Muslimische Einwanderung und westliche Frauenrechte

Gesellschaft | Ayaan Hirsi Ali: Beute

Bedeutet die »Massenmigration« von Menschen muslimischen Glaubens auf den europäischen Kontinent eine Gefahr für unsere westlichen Werte, für unseren liberalen Lebensstil, aber vor allem für die Freiheit und die Gleichberechtigung europäischer Frauen? Und schauen wir dieser Bedrohung nur tatenlos zu? Das zumindest behauptet Ayaan Hirsi Ali in ihrem neuen Buch: ›Beute – Warum muslimische Einwanderung westliche Frauenrechte bedroht‹. Die Feministin und Islamkritikerin fordert eine andere Einwanderungspolitik – es gibt dafür viel Lob, aber auch harsche Kritik. Von DIETER KALTWASSER

Zwei Frauen, eine verschleiert, eine mit offenen Haaren, stehen Rücken an Rücken auf einer StraßeHirsi Ali ist seit zwanzig Jahren eine der schärfsten Kritikerinnen des Islamismus. In Holland, wo sie einst als rechtsliberale Politikerin im Parlament saß, wurde sie mit sogar mit dem Tode bedroht. Sie wuchs in Afrika und im Nahen Osten auf, erlitt als Kind eine Genitalverstümmelung, floh aus Somalia vor einer Zwangsehe in die Niederlande, wo sie Asyl beantragte und aus humanitären Gründen auch erhielt. Heute lebt sie mit ihrem Ehemann und zwei Söhnen in den Vereinigten Staaten. Die frühere Muslima versteht sich als Häretikerin, als eine Person, die das Glaubenssystem hinterfragt.

Sie habe den Titel ›Beute‹ für ihr neues Buch gewählt, »weil die Männer, über die ich in dem Buch spreche, Frauen verachten. Sie üben sexuelle Gewalt aus, indem sie Frauen obszön hinterherrufen, zischen und unzüchtige Geräusche machen, bis hin zu Gruppenvergewaltigungen und dem ›Vergewaltigungsspiel‹, dem ›Taharrush‹. All diese Männer sehen Frauen als Beute.«

Die in Somalia geborene Aktivistin für Frauenrechte ist die Autorin der Bücher ›Mein Leben, meine Freiheit‹, »Ich klage an – Für die Freiheit von muslimischen Frauen‹ und ›Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss‹. »Der Islam gibt ja nicht die Vollmacht, rauszugehen und zu vergewaltigen«, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. »Aber er legt die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Frauen fest. Und so erscheint es zwar sündhaft, kriminell oder falsch, Frauen zu attackieren, die gut und keusch erscheinen – aber nicht die Frauen, die als schlecht, unanständig und nicht tugendhaft angesehen werden.«

In der Silvesternacht von Köln 2015/2016 wurden in einer Menschenmenge zahlreiche Frauen sexuell angegriffen. Viele der Täter waren Zuwanderer. Damals wurde eine Diskussion ausgelöst über die Integration muslimischer Männer in Deutschland und deren Frauenbild in diesem Land. Viele dieser Männer hätten eine Einstellung, welche vom westlichen Ideal der Gleichberechtigung von Mann und Frau weit entfernt sei; ihre traditionellen Vorstellungen kollidierten mit dem europäischen Freiheitsbegriff, so Hirsi Ali.

Nicht nur in muslimischen Gesellschaften werde das Leben der Frauen durch Tradition und Religion eingeschränkt. Durch die verstärkte Zuwanderung aus muslimischen Ländern würden Frauen auch hierzulande häufiger Opfer von verbalen Übergriffen, Nötigungen und Gewalt. Frauen würden zunehmend aus dem öffentlichen Raum in die private Sphäre verbannt. Schon bald wären Parallelgesellschaften die Folge, wie im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, in welchem sich Frauen angeblich nicht mehr (oder nur vollverschleiert) auf die Straßen trauen.
Eine »falsche Toleranz« helfe nicht weiter, betont Hirsi Ali, nur wenn die Bedrohung der emanzipatorischen Freiheitsrechte als Problem anerkannt werde, könnten Frauen wirksam geschützt und Zuwanderer erfolgreich integriert werden. Und nur so könne den Rechtspopulisten Paroli geboten werden, zu denen sie sich selbst offensichtlich nicht zählt.
Ayaan Hirsi Ali arbeitet in ihrem Buch mit vielen Statistiken, Kriminalitätsdaten, Zeitungsartikeln und sozialwissenschaftliche Untersuchungen; sie untermauert ihre Thesen mit zahlreichen Fällen sexueller Gewalt und Interviews. Es gehe ihr nicht darum, muslimische Migranten zu dämonisieren, so die Feministin. Bei manchen Zeilen in ihrem Buch gewinnt man aber genau diesen Eindruck.

