//

»Farb«

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Farb

Du erinnerst dich an Farb?

Vom Toten Meer?

Es heißt, er sei Gramner dort begegnet, sie hätten mit Sergej aus Murmansk Backgammon gespielt.

Wer erzählt so etwas? Möglich wäre es, die zwei sind aus ähnlichem Holz, Farb ist ein schräger Vogel.

Die Wellen schlagen hoch, Anne.

So ist es.

Farb sieht die Dinge wenig rosig, er wird keinen Ruhm ernten.

Er sieht schwarz?

Er sieht schwarz, absolut. Die Zukunft, sagt er, liege vor uns wie ein offenes Buch, da sei nichts falsch zu verstehen, es gelte lediglich eins und eins zu addieren, das könne nicht schwierig sein.

Er spottet?

Es gäbe, sagt er, unter den Prognosen diejenigen, die globale Verteilungskriege fürchten, in denen es um die verbliebenen Reichtümer des Planeten gehe, was wisse er, Ölvorkommen etwa unter dem Eis der Arktis, Bodenschätze im tauenden Permafrostboden, seltene Erden, und dabei möchte man gern auf Seiten der Sieger sein, also sich langfristig orientieren und sich Alternativen offenhalten, verstehst du, wie auch immer, man wiegt sich in der Illusion von Wachstum und Fortschritt.

Anne lächelte amüsiert. Diese Habgier sei weder neu, Tilman, noch sei sie ein Thema der Zukunft. Wenn Farb nicht mehr zu bieten habe, werde er nicht weit kommen.

Zweitens spreche er allgemein von denen, die sich flexibel halten wollen, unsere Krösusse, individuell flexibel, verstehst du, also mehrsprachig sein und Wohneigentum in diversen Weltgegenden pflegen, in die sie ausweichen können. Immer vorneweg, immer auf der Höhe der Zeit, was auch geschehen mag: Stromausfälle, Havarie eines AKW, Sturm- oder Hochwasserschäden, Vulkanausbrüche, Erdbeben – man müsse in internationalen Zirkeln verwurzelt sein, sagen sie, um Nischen zu suchen, unversehrte Aufenthaltsorte.

Anschluß an den Jet-Set, medial verlinkt sein, Seilschaften bedienen, Tilman? Das geschieht doch längst, du siehst es am deutlichsten bei den  Balltretern, einer exklusiven, weltweit vernetzten, steinreichen Szene, die jene Verhältnisse öffentlich abbildet, die in anderen Bereichen diskret unter dem Teppich gehalten werden.

Tilman lehnte sich zurück, nahm einen Marmorkeks und trank einen Schluck Tee.

Farb hält ein Überleben für unwahrscheinlich, Anne, die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt er, aber sie stirbt, die Situation sei anders als bei Gramner auf seinem Walfänger im neunzehnten Jahrhundert, der das Geschehen der ›Moderne‹ unbefangen aus zeitlicher Distanz kommentiere. Farb hingegen stecke mittendrin in den Dekaden des Untergangs und erlebe unmittelbar, daß die klimatische Balance sich verlagere und dem Leben, wie er es kenne, keine Heimstatt mehr biete, das Sterben, sagt er, werfe seinen dunklen Schatten.

Damit dürfte er recht haben.

Die Industriegesellschaft lebe von aggressivem Raubbau an den Schätzen des Planeten, sie habe sich global ausgebreitet, habe die Herstellungsketten lückenlos etabliert und letztlich den Menschen in ihre Produktionsabläufe integriert, das, sagt Farb, sei der vernichtende Charakter des Maschinenwesens.

Ausweglos, fragte Anne.

Die destruktive Radikalität des Vorgehens, seine eindimensionale Prägung, sein totalitärer Charakter würden, sagt Farb, alle abweichenden Formen verdrängen, und die betörende Schönheit und Vielfalt des Lebendigen würden kalten Herzens verringert, bis schließlich die urwüchsigen Mächte des Planeten sich herausgefordert sähen, gegen das Maschinenwesen zu reagieren, doch das, sagt Farb, höhnisch lächelnd, werde ein posthumanes Zeitalter sein, Farb halte Vorträge, sagte Tilman, sie träfen mitten ins Herz und würden die Menschen begeistern.

