterte Pirelli, da falle es manchmal schwer, sie schlüssig zu gestalten.

Der Geist der Ökonomie, das verstehe ich, sagte Bildoon, hat einen anderen Charakter.

Er ist das Gegenteil, oder, fragte Harmat.

Crockeye wandte sich ab und blickte gedankenlos auf die Lagune hinaus.

Die Ökonomie zwingt dem Menschen ihre eigene Disziplin auf, sagte Gramner. Man müsse sich vergegenwärtigen, daß mit dem Kapitalismus überhaupt erst Fabrikarbeit entstand und regulierte Arbeitszeiten.

Es hatte keine Fabriken gegeben?

Der Mensch ernährte sich aus der Landwirtschaft und arbeitete in Rhythmen, die durch Aussaat und Ernte bestimmt waren. Die Industrialisierung veränderte diese Lebensweise, die neue Ökonomie war eine gigantische Rationalisierungsmaßnahme, seitdem erst kennen wir die lohnabhängige Arbeit sowie die strikte Unterscheidung von Arbeit und Freizeit, der Mensch ist einsortiert in die Mechanismen kapitalistisch geprägter Abläufe.

Und kommt davon nicht frei, fragte Harmat.

Es ist wie bei den schottischen Musikumzügen, von denen ich eingangs sprach, sagte Gramner, außer daß er sich an den Musikzügen aus freiem Willen beteilige und sich deren Abläufen unterordne.

Er hat Freude daran, sagte Harmat.

Die Zwangslage, in die ihn die Ökonomie versetze, nehme er jedoch kaum wahr, er  müsse ja, sagt Gramner, seinen Lebensunterhalt verdienen, wie solle das anders möglich sein.

Gramner räusperte sich vernehmlich.

Harmat erschrak.

Die kapitalistische Wirtschaft kenne kein Erbarmen, sie lege ihm Fesseln an, sagte Gramner, wie solle er je ins Leben finden, und es sei anzunehmen, daß er gar keinen Zugang finde zu dem, was das ist, ein Leben. Seine Seele liege reglos, seine Phantasie blühe nicht auf.

| WOLF SENFF

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