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Ein zürnender Magier und Hohepriester der Sprache

Menschen | Jens Malte Fischer: Karl Kraus

Der Schriftsteller Elias Canetti, ein kritischer Anhänger von Karl Kraus, schrieb einmal über dessen Wirkung, er habe eine »Hetzmasse aus Intellektuellen« gebildet. Er sei der größte und strengste Mann, der heute in Wien lebe. DIETER KALTWASSER über die monumentale Karl-Kraus-Biografie von Jens Malte Fischer

Malte Fischer - Karl KrausIn der Tat war Karl Kraus für seine Zuhörer und Leser eine enorme Herausforderung. Sein lebenslanger Kampf galt der »Phrase«. Er lebte in ständigem Widerspruch zu seiner Zeit und ihrer Presse. Als eine Zumutung darf auch sein Kampf gegen die Psychoanalyse gelten. Er nannte sie »die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält«. Er betrauerte die Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand, ein paar Jahre später rief er zur Wahl der Sozialdemokraten auf. Danach »weinte er dem von den Nazis gemeuchelten Kanzlerdiktator Engelbert Dollfuß nach«, so sein Biograph Jens Malte Fischer. In seiner neuen über tausend Seiten umfassenden Lebensbeschreibung des österreichischen Satirikers, Lyrikers, Aphoristikers und Dramatikers schildert er Persönlichkeit und Werk, die Frauen und Feindschaften sowie die großen Widersprüche eines großen Schriftstellers seiner Zeit.

Fischer, ein exzellenter Kenner des Fin de Siècle, ist der Verfasser von Biographien über Richard Wagner und Gustav Mahler; seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur und des Antisemitismus. Schon seine Dissertation schrieb er über Kraus. Fast fünfzig Jahre später erreicht die lebenslange Beschäftigung mit dieser monumentalen und brillanten Lebens- und Werkbeschreibung ihren krönenden und herausragenden Abschluss.

Karl Kraus wurde am 28. April 1874 im böhmischen Jičín als Sohn des jüdischen Papierfabrikanten und Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine geboren. In seinem Elternhaus fanden jüdische Riten wenig Beachtung. Er trat später, so sein Biograph, für die völlige Assimilation ein und hoffte, damit den Antisemitismus zum Verschwinden zu bringen. Er konvertierte zum Katholizismus, den er allerdings wieder verließ.

Im Jahr 1877 zieht die Familie nach Wien. 1892 beginnt Kraus ein Studium der Rechtswissenschaften und besteht 1894 das Erste Staatsexamen. Ein begonnenes Studium der Romanischen Philologie, Germanistik und Philosophie bricht er 1898 ab. In dieser Zeit nimmt er Schauspielunterricht, tritt in Aufführungen als Franz Moor in Schillers ›Räuber‹ oder in der Rolle des Kungu Poti in Wedekinds ›Büchse der Pandora‹ auf und hält erste Lesungen und Vorlesungen. Kraus schreibt bis 1899 für österreichische und deutsche Zeitschriften über zweihundert Rezensionen und Kulturberichte. In den folgenden Jahren tritt er bis zu vierzig Mal im Jahr als Schauspieler und Vorleser auf, in Berlin, Paris, Wien und anderswo.

Eine überragende Bedeutung im Leben von Karl Kraus haben Annie Kalmar und Sidonie Nádherný von Borutin. Annie Kalmar prägte die jungen Jahre um 1900 und Sidonie Nádherný begleitete die vielen Höhen und Tiefen dieses Lebens bis zu seinem Ende. Annie Kalmar hieß eigentlich Anna Elisabeth Kaltwasser und wurde 1877 in Frankfurt am Main geboren. Seit 1895 hatte sie ein Engagement als Schauspielerin am Deutschen Volkstheater Wien. Kraus erwähnte sie in der zweiten Fackel vom April 1899 zum ersten Mal. Die schöne junge Frau spielte in einer französischen Posse mit dem Titel ›Der Schlafwagen-Controlor‹ mit und wird von Kraus als »die Herrlichste von allen« gepriesen, eine Anspielung auf ein Gedicht von Adalbert von Chamisso. Sie lernten sich im Sommer 1900 persönlich durch die Vermittlung von Peter Altenberg kennen.

