Von Hölderlin bis Jünger

Sachbuch | Thomas Schmidt, Kristina Mateescu (Hrsg.): Von Hölderlin bis Jünger

Alfred Döblin in Baden-Baden und Maxim Gorki in St. Blasien. Ein neues Buch gibt Auskunft über Dichter und Politik im deutschen Südwesten, von Schubart und Hölderlin bis Hochhuth und Jünger. Von GEORG PATZER

Hoerlderlin - JuengerLange hat er Albträume gehabt: »Ich bin durch einen Zauber auf diesen Boden versetzt, ich sehe Nazis, sie kommen auf mich zu, fragen mich aus.« Als der Dichter Alfred Döblin am 9. November 1945 nach 12 Jahren Exil in Baden-Baden eintrifft, in dieser »leblosen Mittelstadt«, scheinen sie wahr zu werden: »Ich fahre zusammen: Man spricht neben mir Deutsch!«

Er kommt zurück als ziviler Angehöriger der französischen Besatzungsbehörden und will sich am kulturellen und demokratischen Wiederaufbau Deutschlands beteiligen. Dazu gehört auch, dass die Deutschen sich ihren Verbrechen stellen. Was aber erlebt Döblin in Baden-Baden? Keine Spur von Schuld oder Aufarbeitung: »Die Menschen sind dieselben, die ich 1933 verließ. Neu ist mir eine gewisse geistige Schwerfälligkeit. Sie sind verstört, gequält und wollen zufriedengelassen sein.«

Sein Kampf dagegen ist mühsam: »Wen auch immer ich sprach: Er wusste nichts, er wusste von nichts, er leugnete, bemäntelte und verschwieg. Vor diesen Leuten über Demokratie zu reden, war schwierig.« Döblin tut es trotzdem: Er organisiert im Theater »Réunionen« und gründet den Verband südwestdeutscher Autoren und den Kulturrat der Stadt, aber es bleibt ihm alles zu provinziell. Mit Otto Flake freundet er sich an, gibt die Zeitung ›Das goldene Tor‹ heraus und hat eine Sendung im Südwestfunk.

Dichter des Südwestens und die Politik, das ist ein weites Feld. Da ist Hölderlin, der beim Rastatter Kongress anwesend ist, der über das Schicksal Badens und Württembergs nach den Napoleonischen Kriegen entscheiden sollte, der politische Mord am konservativen Dramatiker August von Kotzebue in Mannheim, die Warnungen von Joseph Victor von Scheffel vor den Radikalen der Revolution von 1848, die Kuraufenthalte von Anton Tschechow in Badenweiler und Maxim Gorki in St. Blasien. Lenin hatte seinem Freund Gorki die dortige Heilanstalt empfohlen: Dort könne man »Lungenaffektionen vollständig heilen, indem man die Patienten aufpäppelt und sie systematisch an die Kälte gewöhnt; so härtet man sie ab und kann sie kräftig und arbeitsfähig entlassen.«

Ein neuer, voluminöser und spottbilliger Sammelband (6,50 Euro!) vereinigt jetzt 39 kurze, prägnant und oft lebendig geschriebene Aufsätze über die Dichter, die unter der Politik litten wie der viele Jahre auf dem Hohenasperg inhaftierte Schubart oder Paul Celan in Tübingen oder sich einmischten wie Rolf Hochhuth in Brombach. Es gibt Berichte von Pazifisten wie René Schickele in Badenweiler und Juden wie Jacob Picard in Überlingen.

Der Band bietet kurze Einblicke in die bunte Vielfalt zwischen direktem Engagement und distanzierterer Beobachtung und Analyse. Dadurch ergeben sich immer wieder charakteristische Momentaufnahmen, die die Politik, die Zeitumstände und den Dichter (nur drei Frauen sind darunter) treffend beschreiben.

Es ist ein Sammelband, der Lust auf mehr macht, vielleicht auf die schöne Reihe ›Spuren‹ aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach – Thomas Schmidt ist auch ihr Herausgeber, u.a. gibt es Hefte über Günter Eich und Georg Groddeck in Baden-Baden oder Rainer M. Gerhardt in Karlsruhe.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Thomas Schmidt und Kristina Mateescu (Hrsg.): Von Hölderlin bis Jünger
Zur politischen Topographie der Literatur im deutschen Südwesten
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs, Band 51
Stuttgart: Landeszentrale für politische Bildung BW 2019
449 Seiten, 6,50 Euro

Reinschauen
| Volltext als ePub
| Volltext als Mobi

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der Zauber der Stoffe

Nächster Artikel

Ein zürnender Magier und Hohepriester der Sprache

Neu in »Sachbuch«

»Wahrer Schatz an maritimer Kunst«

Sachbuch | Huw Lewis-Jones: Das Buch des Meeres

Wer Sinn und Sinnlichkeit für alte Dokumente hat, wer ein Kribbeln in den Fingerspitzen empfindet, wenn er Papier, Malereien oder Geschriebenes aus vergangenen Jahrhunderten in Händen hält, der wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen: Dokumente verschiedenster Art aus 500 Jahren Seefahrtgeschichte versammeln sich hier in diesem extrem schönen Buch. BARBARA WEGMANN hat es sich fasziniert angesehen.

Wider die Tyrannei des einzigen Blickpunkts

Kulturbuch | Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen Savants, autistische Menschen mit einer sogenannten Inselbegabung, waren lange Zeit nur Objekt der wissenschaftlichen Begierde. Erst in den 80er Jahren erregten sie die amüsiert-gerührte Neugier von Normalbegabten durch Oliver Sacks‘ »Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte« und Barry Levinsons »Rain Man«. Ihre Tauglichkeit als Popfiguren wurde ab 2005 getestet, als die TV-Serie »Numbers« ein mathematisches Superhirn mit den typischen weißen Flecken auf der sozial-emotionalen Landkarte als sexy (männlich) Rätsellöser für die heile Law-and-Order-Welt rekrutierte. Und seit Stieg Larssons Lisbeth Salander scheint Autismus regelrecht zum Glamourfaktor mutiert: genialisch-unheimlich plus sexy (weiblich)

Küsse tauschen

Kulturbuch | Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins Für die einen ist Berlin das Letzte, ein charakterloses Gemisch, für andere ein freiheitlicher Magnet, eine Human-Werkstatt. Je nach Sympathie mal bloß Behauptstadt, mal Überhauptstadt. Wer meint, Berlin-Hype und Berlin-Bashing seien etwas Neues, wird von einem wiederentdeckten Berlin-Buch eines fröhlichen Besseren belehrt. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Kuba und die Revolution

Kurzprosa | Menschen| Lee Lockwood: Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba und Michael Zeuske: Kleine Geschichte Kubas Der erstmals in Deutschland veröffentlichte dokumentarische Bildband Castros Kuba gibt einen Einblick in die Ziele der Revolution und zeigt Fidel Castro als einen feinsinnigen und demagogisch begnadeten Politiker. Von BETTINA GUTIERREZ PDF erstellen

Dicht an der Quelle

Gesellschaft | Glenn Greenwald: Die globale Überwachung Mit ›Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen‹ hat Glenn Greenwald das wohl wichtigste Buch zum NSA-Skandal geschrieben. Von JAN FISCHER PDF erstellen