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Aus dem Leben außergewöhnlicher Frauen

Sachbuch | Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter

Dagmar von Gerdorffs neue Biographie der Ottilie von Goethe und das nach fast siebzig Jahren veröffentlichte Roman-Manuskript ›Die Unzertrennlichen‹ von Simone de Beauvoir.
Von DIETER KALTWASSER

Das Leben der Ottilie von GoetheDem Geheimen Rath Goethe war sie schon früh aufgefallen; er hatte sich über Ottilies warme Stimme geäußert, die er stets aus allen anderen herausgehört hatte. Die vierzehnjährige Ottilie von Pogwisch überreichte ihm zu seinem Geburtstag einen Blumenstrauß, die »anmutige junge Dame« wurde zum Dank zur Mittagstafel eingeladen, heißt es zu Beginn einer neuen Biographie über Ottilie von Goethe. Als die Söhne Schillers, Karl und Ernst, zu Gast waren, wurde sie wieder zu Tisch gebeten. »Mittags Frl. Pogwisch und beyde Schillers«, notiert Goethe in seinem Tagebuch am 4. Oktober 1812. Die junge Dame war durch ihre lebhafte und gewitzte Unterhaltung ein Gewinn, sie wusste zu gefallen. Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts Fanny Lewald bemerkte einmal feinsinnig über Ottilie, sie sei »eigentlich eine für die Dichtung mehr als für das Leben geeignete Gestalt« gewesen. Sie skizziert in ihrem »Römischen Tagebuch« Ottilie als empathisch und »gänzlich uneitel«.

Dagmar von Gersdorffs Buch ›Die Schwiegertochter – Das Leben der Ottilie von Goethe‹ (Insel, 312 S., 24 Euro) ist ein Meisterwerk biographischen Schreibens. Ihre weiteren großen Porträts sind vor allem den Frauen im Goethe-Umfeld gewidmet. Ottilie, eine geborene Freiin von Pogwisch, kam am 31. Oktober 1796 in Danzig zur Welt. Nachdem sich die Eltern früh getrennt hatten – der Freiherr von Pogwisch hatte durch Grundstücksspekulationen seine Güter und Ländereien verloren und konnte die Familie nicht mehr ernähren – war Ottilies Kindheit von zahlreichen Ortswechseln geprägt, bis die Mutter eine Stellung als Hofdame am Weimarer Fürstenhof erhielt. Dort blieben die beiden Töchter, die zehnjährige Ottilie und die zwei Jahre jüngere Ulrike, weitgehend sich selbst überlassen, ein geregelter Unterricht fand nicht statt. Doch Ottilie war wissbegierig und las wie besessen.

Als ein besonderer Glücksfall, so die Autorin, erwies sich die tiefe Freundschaft mit der fast gleichaltrigen Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen, die ebenfalls aus Danzig stammte und ohne Vater aufgewachsen war. Adeles Mutter Johanna hatte in Weimar einen Salon etabliert, in dem sich Gäste über Literatur und Kunst unterhielten, zuweilen erschien auch Goethe. Adele wird als gebildete und eigenständige junge Frau geschildert, die »ein kluges Tagebuch führte und durchdachte Briefe« schrieb, und obwohl sie nicht ohne Neid auf ihre geistreiche und anmutige Freundin blickte, beseitigte Ottilie mit »überwältigender Liebenswürdigkeit jede Unstimmigkeit.« Die beiden jungen Frauen gründeten einen »Musenverein« und lasen abwechselnd die »Odyssee« und Jean Pauls »Hesperus«, sie schrieben sich Liebesbriefe und Gedichte. Sie wurden unzertrennlich, »kannten keine Geheimnisse voreinander und tauschten sogar ihre Tagebücher aus.« Gerne hätte Adele mit ihrer Freundin ihr ganzes Leben geteilt, doch »Ottilie wich diesem Ansinnen aus«, bemerkt die Biographin. Unter Ottilies zahlreichen Liebesaffären habe sie gelitten, und ihre Verlobung und Heirat mit Goethes Sohn August »hatte sie im Innersten getroffen.« In ihrem Tagebuch befindet sich die Notiz: »Wozu heiraten?« Die Verbindung mit August von Goethe hatte sie als einen gewaltigen Irrtum bezeichnet und ihre Freundin gewarnt: »… dieser harte wilde Mensch, ich weiß, er zerstört Dich noch ganz.«