Er versetzt sie in Panik.

Der Mensch, sofern er es je konnte, sagt Farb, agiere nicht, sondern er reagiere – lösche Feuer, errichte Dämme gegen Hochwasser, ergreife Maßnahmen gegen Stromausfälle, repariere marode Verkehrswege und sei trotz allem nicht in der Lage, seine Lebenswelt instandzuhalten, er werde zu einem Zaungast von Zerfallsprozessen.

Er sei gescheitert und schaffe sich ab.

Er flüchte.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aus dem Leben außergewöhnlicher Frauen

Nächster Artikel

Großer Spaß ohne große Worte

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Der Nachbar »erklärt« uns den Krieg

Kurzprosa | Éric Vuillard: Ballade vom Abendland Ist es nicht vielleicht symptomatisch für ein verändertes Geschichtsverständnis, dass wir neuerdings unseren »Nachbarn« die Lehrerrolle zukommen lassen, wenn es heißt, über das letzte Jahrhundert und insbesondere die beiden Weltkriege nachzudenken? So regte der Brite Christopher Clark mit seinen Schlafwandlern eine Diskussion über die Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg an. Es durfte uns – oder besser den Berliner Abgeordneten im Bundestag – der deutsch-französische Politologe Alfred Grosser zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erklären, was die Geschichte der beiden Nachbarvölker unterscheidet. Und nun erzählt uns auch noch der französische Autor Éric Vuillard

Harmonie

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Harmonie

Die titanischen Kräfte, aufgeschreckt, sagte Termoth, würden ihre Ruhezonen verlassen, es sei notwendig geworden, das Universum der Lebendigen neu zu arrangieren, denn das Maschinenwesen habe sich ausgebreitet, habe sein verheerendes Gift technologischer Innovationen gestreut und drohe nun das harmonische Gleichgewicht endgültig zu destabilisieren.

Titanische Kräfte, fragte Harmat.

Eine lange Geschichte, sagte Gramner.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Touste schlug Akkorde auf seiner Gitarre an.

LaBelle summte eine Melodie.

Der Ausguck erhob sich, tat einige Schritte und löste sich in der Dunkelheit auf.

Was hatte er dauernd mit seinem Salto, er tue sich wichtig, überlegte Crockeye.

Wie von ferne drang sanft das Rauschen des Ozeans bis zur Ojo de Liebre.

Stromausfall

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Stromausfall

Wenig vielversprechend, nein, vorbei, gute Laune war gestern.

Wie meinst du das, Wette?

Für gute Laune gibt es keinen Grund, nirgends.

Weshalb?

Sieh dich einmal um, Farb.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das Gespräch stockte.

Kulturrevolutionen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturrevolutionen

Er habe nachgedacht, räumte Farb ein, er sei neugierig geworden und habe sich informiert.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb warf einen Blick auf seine Tasse, er war vernarrt in den zierlichen rostroten Drachen, nur den Henkel, der sich im oberen Teil gabelte, fand er unpassend.

Tilman war ungeduldig. Farb hätte sich über Echnaton informiert? Wikipedia als Einstieg zum alten Ägypten?

Sut mahnt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut mahnt

Leichen zu zergliedern, ein ungewöhnliches Thema, ob es mit Organspenden zu tun habe, das habe den Menschen immer schon beschäftigt, weshalb, man möchte darüber gar nicht nachdenken, sagte Sut, die Tatsachen seien abgründig, bewegten sich in erschreckend anderen Welten, stellt euch vor, man versetzte uns in ein anatomisches Theater, wie es einst üblich gewesen sei, ein Aufreger, Anatomie als ein Erkenntnisvorgang, die Zergliederung einer menschlichen Leiche als schauriges Event inszeniert, wohlige Gänsehaut, andere Zeiten, andere Sitten, ein kollektives Todesspektakel.

Sanctus konnte keine Sekunde länger zuhören.

Sogar Crockeye wandte sich ab.

Ekelhaft, sagte LaBelle.