Mit Wunderaugen unterwegs

Ein kleines Mädchen erklärt: »Heute will ich in den Zoo gehen.« Wer ihr auf dem Weg durch die Stadt folgt, wird staunen, findet ANDREA WANNER.

Eine Frau sitzt an einem Cafétisch und schaut in ihr Handy. Neben ihr sitzen zwei Pandabären und betrachten sie.Eigentlich stellt man sich die Geschichte ganz einfach vor: einen Gang durch die Straßen einer belebten Stadt bei gutem Wetter mit einem Ziel, dem Tierpark. Und da erwarten die Kleine dann die Tiere. Aber irgendwie irritiert dann schon die erste Doppelseite. Da sehen wir sie mit blau-weißem Ringelshirt und sonnengelbem Rock in einer blasslila Umgebung, die mit Bleistiftstrichen eine Szene in einem Straßencafé andeutet: Menschen mit Tassen und Gläsern an kleinen, runden Tischchen, Poller trennen den Bereich von der Straße ab. Was das Bild dominiert sind vier Flamingos, überdimensioniert in pastelligem Pink. Und wir erfahren, dass sie als Wegweiser fungieren, »Wo es langgeht«. Die übrigen Schilder sind nicht dazu geeignet, sich in der Stadt zurechtzufinden, sondern vielmehr im Leben der unternehmungslustigen jungen Dame. »Kindergarten«, »Schule«, »Ballett«, »Max«, »Klavier«, »Spielplatz«, »Park«, »Bäckerei«, »Haus«, »Julchen«, »Oma+Opa« sind offensichtlich Orte, die zu ihrem Leben gehören und eine Bedeutung haben. Aber wohin ist sie nun eigentlich unterwegs?

Die in der Ukraine geborene Künstlerin Alexandra Prischedko, die Kommunikationsdesign an der Hochschule in Trier studiert hat, schafft eine luftig-leichte Fantasiewelt, in der sich Traum und Realität überlagern. Der Weg ist das Ziel und die Zootiere werden in die Alltagsbilder des städtischen Treibens integriert. So zeigt das nächste Bild, dieses Mal mit zartem Türkishintergrund, das Café von vorn und lädt zum Mitraten ein: »Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist gestreift«.

Also – schauen wir mal! Gestreift sind die Stühle des Cafés, gestreift ist die Markise über den Fenstern, die das barähnliche Innere zeigen, gestreift ist der Zebrastreifen, mit dessen Hilfe das Mädchen wohl die Straße überquert. Aber gestreift sind natürlich vor allem die fünf Zebras, die sich zwischen den Tischchen verteilen und das Treiben beobachten. Und so geht es weiter. Die Ich-Erzählerin lässt sich treiben, kommt am Schaufenster einer Boutique vorbei, in der die Figuren schemenhaft zu erkennen sind. Das helle Wasserblau lässt das Bild fast wie den Blick in ein Aquarium wirken – und klar: Hier ist ein Schwarm leuchtend gelborangefarbener Schleiergoldfische unterwegs.

Wundervoll, wie Worte und Redewendungen – hier war es der Strom, dem das Mädchen gefolgt ist – oder Bilder wie die Assoziation der Sonnenbrille beim Anblick der dunkel umrahmten Augen der Pandabären, zum Anlass für kreative Verwandlungen werden. Die Sonnenschirme verwandeln sich in den Körper von Quallen, langsames Bummeln zaubert Schnecken herbei, die Rutsche im Park wird mit dem gebogenen Rüssel eines Elefanten oder den Hälsen von Schwänen assoziiert und man kann sich problemlos vorstellen, so in die Tiefe zu sausen.

Affen, ein Faultier, Lamas: Was gibt es nicht alles zu entdecken. Ganz ohne Gitter und abgetrennte Gehege, sondern durch die Kraft der Imagination – ganz nah, ganz selbstverständlich.

Es ist ein zauberhaftes Buch, das sich nach und nach erschließt, das seine Betrachter und Betrachterinnen fordert und sie, wenn sie sich darauf einlassen, reich beschenkt. Und das mit einer Frage endet, die neugierig macht und die Vorstellungskraft herausfordert: »… und was mache ich morgen?«

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Alexandra Prischedko: Was macht ihr denn da?
Birkenwerder: Edition Bracklo 2022
32 Seiten, 22 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
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