Ottilie sollte Adele nach ihrer Eheschließung mehr als je zuvor benötigen. 1817, genau ein Jahr nach dem Tode von Goethes Ehefrau Christiane Vulpius, heirateten Ottilie und August. Sie zogen in die Mansarde des Goethehauses am Frauenplan. Des Schwiegervaters zeitweilige Abwesenheiten von zu Hause konnte Ottilie nur schwer ertragen. Ohne ihn seien die Zimmer leer und öde, schrieb sie ihm. Sie hatte August zu Beginn ihrer Ehe gewarnt: »Du weißt, ich liebe den Vater ungewöhnlich – dies in jede Handlung meines jetzigen und zukünftigen Lebens zu legen, ist mir ein Glück, das ich mehr empfinden als aussprechen kann.« Goethe nannte sie zärtlich sein »Töchterchen«.

Wenn man sich fragt, warum Ottilie nicht nur als junges Mädchen, sondern auch als verheiratete Frau von Goethe verzaubert war, argumentiert die Autorin, müsse man eine Erklärung in den Berichten der vielen Besucher finden, die ähnlich beeindruckt waren. Auch was Goethes Dichtung anbelangte, »erwies sich Ottilie als anregendes Echo«, schreibt die Biographin. Es machte ihr Vergnügen, »dem Schwiegervater ihre Einschätzungen mit Geist und Witz zu präsentieren.« In Goethes Tagebuch findet sich der Eintrag: »Nach Tische poetischer Divan mit Ottilien besprochen.« Über seine Beziehung zu Ottilie äußert sich Goethe nicht, »weil das Zarte sich nicht in Worten ausspricht.«

Die Ehe mit August gestaltete sich zunehmend komplizierter; Ottilie flüchtete sich in zahlreiche Liebschaften, wie auch ihr Ehemann, der zudem häufig in den Wirtshäusern von Weimar zu finden war. Ottilie jedenfalls behagte es sehr in der Gunst Goethes, sie bekannte sich zu ihm.

»Am Ende seines Lebens notierte Goethe die gemeinsame Arbeit an »Fausts Zweiter Teil,«, heißt es bei der Biographin. »Das bereits versiegelte Manuskript wird noch einmal geöffnet. 8. Januar 1832: ›Später Ottilie. Sie hatte das, was vom zweyten Teil des Fausts gedruckt ist, gelesen und gut überdacht.‹« Nach seinem Tod zwei Monate später schreibt sie über den Verstorbenen, er allein habe ihre Lebensstunden erheitert: »Er war meine Zeit, denn er füllte sie ganz aus.« Sie hatte ihren Vater verloren.

Nach dem allmählichen Zusammenbruch ihrer Weimarer Lebensverhältnisse, dem Tod Augusts in Rom, dem Scheitern der Karrieren ihrer Söhne Walther und Wolfgang, dem Tode der beiden Töchter Anna Sibylle und Alma, den zermürbenden Streitigkeiten um das Erbe Goethes, hatte Ottilie Wohnsitze auch in Frankfurt, Dresden und Wien. Sie reiste nach Italien und wurde unterstützt von Freundinnen und Frauenrechtlerinnen wie Sibylle Mertens, Anna Jameson und natürlich ihrer Urfreundin Adele Schopenhauer. Immer wieder gerät sie in finanzielle und seelische Krisen. Was bleibt, ist »die Einsicht, zwar Liebe und Freundschaft, Bewunderung und Verehrung, jedoch nie wieder ein Glück wie das im Zusammensein mit Goethe gefunden zu haben.« Ottilie von Goethe stirbt am 26. Oktober 1872 in ihrer alten Mansarde in Weimar.

