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Nahstoll (fortges.)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Nahstoll

Der Bruder sei leicht abgehoben, charakterlich, ja, sagte Setzweyn und unterdrückte ein Lächeln, er fliege, er fliege leidenschaftlich gern in der Welt umher, habe jedoch null Interesse an Reisezielen, nein, touristisch auf gar keinen Fall, er besitze eine Cessna, ein bequemes kleines Gerät, mit dem er vorzugsweise abseits der großen Pisten starte und lande, er genieße das als ein Abenteuer, denn es sei ein großartiges Gefühl, vom Erdboden abzuheben, himmelwärts, sagte Setzweyn, da könne er ihn verstehen.

Seinen Zwillingsbruder, ja, Nahstoll, sagte er, über den rede er, wen sonst, sie hätten einander lange nicht gesehen bis auf jetzt am Toten Meer, was sich zufällig ergeben habe, eine illustre Gesellschaft finde sich dort, ja, im Lager, sie würden es Lager nennen, wenngleich es offiziell als ein Sanatorium deklariert sei, gewiß, spottete er, je barbarischer die Zeitläufte, desto seriöser möchte man sich präsentieren, der Aufenthalt diene der Genesung von Haut- und Nervenleiden, man treffe auf Menschen aus aller Herren Länder.

Der Flug habe ihn eher enttäuscht, sagte Nahstoll, als sie im Zentrum zu Mittag aßen, Biryani-Reis, ein einfaches indisches Gericht, im Grunde habe er allein des Fluges wegen das Tote Meer aufgesucht, sagte er, blauer Himmel zwar über den Alpen, doch über Griechenland dichter Rauch, hoch auflodernde Flammen, er sei östlich nicht weit von Euböa geflogen, das sei nicht gewesen wie sonst, auf der anderen Seite zur Türkei hin sei ebenfalls Rauch gen Himmel gestiegen, nein, die Dinge seien nicht wie üblich verlaufen, sagte er, keineswegs, er habe seine Flüge immer genossen, bei klarem Wetter habe sich ein vielfältiges Panorama faszinierender Landschaften gezeigt, idyllische Siedlungen, und gleichgültig, wo er sich jeweils befunden habe, der Ausblick sei ein Reichtum, sei reine Freude gewesen, Ehrfurcht angesichts der unerschöpflichen Kraft der Natur.

Nahstoll sei bedrückter Stimmung gewesen, so empfand es Setzweyn, der Planet, sagte Nahstoll, scheine sich von Grund auf zu wandeln, über dem Mittelmeer sei der Himmel gewöhnlich azurblau, auch türkisfarben, und aus der Cessna blicke er hinab auf ein Paradies, doch diesmal sei alles anders gewesen, Rauch und auflodernde Flammen, daß man Angst haben müsse, und Feuer wüteten ebenso in anderen Regionen der Erde, lese man davon nicht täglich, unzählige Menschen auf der Flucht, das sei alles kein Zustand, wohin solle das führen, wie werde das enden.

Nafstoll sei erschüttert gewesen, die Freude am Fliegen schien ihm verloren wie ein liegen gebliebenes Gepäckstück, nein, keine Rede von Freude auf den Rückflug.

Von einer Katastrophe habe Nahstoll geredet, so habe er ihn nicht gekannt, und er möge sich das bitte nicht so zu Herzen nehmen, habe er Nahstoll entgegnet, er suche diese Regionen doch eh nicht für einen Urlaub auf, und hätte ihm fast noch tröstend den Arm um die Schultern gelegt, meine Güte, habe er ihm gesagt, er sei überhaupt nicht betroffen, was mache er sich da einen Kopf, es handle sich um das südliche Europa und um Kleinasien, er werde problemlos zurückkehren, und daß er vielleicht die Flugroute geringfügig variiere und, wenn er denn so empfindlich sei, die schmerzlichen Ausblicke meide, das lasse sich einrichten, und vielleicht, habe er den Bruder erinnert, konzentriere er den Blick auf das, was naheliege, das Tote Meer und sogar die Negev seien überaus attraktiv, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel und abseits des geschäftigen Trubels, das Klima sei der Gesundheit förderlich, jeder halte sich gern dort auf, Hotels würden sich nicht ohne Grund in En Bokek konzentrieren – er habe gelacht und durch das Fenster auf die mondänen Hotels gewiesen –, in En Gedi eine Viertelstunde nördlich stelle sich das Tote Meer allerdings grundlegend anders dar, müsse man wissen, denn das Regenwasser, das während der Wintermonate sich aus den Wadis herab ergieße, spüle dort die feste Solschicht im Boden aus, seit einigen Jahren hätten sich an den Ufern gefährliche Senklöcher aufgetan, man könne heute niemandem raten, En Gedi zu buchen, dort seien regelrechte Senkloch-Gebiete abgesperrt, der Campingplatz am Strand und das Restaurant, das den Touristenbussen stets für einen Zwischenaufenthalt gedient habe – unterwegs von einer mehrtägigen Nilkreuzfahrt zu den Schlössern von Ludwig II. und nach Heidelberg –, seien geschlossen, die Strände seien zu Kraterlandschaften mutiert, die Uferstraße sei kilometerweit unpassierbar, und weil sich immer neue Senklöcher aufgetan hätten, habe eine für fünfzehn Millionen Euro errichtete Brücke nach zwei Jahren gesperrt werden müssen.

Der Wandel beschleunige sich, darin gab er dem Bruder recht, das Geschehen werde auch aus den Höhen der Cessna wohl kaum zu ignorieren sein, En Gedi sei vormals ein ertragreicher Kibbuz mit weitläufiger Landwirtschaft gewesen, mit Dattelpalmen und Auberginenfeldern, doch seien einige tausend Palmen eingegangen, ökonomisch sei das ein Desaster, der Kibbuz nutze zur Zeit ein Areal weiter südlich, habe außerdem ein Gästehaus betrieben, doch nach einem Ferienidyll höre sich das nicht an, am besten, empfahl er dem Bruder, richte er sich auf einige Tage in En Bokek ein, er werde sich eingewöhnen, ja, erst recht im Lager, das Publikum dort sei entspannt wie sonst nirgendwo, und empfahl für den Rückflug eine schonende Route strikt westwärts weg vom Toten Meer.

Auch in Italien, wandte Nahstoll noch ein, würden Wälder brennen, doch das Thema hatte sich erschöpft, sie winkten dem Kellner und zahlten.

| WOLF SENFF 

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