Chastity Riley und die rekonvaleszenten Bullen

Roman | Simone Buchholz: River Clyde

Nach ihrem Einsatz in der hoch über Hamburgs Innenstadt gelegenen Bar des River Palace Hotels hat Chastity Riley der Blues gepackt. Aber gerade jetzt ruft sie der Brief eines Glasgower Anwalts nach Schottland. Von hier ist ihr Ururgroßvater Eoin Riley einst nach Amerika aufgebrochen. Und während »die Letzte der Rileys« zwischen verschiedenen Pubs und dem ihr Abenteuer mit seinem melodischen Rauschen begleitenden Fluss Clyde ihrer Vergangenheit begegnet, stellen ein paar gierige Immobilienmakler St. Pauli auf den Kopf und beschäftigen ihre Hamburger Freunde und Bekannten. Aber auch die sind in Gedanken mehr in der Ferne als vor Ort. Von DIETMAR JACOBSEN

Kilcreggan heißt das kleine Nest eine Stunde westlich von Glasgow. Hier hat Eliza Broom gelebt, eine Tante der Hamburger Anwältin Chastity Riley, die der Nichte testamentarisch ihr Haus vermacht hat. Unerwartete Chance für einen Neuanfang oder doch eher eine weitere Last? Riley macht gerade schwere Zeiten durch. Im letzten Roman, Hotel Cartagena (2019), ist ihr väterlicher Freund, der Hamburger Ex-Kripochef Faller, im Laufe einer Geiselnahme ums Leben gekommen. Seitdem fühlt sich Chastity wie von einem Betonpanzer umgeben. Da kommt es der 48-Jährigen gerade recht, dass sich ihre Vergangenheit meldet und sie von St. Pauli ins schottische Glasgow ruft. Mit viel Whisky und dem melodischen Rauschen des Flusses Clyde könnte dort so etwas wie ein neues Leben beginnen.

Sehnsucht nach festem Grund

Zuerst freilich sind es neue Freunde, die Simone Buchholz‘ Heldin findet. Die Glasgower Pubs mit ihren fantasievollen Namen scheinen gerade dazu gemacht, sich mit Menschen anzufreunden. Weil die Straße, die Riley vom Glasgower Bahnhof in Richtung Innenstadt führt, »Hope Street« heißt, nimmt sie auch das als gutes Zeichen. Und wenn sie der Barmann CJ nach ein paar Gläsern Whisky und ein paar Auskünften über ihr Woher und Wohin mit »Herzlich willkommen zu Hause, Riley.« begrüßt, verursacht das fast schon so etwas wie einen ersten Riss in dem Betonmantel um ihre Brust.

Allein mit ihrem schottischen Berufskollegen, dem die Erbschaft regelnden Anwalt McBurney, klappt die Kommunikation nicht auf Anhieb. Denn bevor sie sich von dem schroffen Mann die Katze im Sack aufs Auge drücken lässt – »Wir Schotten nehmen, was wir kriegen können, gerade wenn es billig oder gar umsonst zu haben ist.« –, will sie das ihr so unerwartet Zugefallene doch erst einmal beschnuppern.

Derweil herrschen auch bei Rileys in Hamburg zurückgebliebenen Freunden und Kollegen Melancholie und – was Kommissar Ivo Stepanovic betrifft – Liebeskummer. Zum Glück scheint die Lösung des Falls, der sie gerade umtreibt, nicht so schwer. Mit 500 Litern Brandbeschleuniger haben ein paar »Immobilieninvestmentarschlöcher« einen ganzen Straßenzug niedergebrannt. Jetzt sollen dort schicke neue Häuser hin – ein Riesengeschäft. Zum Glück gönnen die Profiteure dieses Coups einander gegenseitig nicht das Schwarze unter den Nägeln. So muss man eigentlich nur warten, bis sie sich gegenseitig den Garaus gemacht haben. Und darf sich inzwischen ein paar nostalgische Gefühle und Erinnerungen an die Zeit gönnen, da Chastity Riley noch nicht über den Kanal verschwunden und reich an Inspirationen für alle Freunde und Kollegen war.

