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Kulturen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturen

Dreitausend Jahre sind eine lange Zeit. Selbstverständlich gab es Umbrüche, Fremdherrschaft, wechselnde Dynastien, neue religiöse Akzente, Siege und Niederlagen, keine Frage, aber die Kontinuität der altägyptischen Kultur blieb unverändert.

Einzigartig, sagte Anne und schenkte Tee nach. Ihr sei keine andere Kultur bekannt, die über so lange Zeit Bestand gehabt hätte, die Historiker zählen dreißig Dynastien.

Die Lage war mal mehr und mal weniger stabil, zum Beispiel entstanden Verwerfungen, als Echnaton die Religion monotheistisch umgestaltete, 18. Dynastie, es gab fremde Herrscher aus Libyen, und man darf sich sehr wundern, daß die Fundamente dieser Kultur erhalten blieben.

Vielleicht daß es keinen Wettbewerbsgedanken gab, sagte Anne, keine Konkurrenz auf Märkten, weder Wachstum noch Fortschritt, keine linearen Abläufe, niemand verfiel auch nur annähernd auf den Gedanken einer Evolution.

So etwas fand, wenn überhaupt, wenig Interesse, diese moderne Begrifflichkeit ist nicht anwendbar. Die alljährlichen Überflutungen des Nil bestimmten die Rhythmen der Saat und der Ernte, verläßlich wiederkehrend, niemand versprach goldene Berge, für uns ist das heute kaum vorstellbar, man war zutiefst eingebettet in natürliche Kreisläufe.

Integriert, sagte Anne, der Mensch integrierte sich.

Die Sonne, Re, war die alles bestimmende Gottheit, ihr sich täglich erneuernder Kreislauf am Himmel entlang und durch die zwölf Stunden der Nacht bildete die Basis, ein gleichbleibendes Tempo, und erste Pflicht der Pharaonen wie der Priester war, diese Abläufe zu pflegen.

Die Zeit stand still, kann man das sagen?

Was die Kultur betrifft, durchaus, sagte Tilman, doch Dinge veränderten sich, ohne daß jemand von Fortschritt geredet hätte, die territorialen Gegebenheiten schwankten, es gab ja Machtansprüche, Kriege wurden geführt, eine Zeitlang stand das Land unter der Herrschaft der Hyksos, nein, die Zeit stand nicht still.

Aber die Religion, das kulturelle Fundament, war felsenfest. Die Sonne, selbst die Abläufe setzend, regierte über die Prozesse des Lebens, und, so gesehen, ist das nicht zwingend religiös, sondern eine überzeitliche Realität, nur daß wir sie aus dem Blick verlieren, mit unseren übersteigerten Technologien, wer braucht Alexa, verabschieden wir uns von den natürlichen Grundlagen des Lebens, unsere Religion, wenn man denn unbedingt nach solchen Strukturen sucht, ist das Maschinenwesen.

Anne stand auf und ging zur Küche, Tee nachzugießen, Yin Zhen, und wartete, daß er gebührend lange zog.

Regen schlug gegen die Scheiben, und wie durch einen Schleier fiel der Blick aus dem Fenster auf das Gohliser Schlößchen.

Das läßt sich so sagen, fuhr Tilman fort, unser Glaube an das Maschinenwesen ist ungebeugt, wir ertragen und fördern eine Digitalisierung, durch die die Zivilisation bei einem Stromausfall in Null Komma nichts in sich zusammenstürzt, ein Kartenhaus, jedoch für diese Gefahren sind wir blind, er lachte, verblendete Eiferer, sagte er, wir stellen uns taub, und ein unvoreingenommener Betrachter möchte meinen, dämonische Kräfte gäben den Ton an.

Tilman lächelte, nahm die Kanne vom Stövchen und schenkte für Anne und für sich Tee ein.

Religiöser Fanatismus, sagte Anne, ist eine der übelsten Plagen, unverbesserlich, plötzlich wollen absonderliche Figuren den Mars besiedeln, sie propagieren eine künstliche Intelligenz und behaupten kühn, es ließen sich selbstfahrende Autos herstellen.

Traumtänzer, sagte Tilman, daß man sich fragt, in welchen Etagen diese Existenzen wohl leben und ob sie überhaupt noch irgend etwas von den Realitäten wahrnehmen.

Anne nahm sich einen Keks, sie hatte ein apartes Schälchen mit einfachen Haferkeksen auf den Tisch gestellt.

Das Maschinenwesen, konstatierte Tilman und griff ebenfalls nach einem Keks, nistet sich beharrlich in den Köpfen ein, verschafft sich in einer nie erlebten Kompromißlosigkeit Geltung und ist im Begriff, der Zivilisation ein abruptes Ende zu bereiten, wir beobachten seine Vorboten in allen Regionen, Feuersbrünste wie Wasserspiele, unaufhaltsam wälzen sie sich heran, tödlich, übermächtig, das Maschinenwesen ist eine Religion des Untergangs, das unterscheidet es von der Religion des alten Ägypten.

| WOLF SENFF

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