»Wahrer Schatz an maritimer Kunst«

Sachbuch | Huw Lewis-Jones: Das Buch des Meeres

Wer Sinn und Sinnlichkeit für alte Dokumente hat, wer ein Kribbeln in den Fingerspitzen empfindet, wenn er Papier, Malereien oder Geschriebenes aus vergangenen Jahrhunderten in Händen hält, der wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen: Dokumente verschiedenster Art aus 500 Jahren Seefahrtgeschichte versammeln sich hier in diesem extrem schönen Buch. BARBARA WEGMANN hat es sich fasziniert angesehen.

»Gerade einmal 15 Prozent der Weltmeere wurden bisher erschlossen, und dennoch strebt der Mensch danach, erneut zum Mond zu fliegen und den Mars zu erreichen.« Viel wichtiger, so heißt es im Vorwort des Buches weiter, sollte es sein, die Prozesse unserer Erde zu verstehen und zu versuchen Schäden, die wir diesem Planeten antun zu verhindern.

Das Buch des Meeres

Und so scheint es, dass all die wertvollen und einzigartigen Dokumente in diesem Buch letztlich Beweis dafür sind, dass man früher viel intensiver, umfangreicher, akribischer und detaillierter die Kenntnisse über die Weltmeere besessen geradezu von Forschergeist sammelte, als es heute noch der Fall ist. Die Meere sind nicht mehr von jenem Interesse wie einst, damals, als sie ein noch völlig unentdecktes Mysterium waren, zu den Zeiten aufregender und gefährlicher Expeditionen mit so ungewissem Ausgang. Zu den Zeiten, als man andere Welten entdeckte, mit neuen Handelsrouten über die Ozeane hinweg Brücken zwischen Menschen und Ländern schlug. Heute wird jede kleinste Wellenbewegung mit modernster Technik aufgenommen, werden Tiefen ausgelotet, von denen man vor Jahrhunderten nicht annähernd eine Ahnung hatte. Und dennoch sind die Weltmeere alles andere als bekanntes und erschlossenes Terrain.

»Nehmt Papier und Tinte mit, lautete der Befehl eines geschulten Seefahrers in den 1850er- Jahren, und führt stetig ein Tagebuch, … das nach eurer Rückkehr angeschaut und gelesen werden kann.« Das Internet, die Fotografie, digitale Optionen lagen noch schlummernd, tief auf dem Meeresgrund. »Ein neugieriger Reisender sollte niemals ohne Papier, Feder und Tinte aufbrechen.« Allein diese Vorstellung fasziniert und macht neugierig auf die in zahlreichen Abbildungen präsentierten papiernen Schätze.

Skizzen und Zeichnungen aus Logbüchern oder Tagebüchern, aus Briefen und persönlichen Aufzeichnungen versprühen den großen Charme des Abenteuers, wenngleich es das sicher nicht immer war, damals. Die Raubzüge des Francis Drake, Ende des 16. Jahrhunderts mit detailreich gezeichneten Schiffen, Küstenformen, verknüpft mit Tagebuch Eintragungen nehmen mit auf Ozeanfahrt und Eroberungsfeldzug. Aber auch Auszüge der Fischbücher des Adriaen Coenen faszinieren: Er lebte Mitte des 16. Jahrhunderts in Scheveningen, zeichnete Meeresbewohner aller Art und schuf ein über 800 Seiten starkes ›Visboek‹, »ein wahres Kuriositätenkabinett, eine Mischung aus Skizzenbuch, Almanach und Märchen. Seine Meeres-Bewohner bekam Coenen von Seefahrern, die sie ihm von ihren Fahrten mitbrachten. Einzigartige Zeichnungen.

Aber es sind auch Geschichten von Menschen, die sich auf große Fahrt wagten, wie Rose de Freycinet, Ende des 18. Jahrhunderts. Sie ließ sich nicht davon abhalten, ihren Mann, den Kapitän eines Schiffes, das von Frankreich aus zu einer dreijährigen Expedition in die Südsee aufbrechen sollte, zu begleiten. Frauen aber war »das Betreten von französischen Schiffen streng verboten.« Nach Jahren voller Gefahren und Katastrophen kamen die beiden samt Schiff und Besatzung wieder an Land und ihre »abenteuerliche Liebesgeschichte faszinierte die französische Gesellschaft« und sogar König Ludwig XVIII. verzieh Rose ihre »eheliche Hingabe«. Ihr Tagebuch hat mit Text und Skizzen überlebt.

Ob es die Entdeckungen sind, die Widrigkeiten von Wetter und See und Land, die Krankheiten an Bord, fremde Menschen und ihr Leben, Tiere, die hierzulande unbekannt waren, Naturphänomene, Schätze, die erbeutet wurden für die Heimat, es ist ein großes Abenteuer, in einstige Geschichten einzutauchen, zumal in einem so geschmackvoll aufgemachten Buch. Jeweils in kurzen Kapiteln, die von Seefahrern, Köchen, Walfängern, Matrosen, Chirurgen und Künstlern erzählen. So ist auch der Maler William Turner mit vielen Skizzen und Entwürfen dabei, dessen Bilder mit jenem unvergleichlichen »Zusammenspiel von Farbe und Licht« in späteren Jahren immer wieder Seemotive zeigten. »Ob Turner sich tatsächlich an einen Schiffsmast binden ließ, um einen Sturm zu malen, oder nicht – fest steht, dass er die raue See aus nächster Nähe kannte und für die Kunst an seine Grenzen ging.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Huw Lewis-Jones: Das Buch des Meeres
Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer
Köln: DUMONT Verlag 2020
304 Seiten, 40 Euro
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