In den dunklen Räumen der Melancholie

River Clyde ist das zehnte und, wie es aussieht, letzte Abenteuer für eine Frau, wie man sie in der aktuellen deutschen Spannungsliteratur kein zweites Mal findet. Simone Buchholz begleitet ihre Heldin darin hinab in die dunklen Räume der Melancholie, wo Kategorien wie »Schönheit« – »schön ist vor einem halben Jahr in die Hölle gebombt worden« –, »Interesse« und »Gefühl« schon lange nicht mehr existieren und »Trümmermusik« die allgemeine Entropie der Seele – mit »Entropie« sind gleich drei der kurzen Kapitel dieses Romans überschrieben – untermalt.

Schottland kommt der angeschlagenen Hamburger Anwältin an diesem Punkt in ihrem Leben gerade recht. Mit allem, was sie ist und hat, stürzt sie sich in die Herausforderungen einer Welt, mit der sie seit jeher innere Wurzeln verbinden, deren Existenz sie erst nach und nach wiederentdeckt. Und dennoch, so verlockend es manchmal auf ihrem Weg zurück in die Geschichte ihrer Familie zu sein scheint, als »Letzte der Rileys« ihren Platz dort einzunehmen, wo einmal alles begann: Am Ende steht wohl die Rückkehr zu jenen Menschen, mit denen sie sich in der Gegenwart verbunden fühlt und von denen einer ihr nachgereist ist, um sie zu sich, ihren Freunden und der Stadt, mit der sie verwachsen ist, zurückzuholen.

Gekrönt wird dieser wunderbare Roman aber von einem ganz besonderen Abschied, dem Abschied von derjenigen nämlich, die Chastity Riley erfunden hat, jetzt zum ersten Mal »Ich« sagt und ihre Figur endgültig loslässt, auf dass die ihre eigenen Entscheidungen treffen kann da, wohin sie sich, Hand in Hand mit Ivo Stepanovic, auf den Weg macht.

Eine Frau und ein Fluss im Dialog

Übrigens: So wenig »Kriminalroman« wie in diesem zehnten, abschließenden Band gab es in der Chastity-Riley-Reihe noch nie. Aber auch noch nie so viel Poesie. Aufsteigend aus den Wassern des River Clyde, die immer eine Antwort zu haben scheinen auf die innere Stimmungslage einer Frau, die auf der Suche nach einem festen Grund ist, auf dem ihr Leben weitergehen könnte. Verborgen in den dunklen Ecken der zahlreichen Pubs, vor und hinter deren Theken. Sich nährend aus alten Legenden sowie der rauen, zerklüfteten  Landschaft der schottischen Atlantikküste.

Großartig, wie Buchholz die Geschichte von vier Generationen des Riley-Clans auf gerade einmal zweieinhalb Seiten erzählt, Aufbrüchen und Abstürzen, Siegen und Niederlagen nachspürt, um schließlich bei Eliza Broom zu landen, der Tante, der ihre Nichte wie aus dem Gesicht geschnitten ist und die Simone Buchholz genauso wie andere Gestalten aus der Vergangenheit ihrer Heldin immer wieder auftauchen lässt, um in imaginären Gesprächen deren Weg zu prägen. Und unterm Strich letzten Endes die Frage, was die Autorin nun anfangen wird ohne eine Figur, in die sie so viel von sich selbst gelegt zu haben scheint. Wie man lesen konnte, soll ihr nächster Roman auf einem Schiff spielen. Zombies sollen darin vorkommen und etwas über die Fragilität unserer heutigen Welt erzählt werden. Mit Letzterem hat sie freilich lange schon begonnen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Simone Buchholz: River Clyde
Berlin: Suhrkamp Verlag 2021
230 Seiten. 15,95 Euro
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