Kalmar fand auf die Empfehlung von Kraus hin ein festes Engagement am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Als die 23-jährige in Hamburg eintraf, war sie bereits eine todkranke Frau und stirbt vor ihrem ersten Auftritt an einem Krebsleiden in ihrer zerstörten Lunge. Kraus erinnert in der ›Fackel‹ immer wieder an die verstorbene Geliebte und lässt zu Ihrem Andenken ein Denkmal setzen, einen Grabstein, der auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg steht. Über die »Bilder- und Gedenkhöhle« seines Arbeits- und Wohnzimmers, in dem auch mehrere Fotos und Bilder von Annie ihren Platz hatten, heißt es in einem Gedicht von Kraus: »Es schweigt mich an wie eine Sage, / jedes Ding von seinem Ort. / Die heimgegangne Göttin dort / Ruf des Geschlechtes heilige Klage.«

1910 liest Kraus in Berlin zum ersten Mal aus eigenen Schriften vor und aus denen der Dichter, die er schätzt, wie Peter Altenberg und Frank Wedekind. Dort trägt auch seinem später berühmten Essay »Heine und die Folgen« vor. In ihm beschäftigt er sich polemisch mit der Sprache des Dichters, an der er kein gutes Haar lässt. In seinen ›Worten in Versen‹ reimt er: »Seit dieser Prosa, diesem Buch der Lieder / hats jeder leicht, die Lust der Sprache zu verringern. / Er löste ihr das Mieder, / damit sie an ihren Brüsten fingern.« Von 1910 bis zu seinem Todesjahr 1936 hält er allein in Zürich 700 Vorlesungen vor einem begeisterten Publikum. 1912 vertieft sich auch seine Bekanntschaft mit dem Dichter Georg Trakl, der ihn nahezu devot verehrt und einen Hohepriester der Wahrheit nennt.

Sein Hauptwerk jedoch wird die Zeitschrift ›Die Fackel‹ mit ihren über 23.000 Seiten. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren gründet er sie, im April 1899 erscheint in Wien die erste Nummer; ab 1912 bis zu seinem Tod 1936 ist er deren einziger Autor. Zum Hauptwerk zählen weiter das Drama ›Die letzten Tage der Menschheit‹, eine umfassende und gründliche Abrechnung mit dem Ersten Weltkrieg, dessen Material zu zwei Dritteln der Presse und anderen Verlautbarungsorganen der Zeit entnommen ist, und seine als Einzelausgabe der ›Fackel‹ geplante Schrift ›Dritte Walpurgisnacht‹, die mit dem häufig missverstandenen (und ständig falsch zitierten) satirischen Satz »Mir fällt zu Hitler nichts ein« beginnt und in der auf den folgenden 350 Seiten eine umfassende Analyse des Nationalsozialismus, seiner Sprache und seiner Gräueltaten vorgenommen wird. Ihm fiel sehr viel zu Hitler ein. Das Werk konnte erst posthum nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen.

Fischer beschreibt Kraus in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als einen Kulturkonservativen mit einer Zuneigung zur Monarchie und einer Abneigung gegen den technischen Fortschritt. Nach dem Krieg und dem Versagen der Monarchie näherte er sich kurzfristig der Sozialdemokratie; der Biograph zeichnet Kraus jedoch als einen unpolitischen Menschen, als einen Moralisten, dessen Zeitkritik vor allem Sprachkritik ist.

In den 20er Jahren feierte Kraus seine größten Erfolge, vor allem mit seinem Werk »Die letzten Tage der Menschheit‘, das Kraus selbst als unspielbar bezeichnete. Im Februar 1923 wurde es zum ersten Male in Teilen auf der Neuen Wiener Bühne gespielt. In der Vorrede heißt es:
»Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene [= die Jahre des Krieges]. Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge bestanden zu haben. Außer ihm, der die Schmach solchen Anteils einer Nachwelt preisgibt, hat kein anderer ein Recht auf diesen Humor. Die Mitwelt, die geduldet hat, dass die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen.«

Der wortmächtigste Kritiker seiner Zeit und ihres damals einzigen Massenmediums, der Zeitung, starb am 12. Juni 1936 in Wien. Sein letzter Brief an seine langjährige Gefährtin Sidonie Nádherný datiert vom 16. Mai. Sie reiste am 11. Juni noch nach Wien, fand ihn aber bereits im Dämmerschlaf vor. In seinen letzten Lebensstunden war die Freundin Helene Kann bei ihm.

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Jens Malte Fischer: Karl Kraus
Der Widersprecher
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2020
1104 Seiten, 38,00 Euro
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