Die Unzertrennlichen – Roman einer tiefen Freundschaft

Die UnzertrennlichenDer Roman der berühmten französischen Schriftstellerin, Philosophin und Feministin ist ein über Jahrzehnte hinweg unveröffentlichtes Manuskript aus ihrem Nachlass. Er erzählt die bewegende und tragisch endende Freundschaft zwischen Élisabeth Lacoin, von ihrer Familie und Freunden »Zaza« genannt, und Simone de Beauvoir. Dass dieses Manuskript unentdeckt blieb, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Jean Paul Sartre es als zu intim für eine Veröffentlichung befand. Beauvoirs Adoptivtochter und Erbin Sylvie le Bon hat es nach siebzig Jahren zur Veröffentlichung freigegeben und macht einen frühen Text des modernen Feminismus somit endlich zugänglich.

In ihrem subtilen Vorwort beschreibt Sylvie le Bon die erste Liebe der zehnjährigen Simone mit den Worten, »sie selbst erkennt die frühzeitige Offenbarung natürlich nicht, nur für uns, die Zeugen, ist sie so ergreifend.« Die Zwiegespräche mit ihrer Freundin bedeuten ihr unendlich viel, sie reden miteinander, wie Simone nie zuvor mit jemandem geredet hat. Zaza stirbt einen Monat vor ihrem 29. Geburtstag im Jahr 1929. Für Simone de Beauvoir war der Verlust eine Katastrophe. Vier Mal hat die Schriftstellerin versucht, die Geschichte dieser Freundschaft in Literatur zu bannen, zuletzt 1958 in ihrer Schrift »Memoiren einer Tochter aus gutem Hause«. Die Freundin starb einer viralen Enzephalitis, lautete der medizinische Befund. Für Simone war es eine »Verkettung unheilvoller Umstände, die das Leben ihrer Freundin zuschnürte; Zaza sei »daran gestorben, dass sie außergewöhnlich war.«

In ihrem autofiktionalen Roman heißen die beiden Freundinnen Sylvie (Simone de Beauvoir) und Andree (Zaza). Andree ist natürlich, gewitzt und selbstbewusst und hebt sich wohltuend von dem herrschenden Konformismus ihrer Zeit und dem katholischen Institut, in das sie beide gehen, ab. Als die sensiblen und begabten Mädchen im Alter von neun Jahren zu Sitznachbarinnen werden, erkennen sie einander als Seelenverwandte. Vor allem Sylvie entwickelt schnell ein inniges Verhältnis zu Andree.

Die Freundinnen werden von ihren Lehrerinnen »die Unzertrennlichen« genannt. Doch der Weg Andree ist vorgezeichnet durch den strengen Katholizismus ihrer Familie; dieser führte entweder in die Ehe oder ins Kloster. Ein Verhältnis zu ihrem Cousin wird ebenso unterbunden wie der Wunsch einer Vermählung mit Pascal Blondel (im wirklichen Leben Maurice Merleau-Ponty). Zudem wird Andree erdrückt von familiären Verpflichtungen.

Die »Unzertrennlichen« ist die Geschichte der Auflehnung zweier Mädchen und jungen Frauen gegen die Konventionen und den Konformismus der 20er Jahre. Anders als Sylvie vermag es Andree jedoch nicht, sich gegen den strenggläubigen Katholizismus ihrer Mutter durchzusetzen. Der Roman ist ein literarisches Kleinod!

Titelangaben
Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter
Das Leben der Ottilie von Goethe
Berlin: Insel Verlag 2021
312 Seiten, 24 Euro
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Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Hamburg: Rowohlt Verlag 2021
167 Seiten, 22 Euro
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