Autoliebe im Miniformat

Sachbuch | Christian Blanck: Käfer-Helden

Wen es einmal erwischt hat, der wird sie nicht mehr los: die Begeisterung für Käfer und Co. Und spielten Mädels früher auch rollengetreu eher mit Puppen, so lebten Jungens schon im kindlichen Alter ihre automobile Begeisterung aus… mit Modellautos. Erst Schule, dann Geld verdienen, dann einen ersten VW, so war das, so kam es für Viele. Und die Mädels bekamen den ersten Käfer oft vom Papa geschenkt. So war’s jedenfalls bei BARBARA WEGMANN.

Käfer-HeldenDie Leidenschaft beginnt im Kleinen: »Zum Beispiel im Maßstab 1:87 oder 1:43…. Egal ob Autorennen, Verfolgungsjagd, Crashtest oder Stadtverkehr- das Modellauto ist für Kinder das attraktivste Spielzeug überhaupt.«

Nur für Kinder? Nein, nein, mal ganz ehrlich: offenbar auch für jung gebliebene Väter wie Christian Blanck. Eigentlich macht er beruflich etwas ganz Anderes, arbeitet als Strategieberater und Produktentwickler, aber die Fotografie und Autos, das ließ ihn nie so richtig los. Und nach seinem ersten, erfolgreichen Buch ›Kinderzimmerhelden‹ folgt nun hier das zweite: Spielzeugautos in allen Varianten, mit Blessuren, Kratzern, mit Dellen und Schrammen, mit Lackschäden. Manchmal fehlt auch etwas, eine Tür, ein Fenster, eine Stoßstange.

Alle diese Autos, getunt, tiefergelegt oder als Sondermodell umgebaut, haben schon ein aufregendes Leben auf Kinderzimmerteppichen hinter sich, wurden »bespielt« sozusagen, waren in wüste Rennen verwickelt, flogen auch schon mal ein Stück durch die Luft, machten spontane Vollbremsungen am Rande des Teppichs oder stießen heftig mit entgegenkommenden Wagen zusammen; die Tempo-100- Debatte war damals nicht so angesagt, aber auch nicht so unbedingt nötig, gemessen am technischen Stand der Wagen.

Es sind bunte Bilder alter Spielzeugautos der Marke VW, von Käfer bis Passat, vom Scirocco bis zum Karmann Ghia, vom Bulli bis zum Golf, vom Polo bis zum VW-Transporter. Der T1 fährt sich schnell in die Herzen aller Firmen, Handwerker und Kleinunternehmer.

Andere Modelle machen Werbung, dienen als Polizeiautos, liefern die Post, sind für den ADAC im Einsatz oder ziehen einen Wohnwagen. Alle Farben, alle Modelle, als wären sie aus dem echten Leben entsprungen und erzählten nun aus alten Tagen. Und immer wieder der Käfer: »Von Wolfsburg aus erobert er die Straßen, Kontinente und Kinderzimmer der ganzen Welt. Nach über 21,5 Millionen Exemplaren endet seine Karriere 2003 im mexikanischen Exil. Da ist er längst eines: eine Ikone.«

Junge Leser werden bestimmt sofort jedes Modell benennen könne, egal ob man schon lesen kann oder nicht und bei den Großen wird ein Stückchen Melancholie aufkommen angesichts eines Autos, das ein Familienmitglied war und auf keinem Familienfoto damals vergessen wurde. Da werden alte Erinnerungen wach. Das Buch lässt genau hierfür viel Raum und lässt Seite für Seite die Autos sprechen, und die erzählen viel.

Nur zu Beginn jedes Kapitels ein paar Worte des Autors zur zeitlichen Einordnung, wann begann doch gleich die Bulli- Zeit? 1969, Woodstock, 400.000 junge Leute in White Lake, das legendäre Musikfestival, katastrophales Wetter, aber im Bulli lässt es sich gut ertragen. »Kein anderes Auto steht damals wie heute symbolischer für den Traum von Frieden, Liebe und Freiheit.«
Ein Bilderbuch für Groß und Klein über ein großartiges Auto und seine vielen Geschwister.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Christian Blanck: Käfer-Helden
Die VW- Edition
Bielefeld: Verlag Delius-Klasing 2019
200 Seiten, 29,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verrückt und vertraut

Nächster Artikel

Covid-19

Neu in »Sachbuch«

Rezensentische Fehlgriffe

Thema | Kritik einer Übersetzungskritik Ein kleines Lehrstück über den notorisch respektlosen Umgang mit der Arbeit des Übersetzens – auch eine Folge der schleichenden Entwertung des Begriffs »Kritik« durch das Feuilleton selbst –, und auch darüber, was intelligentes gemeinsames Handeln bewirken kann. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Unruhe in Europas Hinterhof

Gesellschaft | Marc Engelhardt: Heiliger Krieg – heiliger Profit Vor Somalia ist die Bundesmarine präsent, in Darfur und im Südsudan die Bundeswehr zu Land, seit neuestem auch in Mali. Geht es nach Frau von der Leyen wird sie demnächst auch in der Zentralafrikanischen Republik aktiv werden. Warum das am Ende sogar nötig sein könnte, will uns Marc Engelhardt in »Heiliger Krieg, heiliger Profit« sagen. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

So klein und so berühmt

Sachbuch | Till Hein: Crazy Horse

Als Kind hatte ich eine Kette mit einem silbernen Anhänger: ein Seepferdchen. Wer macht sich darüber schon Gedanken, sieht hübsch aus, ein so seltsames Tier, ein bisschen Fisch, ein bisschen Pferd. Aber diese Wesen sind so unendlich viel mehr, ein Buch würde da nicht reichen. Aber ein Buch mit dem gefühlten Inhalt von vielen Büchern, spannend und erhellend, bringt das Wesen eines Seepferdchens schon bedeutend näher – findet BARBARA WEGMANN

Mehr als nur ein Mythos

Menschen | Matabane / Abramsky / Beetz: Madiba. Das Vermächtnis des Nelson Mandela Auch nach seinem Tod im Dezember 2013 gilt Nelson Mandela als Symbol für das gewaltfreie Ende des Apartheidsregimes und die demokratische Befreiung Südafrikas. Nicht der Mythos, der sich um seine Person rankt, sondern der Mensch Mandela steht im Mittelpunkt des Buchs von Khalo Matabane, Sasha Abramsky und Christian Beetz. 29 Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft kommen darin zu Wort und schaffen ein facettenreiches Porträt des charismatischen Friedensstifters. Von STEFFEN FRIESE PDF erstellen

Kann sein sie hat Kinder, hat Enkel

Kulturbuch | Barbara Vinken: Angezogen. Das Geheimnis der Mode Man fragt sich während der Lektüre mehrfach, was für ein Buch man da in den Händen hält. »Geheimnis der Mode«? Nein, es wird nichts Geheimnisvolles ausgebreitet, und zum Schluss wird kein Geheimnis entschlüsselt. Von vornherein bestehen für Barbara Vinken keine Zweifel daran, dass Mode der Abgrenzung der Geschlechter dient. Die Arbeitsweise der Autorin analytisch zu nennen, wäre geschmeichelt. Von WOLF SENFF PDF erstellen