»Denkt an das fünfte Gebot: Schlagt eure Zeit nicht tot.«

Kinderbuch | Bettina Obrecht: Dann gehe ich jetzt, sagte die Zeit

Erich Kästner hat für Erwachsene treffend formuliert, was ein Buch jetzt für Kinder in Bilder und Worte zu fassen versucht. Und vielleicht sollte man Erwachsene auch mal wieder daran erinnern, findet ANDREA WANNER.

Dann gehe ich jetzt sagt die ZeitSonntagnachmittag, hell und sonnendurchflutet. Die Zeit sitzt gemütlich in einem Sessel , lächelt vor sich hin. Und sie winkt Lara zu, als die zur Tür hereinkommt: klar, denn die beiden sind Freunde.

Aber längst nicht alle stehen auf so gutem Fuß mit der Zeit: der Opa will sie sich vertreiben, mit einem Zahlenrätsel. Die Eltern gucken ein Tennisspiel im Fernsehen, als Zeitvertreib. Und Laras ältere Geschwister schlagen auf der Terrasse die Zeit tot. »Es ist doch nur ein langweiliger Sonntag«, bringt es Laras Bruder auf den Punkt. Der Zeit allerdings reicht es, sie macht sich auf und davon. Und Lara macht sich auf die Suche nach ihr.

Gar nicht so einfach, die Zeit zu finden. Der eine hat sie nicht, die andere behauptet, Zeit sei Geld … Lara weiß nicht, was sie davon halten soll. Aber schließlich hat sie sogar die Gelegenheit zu einem Wettlauf gegen die Zeit, den sie natürlich verliert.

Bettina Obrecht baut Sprichwörter und Redewendungen rund um die Zeit in eine leise, poetische Geschichte ein, die eine Menge davon erzählt, was Zeit wirklich ist. Julie Völk hat sie sich als ein fedriges, plustriges, sehr sympathisches Wesen mit roten Bäckchen und ansonsten fast durchsichtigen, weißen Härchen, die ihr Volumen geben ausgedacht. Kaum sichtbar, aber groß, beinahe raumfüllend und stets präsent. So wirkt auch ihre Drohung: »Dann gehe ich jetzt« glaubwürdig.

Als sichtbares Wesen kann sie durchaus gekränkt darauf reagieren, wie sie von den Menschen gesehen wird. Und sie kann ihre Konsequenzen daraus ziehen. Und für den, der sich auf die einlässt, zu etwas Besonderem werden.

Vielleicht ist es das, was man in diesen Tagen einfach spüren und ernst nehmen sollte: es gibt für viele einfach plötzlich mehr Zeit. Nein, nicht für alle, aber für manche. Man sollte gut mit ihr umgehen, so wie das Lara auf diesen federleichten Bildern tut. Wer die Zeit ernst nimmt, dem gehört sie.

Auf den Bildern gibt es ganz verschiedene Menschen zu entdecken, sie sehr unterschiedlich mit der Zeit umgehen. Schön, wenn es einem gelingt, sie so anzunehmen wie Lara. Denn dann ist man gleichermaßen entspannt und bei sich. Und die Zeit? »Die Zeit war einfach da.«

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Bettina Obrecht: Dann gehe ich jetzt, sagte die Zeit
Mit Illustrationen von Julie Völk
München: Tulipan 2020
40 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Einfach davonfliegen

Nächster Artikel

Verrückt und vertraut

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Weihnachtsvorbereitungen

Kinderbuch | Kai Pannen: Du spinnst wohl! Spätestens mit dem ersten Advent wird klar: Weihnachten rückt unweigerlich näher. Zeit, sich mit den Vorbereitungen für das Fest zu beschäftigen. Und das denkt auch Karl-Heinz. Gut geplant ist halb gefeiert und wenigstens für seinen Festtagsbraten ist am 1. Dezember schon gesorgt. ANDREA WANNER entdeckte schönste Adventsgeschichte in 24 Kapiteln mit zwei ungewöhnlichen Akteuren. PDF erstellen

Megacool

Kinderbuch | Katja Reider: Cool in 10 Tagen Was liegt näher als sich zusammenzutun, wenn man Juli und August heißt? Das findet wenigstens Julis Mutter. Vernetzen ist sowieso ihr Ding. Und tatsächlich finden Juli und August ein gemeinsames Projekt: sie wollen cool werden. Von ANDREA WANNER PDF erstellen

Konsumkritik

Kinderbuch | Saskia Hula: Ein Hauptgewinn ist immer drin Werbung ist so eine Sache. Da werden einem die tollsten Dinge vorgegaukelt, da wird Bedarf geweckt, der vorher nicht da war. Da soll man sich für alles Mögliche interessieren, an das man nie im Leben gedacht hätte. Und manchmal ist das ungeheuer geschickt verpackt, weiß auch ANDREA WANNER. PDF erstellen

Ausgegraben

Kinderbuch | Ch. Nöstlinger: Der liebe Herr Teufel / A. Steinhöfel: Froschmaul Abgesehen von der Freude am Aufstöbern schöner Bücher unter den Neuerscheinungen, gibt es noch eine andere Art, Entdeckerinnenglück, das Wiederentdecken nämlich. Egal, ob Vergrabenes, halb Vergessenes oder Geschichten, die in Abständen immer wieder einmal auftauchen, Wiederentdecken ist so schön, wie gute alte Freundinnen und Freunde wiederzusehen. Nöstlingers Geschichte vom lieben Teufel ist so ein Buch. Die Froschmaul-Sammlung von Steinhöfel dagegen war viel zu lange nicht auf dem Markt. Das ist schon richtiges Ausgrabungsglück. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Perspektivenwechsel

Kinderbuch | Martin Baltscheit & Anne Becker: Selma tauscht Sachen – Opaleben

Die Alten sind stur und miesepetrig, die Jungen rücksichtlos und frech: Generationenübergreifende Begegnungen sind nicht immer einfach. Die Graphic Novel von Baltscheit & Becker verfolgt einen spannenden Ansatz, findet ANDREA WANNER