Ein letztes Mal

Ausreißen ist eigentlich keine Lösung. Manchmal vielleicht doch. Ein Enkel entscheidet sich dafür. Weglaufen, gemeinsam mit dem Opa. Von ANDREA WANNER

Ausreisser - 9783825152215Der Alte ist eine Zumutung. Das findet sein eigener Sohn, ein Zahnarzt, der die Besuche im Krankenhaus bei seinem griesgrämigen Vater kaum aushält. Das finden die Krankenschwestern, die die Launen des ungeduldigen Patienten ertragen müssen. Ein fluchender Miesepeter liegt da im Bett, nörgelt, kommandiert rum, lässt an nichts und niemandem ein gutes Haar. Sein Enkel liebt ihn trotzdem. Klein-Gottfried nennt ihn Großvater Gottfried liebevoll, dabei ist Gottfried nur sein Zweitname. Er mag das. Und er mag die Besuche. Und wenn sein Vater nicht will, dann geht er eben allein. Heimlich.

Mit diesem Besuch fängt das Abenteuer an, denn der Großvater wittert seine Chance auf ein letztes Abenteuer: Sein Enkel soll ihn aus dem Krankenhaus rausholen, nur für einen Tag und eine Nacht. Wie der Kleine das bewerkstelligen soll, ist ihm egal. Aber der ist in der Tat clever und schmiedet einen ausgetüftelten Plan. Eine Exkursion zu dem alten Haus, in dem Opa früher mit Oma lebte, ist das Ziel. Und ein Glas Preiselbeermus.

Ulf Stark war ein großartiger Erzähler. ›Im Himmel ist es fast genauso‹ war auch bereits so ein Buch, das von den letzten Dingen erzählte. Klug und gleichzeitig witzig. Für ›Kannst du pfeifen, Johanna‹ erhielt der Sohn eines Zahnarztes den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch.

Die Nils-Holgersson-Plakette bekam er bereits 1988 für ›Jaguaren‹ (das es tatsächlich bisher nur auf Schwedisch gibt), mit dem Astrid-Lindgren-Preis wurde er 1993 ausgezeichnet und den Luchs des Monats im Mai erhielt er posthum für ›Als ich die Pflaumen des Riesen klaute‹. Seine Themen waren wichtige, seine jungen Leserinnen und Leser nahm er immer ernst und fand die passenden Worte für jede Situation.

So ist auch die Großvater-Enkel-Ausreißergeschichte ein kleines Kunstwerk. Liebevoll sind die Figuren entworfen, konsequent wird aus der Kinderperspektive erzählt, mit Zuneigung und Verständnis für einen alten Mann, der den meisten nur lästig ist. Die Buntstiftillustrationen von Kitty Crowther begleiten das Abenteuer, schlicht auf den ersten Blick und voller Tiefe, wenn man genauer hinschaut. Ein Spiel mit hellen und dunklen Farben, so wie sich auch beim Erzählen Helles neben Dunkles reiht. Ein kleiner Junge und ein alter Mann kommen sich sehr nahe, der Junge entdeckt, dass es Notlügen gibt und dass einem manchmal die Wahrheit die keiner glaubt. Er trifft weitreichende Entscheidungen und ist bereit, die Konsequenzen zu tragen. Auf jeden Fall erlebt er gemeinsam mit seinem Opa etwas Unvergessliches.

Ulf Stark ist am 13. Juni 2017 gestorben. In seinen Büchern lebt er weiter. Und vielleicht waren die Antworten, die dieses Kinderbuch auf die Frage nach dem Danach gibt, auch seine.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Ulf Stark: Die Ausreißer
(Rymlingarna; aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer)
Mit Illustrationen von Kitty Crowther
Stuttgart: Urachhaus 2020
128 Seiten, 16 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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