Nemos Korallenriff ist in Gefahr

Sachbuch | Richard Smith: Koralle & Co.

Die Schönheit dieser besonderen Natur, dieser Unterwasserwelt, mit der wir Normalsterblichen so selten oder nie in Berührung kommen, man bewundert sie, staunt, ist berauscht von der Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten. Zu all dem kommt heute aber noch ein absolut wichtiger Aspekt hinzu: Heute müssen wir diese Meereswelten leider als gefährdete Naturräume sehen, als Ökosysteme, die bedroht sind. BARBARA WEGMANN hat Einblicke in eine faszinierende Welt erhalten.

Koralle Co 750Und diese Seiten sind prächtig illustriert, kein Wunder, ist Richard Smith nicht nur Meeresbiologe und Naturschutzexperte, sondern preisgekrönter Unterwasserfotograf. Er entführt in eine Welt, die für die meisten von uns mehr mit Staunen, denn mit Kenntnis, mehr mit Faszination des Unbekannten, denn mit dem Wissen um Zusammenhänge in einem ganzen Ökosystem verbunden ist. Auf also voller Neugier zu den Korallenriffen im Atlantik, dem Pazifik und dem Indischen Ozean.

»Wenn man mutig an Orte vordringen möchte, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, muss das nicht das Weltall sein.« Vor allem, so Smith, entdecke man in jenen »unkartierten Regionen« des Meeres eine riesige Fülle an neuen Arten. Ein großes Abenteuer also. Aber auch eine Mahnung in Sachen Umweltschutz, denn das System unter Wasser, es ist äußerst empfindsam und fragil. »Wenn Korallen durch Veränderungen ihrer Umwelt wie etwa Erwärmung des Wassers unter Stress geraten, stoßen sie ihre symbiotischen intrazellulären Algen ab und sehen dann geisterhaft weiß aus.

In den vergangen zwei Jahrzehnten sind Millionen von Korallen dieser Korallenbleiche zum Opfer gefallen.« Das wiederum hat Konsequenzen, sind Korallen doch das Zuhause für so viele andere Arten. Für so viele Arten, die genau das schaffen, was wir Menschen oft längst nicht so gut hinkriegen: Das friedliche Zusammenleben, in Abhängigkeiten, in einem funktionierenden Sozialsystem, im Schutz der Koralle. Hier geht man auf Beutefang, versteckt sich, hat ein Zuhause, sorgt für die neue Generation. Und Korallen sorgen für eben jenes Zuhause; übrigens sind Korallen Tiere, keine Pflanzen.

Richard Smith erforschte Korallenriffe in 23 Ländern, forschte, filmte, fotografierte, darunter Fische, die »kleiner als eine Zehn-Cent-Münze waren, und andere, die zwei Omnibusse an Länge übertrafen.« Ein weiteres Talent dieses Autors: Smith kann wunderbar erzählen und verständlich erklären, Zusammenhänge einfach darstellen und fast unterhaltsam nahebringen. Und manchmal kann man sogar cineastische Kenntnisse einbringen: Schließlich lebt der kleine Clownfisch Nemo auch in einem Korallenriff. »Nemo wurde zum liebenswerten, untrennbaren Symbol der Korallenriffe.«

Es ist nicht nur die Erwärmung der Meere, so Smith, die das Korallensterben vorantreibt und Forscher seit Jahren in Alarmbereitschaft versetzt. Es ist zudem die Wasserqualität, Meere werden zunehmend sauer, und landwirtschaftliche Praktiken und Abholzungen in Ufernähe setzen der Unterwasserwelt auch gehörig zu. »Die Verwendung von stickstoffhaltigen Kunstdüngern hat sich seit den 1960er Jahren mehr als versechsfacht. Diese Dünger werden wie die Böden ausgewaschen und gelangen so an das Riff.« Manche Arten mögen das, vermehren sich derart, dass sie geradezu zur Plage werden, andere sterben ab; wie auch immer: Das gesunde Gleichgewicht und das Überleben der Korallen sind in Gefahr.

Sehr üppig bebildert ist das umfangreiche Buch, ein Bücherschatz, geschrieben von einem Autor, der sehr leidenschaftlich das Thema angeht und vor allem sein Dissertationsthema, sein Lieblingswesen unter Wasser nicht verleugnen kann, das Zwergseepferdchen, knapp zwei Zentimeter groß. »In einem abgelegenen indonesischen Korallenriff spielt sich im schwächer werdenden Licht des frühen Abends in 14 Metern Tiefe eine dramatische Szene ab: Ein winziges Seepferdchen stranguliert mit seinem Schwanz einen Artgenossen … in einem indonesischen Riff kann man innerhalb einer Stunde mehr als einhundert oder gar doppelt so viele Arten von Fischen in vielen Farben und Formen beobachten- akribische Putzkräfte, exzentrische Liebhaber und treu sorgende Eltern.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Richard Smith: Koralle & Co.
Warum die Unterwasserwelt für unser Überleben so wichtig ist
Delius Klasing Verlag
312 Seiten, 34,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aufstand der Namenlosen

Nächster Artikel

Kompromißlos

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Tausend Eier auf dem Meer

Sachbuch | Guirec Soudée: Segeln mit Huhn

Was für eine ungewöhnliche und irrwitzige Geschichte: Da erfüllt sich jemand seinen Traum, segelt um die Welt. Und als wenn das nicht schon Traum-Erfüllung genug wäre, nein, er nimmt auch noch ein Huhn mit. Wie lange dieses Huhn auf dieser Reise ursprünglich leben sollte, das ist vielleicht zunächst nicht so klar. Klar ist aber: das Huhn hat überlebt und das entstandene Buch erzählt anmutig und amüsant die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft. Von BARBARA WEGMANN

Der Dreck und der Teppich

Gesellschaft | Thomas Kistner: Schuss Im Fußball geht es derzeit hoch her, und es gibt eine Menge Themen, die die Öffentlichkeit interessieren dürften. Das Doping gehört zweifellos dazu, es schwelt dauerhaft und flammt gelegentlich immer mal wieder auf. Beide Seiten rüsten auf; die einen, um aufzuklären, die anderen um den Teppich drüber zu halten. Es läuft darauf hinaus, dem Publikum vorzugaukeln, dass alles in Ordnung sei, fernsehgerecht. Von WOLF SENFF

Attention please!

Sachbuch | Dr. Patrizia Collard: Das kleine Buch vom achtsamen Leben Jeder kennt es, doch niemand möchte es wahrhaben: In unserem hektischen Alltag vergessen wir, genau hinzuschauen und die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Das Leben rast an uns vorbei. Dabei kann ein paar Mal tiefes Durchatmen am Tag wahre Wunder bewirken. Dr. Patrizia Collard verrät Ihnen, warum … Von MONA KAMPE

Zwischen Ruhm, Isolation und Verrücktsein

Sachbuch | Susan Bernofsky: »Hellseher im Kleinen«. Das Leben Robert Walsers

Robert Walser wurde bereits als junger Schriftsteller über sein Geburtsland Schweiz hinaus von vielen bewundert, so auch von seinen Zeitgenossen Franz Kafka, Robert Musil, Hermann Hesse, Walter Benjamin, Thomas Mann und Stefan Zweig. In seinem späteren Leben hingegen war er, so seine Biografin Susan Bernofsky, »fast vergessen, eine Vergessenheit, die ihn überdauerte.« Erst nach seinem 100. Geburtstag im Jahre 1978 wurde sein schriftstellerisches Werk wiederentdeckt und »von neuen Generationen von Lesenden und Literaturwissenschaftler:innen begeistert aufgenommen.« Von DIETER KALTWASSER