/

Literarischer Etappenfahrer

Menschen | Zum Tod des österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth

»Ich leb‘ jetzt viel lieber als früher, mir gefällt auf einmal der Alltag, der mich früher überhaupt nicht interessiert hat. Jetzt gefällt mir alles ununterbrochen«, hatte der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth mit leicht altersversöhnlichem Tenor vor einigen Jahren erklärt. Bis zum Schluss schrieb und fotografierte er mit ungebrochenem Elan. Von PETER MOHR.

Ein Foto des Autors Gerhard Roth, der vor einer Bücherwand an einem Tisch sitzt»Seit seiner Kindheit war ihm klar, dass ihn ein Universum der Gleichgültigkeit umgab«, erfahren wir zu Beginn von Gerhard Roths Roman ›Der Berg‹ (2000) aus den Gedanken der Hauptfigur Viktor Gartner. Gegen jene Form der Gleichgültigkeit ist der österreichische Schriftsteller vehement literarisch zu Felde gezogen. In den 1980er Jahren hat er sich in seinem siebenbändigen Monumental-Epos ›Archive des Schweigens‹ mit der literarischen Aufarbeitung der österreichischen Geschichte befasst.

Roth war ein »literarischer Etappenfahrer« mit gewaltigem erzählerischen Stehvermögen. Seine Romane bauen aufeinander auf, ergänzen sich und enthalten unzählige Querverweise. Mit dem 2011 erschienenen Monumentalepos ›Orkus‹ hatte er eine Art »Zwischenbilanz« gezogen und seine beiden opulenten Erzählzyklen beendet.

Gerhard Roth, der am 24. Juni 1942 in Graz als Sohn eines Arztes geboren wurde, studierte nach dem Willen seines Vaters zunächst Medizin, brach aber früh sein Studium ab. Fasziniert von Wolfgang Bauer, dem literarischen Lokalmatador seiner Heimatstadt Graz, veröffentlichte er in den frühen 70er Jahren zunächst experimentelle Prosa. »Ich wollte allen Ernstes unverständlich schreiben. Nicht verstanden werden«, erklärte Roth einmal im Rückblick auf seine literarischen Anfänge.

Leichte Kost waren seine Romane allerdings nicht. Ein Hauch von Rätselhaftigkeit war zu Roths Markenzeichen geworden. Seine ausschweifende Erzählweise mit Exkursen in die Welt der bildenden Künste, der Psychiatrie, der Philosophie und der Geschichte machte es den Leser nicht immer einfach, dem erzählerischen Faden zu folgen.

Ein großzügiger Vorschuss des S. Fischer Verlags hatte es Gerhard Roth ermöglicht, sich ganz auf seine schriftstellerische Arbeit an den »Archiven des Schweigens« zu konzentrieren. 1980 erschien als erster Band des Zyklus‘ ›Der stille Ozean‹. Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Zyklus‘, in dem Fiktion und (auch fotografische)
Dokumentation ineinander fließen, ist das 1984 erschienene 800-Seiten-Buch
›Landläufiger Tod‹.

Seit knapp vierzig Jahren lebte Roth – Vater von vier Kindern (darunter der Regisseur Thomas Roth, der auch Drehbücher seines Vaters verfilmte) – mit seiner Frau abwechselnd auf einem alten Bauernhof in der Südsteiermark und in Wien. Die steirische Hügellandschaft an der Grenze zu Slowenien, deren Bewohner und die von Roth dort zusammengetragenen Anekdoten haben ebenso Eingang in seine Bücher gefunden wie das rege gesellschaftliche Treiben in der österreichischen Hauptstadt. Zudem bediente sich der Autor bei seiner Arbeit eines umfangreichen Fotoarchivs, das für ihn die Funktion eines literarischen Notizblocks übernommen hat.

Zuletzt war von Roth der Roman ›Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe‹ erschienen. Darin geht es um den mysteriösen Unfalltod eines Zeichners in Venedig. Für den 25. Mai hat Roths Verlag S. Fischer die Veröffentlichung des dystopischen Romans ›Der Imker‹ angekündigt, der nun zum literarischen Vermächtnis geworden ist.

Gerhard Roth, der im Laufe der Jahre mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde (u.a. 2003 mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien), war einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Österreichs, fast schon ein Klassiker zu Lebzeiten. Am Dienstag ist er im Alter von 79 Jahren in seiner Heimatstadt Graz gestorben.

| PETER MOHR
| Foto: Philipp Horak., Gerhard Roth, CC BY-SA 3.0 DE

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Identitätssuche

Nächster Artikel

Kondo dich glücklich!

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

»Bin ein tieftrauriger Mensch«

Menschen | Vor 150 Jahren wurde die Dichterin Else Lasker-Schüler geboren »Ich bin keine Zionistin, keine Jüdin, keine Christin, ich glaube aber ein Mensch, ein sehr tieftrauriger Mensch«, schrieb die Dichterin Else Lasker-Schüler 1940 in einem Brief an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Dieser Zwiespalt durchzieht sowohl die Vita als auch das literarische Werk wie ein roter Faden. Ein Porträt von PETER MOHR

»Die Federn des Carl Barks«

Comic | ›Disney‹-Zeichner Ulrich Schröder im Interview 17 Jahre lang hat Ulrich Schröder als Art Direcor für ›Disney‹ gearbeitet. Dabei hat er nie eine Zeichenausbildung absolviert – und seine Liebe zu Comics entsprang einem Unfall. Parallel zur Veröffentlichung des deutschen ›Micky Maus Magazins 7/8 2017‹, für das er das Covermotiv beisteuert, sind seine Werke in Würzburg zu sehen. CHRISTIAN NEUBERT traf Ulrich Schröder zum Interview.

130 Jahre Wissenschaft und kulturelle Bildung

Live | Zum 130. Geburtstag der ›Urania‹: Verleihung der ›Urania‹-Medaille an Dr. Ulrich Bleyer »Er ist ein Klartexter, unaufgeregter Idealist, Optimist und bekennender Nicht-Nörgler«, so Prof. Harald Lesch über Dr. Ulrich Bleyer, den amtierenden Direktor der gemeinnützigen Bildungseinrichtung ›Urania‹. »Er ist stets dem Fach, der Sache und dem Menschen verpflichtet.« Nach 23 Jahren Amtszeit gibt Dr. Ulrich Bleyer (67) im April den Staffelstab an seinen Nachfolger Ulrich Weigand weiter – und erhielt am 05. März 2018 die höchste Auszeichnung der ›Urania‹. ANNA NOAH über die Idee der »Wissenschaft für alle«.

Klare fotografische Ansagen

Sachbuch | Scott Kelbys Reisefoto-Rezepte

Dieses Buch – so der Autor, dessen Ratgeber seit Jahren weltweit in Sachen digitaler Fotografie und für Adobe-Produkte am meisten verkauft werden – schreibe er so, als wäre er mit Ihnen allein unterwegs, irgendwo, an einem »fantastischen Ort«, zum Beispiel Paris. Das klingt doch gut. Den ganzen »technischen Kram« wolle er dann weglassen. Wie das geht und ob es funktioniert, das hat sich BARBARA WEGMANN in dem Buch angeschaut.