Sie verteidigt den westlichen Liberalismus und suggeriert, dass der Islam unvereinbar mit ihm sei; sie plädiert als ehemalige Asylbewerberin für eine Verschärfung der Asylgesetze. In der Flüchtlingsdebatte wirft sie der Politik vor, eine falsche Toleranz anzuwenden. Ist hier nicht doch eine Nähe zum Populismus vorhanden? Hirsi Ali schreibt in ihrem Buch:
»Als Immigrantin würde ich schon gerne sehen, dass Einwanderer sich etablieren, erfolgreich sind, und sich integrieren. Aber genau deshalb denke ich, dass die bürgerlichen Parteien endlich und ohne Tabus anfangen sollten, Diskussionen zu führen über ernstzunehmende Strategien der Integration, der Einwanderung – und auch über ihre Außenpolitik.«

Sie fordert neben der Verschärfung des Asylrechts härtere Strafen für sexuelle Gewalttäter und die Schließung der Grenzen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss gehen. Die Autorin polarisiert; viele Geflüchtete verhalten sich gesetzeskonform und die Integrationsprogramme hierzulande vermitteln Werte und Regeln; genau dies muss fortgesetzt werden.
Ayaan Hirsi Alis leidenschaftliches Verlangen, die Freiheiten und Rechte unserer Kultur zu bewahren, ihr Eintreten für die vollkommene Gleichheit der Geschlechter, wird unterlaufen durch Vorschläge, die unserem Wertesystem nicht entsprechen. Die Verteidigung der westlichen Kultur bedarf anderer Argumente.

Goethes ›West-östlicher Divan‹

DivanIm Sommer 1819 erschien erstmalig der ›West-östliche Divan‹, Goethes Alterswerk, das 1827 noch einmal erweitert wurde. Missverstanden und sogar abgelehnt wurde es in seiner Fremdartigkeit bis ins 20. Jahrhundert hinein. Und doch zählten schon früh Dichter wie Rückert, Platen, Heine und Gautier oder Philosophen wie Hegel und Marx zu seinen entschiedenen Bewunderern.

Die Arbeit am »Divan« begann Goethe im Sommer 1814; inspiriert wurde er durch das Werk des persischen Dichters Hafis, der um 1320 in Schiras geboren wurde und auch dort um 1390 gestorben ist. In einem Briefentwurf Goethes vom Mai 1815 an seinem Verleger Cotta heißt es über die Entstehung: »Ich habe mich nämlich im Stillen längst mit orientalischer Literatur beschäftigt und, um mich inniger mit derselben bekannt zu machen, mehreres in Sinn und Art des Orients gedichtet. Meine Absicht ist dabei, auf heitere Weise den Westen und Osten, das Vergangene und Gegenwärtige, das Persische und Deutsche zu verknüpfen und beiderseitige Sitten und Denkarten übereinander greifen zu lassen.«

Auch nach 200 Jahren ist der »Divan« von großer Anziehungskraft und Aktualität. Einige der Gedichte stammen von Marianne von Willemer, Goethes später Geliebten. Die mit über 200 Gedichten größte Gedichtsammlung seines Gesamtwerks stellt hohe Anforderungen an seine Leser, heute mehr denn je. Goethe war sich dessen bewusst; er verfasste 150 Seiten »Noten und Anmerkungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Divans«. Sie sind eine geistige Reise durch den Koran und die Bibel, seine imaginäre Morgenlandfahrt.

In Weimar steht am Beethoven-Platz ein Denkmal, das mit zwei gegenüberstehenden Stühlen an die geistige Begegnung Goethes mit dem Werk des persischen Nationaldichters Hafis erinnern soll. Das Denkmal, im Jahre 2002 eingeweiht, wurde von der UNESCO gestiftet und gilt als Symbol für interkulturelle Toleranz.

Im »Divan« manifestiert sich Goethes tiefe Überzeugung, dass sich unterschiedliche Kulturen nicht nur begegnen und einander verstehen können – sie erhebt auch Einspruch gegen eine »Essentialisierung« dieser Kulturen. Eine kulturelle Differenz wird zwar wahrgenommen, aber Goethe stellt das Momentum der Verschränkung zwischen Ost und West in den Vordergrund, als ein fortwährender Lern- und Selbstverständigungsprozess:

»Wer sich selbst und Andre kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Occident/ Sind nicht mehr zu trennen. / Sinnig zwischen beiden Welten / Sich zu wiegen lass’ ich gelten; / Also zwischen Ost und Westen / Sich bewegen, sei’s zum Besten!«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Ayaan Hirsi Ali: Beute
Warum muslimische Einwanderung westliche Frauenrechte bedroht
Aus dem Englischen von Karsten Petersen und Werner Roller
München: C. Bertelsmann Verlag 2021
450 Seiten, 22 Euro
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| Leseprobe

Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan
Zwei Bände. Neue, völlig revidierte Ausgabe
Herausgegeben von Hendrik Birus
Berlin: Deutscher Klassiker Verlag 2010
2020 Seiten, 30 Euro (Broschur)
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