Nächtliche Geister

Kinderbuch | August Kopisch: Die Heinzelmännchen zu Köln

Jeder kennt sie, in vielen Buchausgaben hat man ihre Geschichte erzählt, man hat ihnen auch schon ein Denkmal gesetzt in Köln, ihrer Heimatstadt. Und vermutlich hoffen die Kölner noch heute insgeheim auf ihre Rückkehr, irgendwann vielleicht, und sie wünschen sich: »Ach, dass es noch wie damals wär‘!« Von BARBARA WEGMANN

Das Bild zeigt viele kleine Heinzelmännchen bei der Verrichtung von Handwerksarbeiten. Im Hintergrund ist der Kölner Dom zu sehen.Meine frühe Kindheit habe ich in Köln verbracht, und meine Großmutter erzählte mir immer die Geschichte der »Heinzelmännchen zu Köln«. Lange glaubte ich tatsächlich, dass sie nachts irgendwann auch zu uns kämen. Es ergab sich leider nicht. Dafür machten die kleinen Wichte international Karriere, sie finden sich in unzähligen Veröffentlichungen, man erhält sie als Backfiguren, eine musikalische Widmung wurde ihnen zuteil, und sie landeten sogar auf einer Briefmarke. Schließlich sollen sie auch als Vorlage für die unsterblichen Gartenzwerge gedient haben. Für die Stadt Köln, ohne Frage, eine zeitlos attraktive Werbung, denn die Geschichte der kleinen, zauberhaften, nächtlichen Hausgeister, die nie jemand gesehen hat, ist einfach zum Verlieben. Und gern erinnern sich nicht nur die Kölner:

»Wie war zu Köln es doch vordem
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn war man faul, man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich.«

Und dann kamen sie. Des Nachts erledigten sie alle Hausarbeiten von Putzen bis Reparieren, Nähen und Backen. Sie schafften bei Winzer, Fleischer und Zimmermann. Und wachte der Kölner morgens auf, »war all sein Tagewerk bereits gemacht!« Und es hätte ewig so paradiesisch weitergehen können, hätte es da nur nicht eines Tages des Schneiders so neugieriges Weib gegeben …

Die Vorlage der Heinzelmännchen war vermutlich eine alte Sage von Ernst Weyden aus der Sammlung der Brüder Grimm. Aber so richtig bekannt wurde die Geschichte der kleinen Wichtel, die sich durch Fleiß und Zipfelmütze auszeichnen, in der gereimten Form, und die geht auf den Maler und Dichter August Kopisch zurück. Das war 1836.

Die kleinen Zwerge und ihre nächtliche Mission haben etwas ewig Aktuelles: ach, wäre es doch schön, wenn es solche Geister und Helfer für ungeliebte Arbeiten, für zu viel Arbeit, die man nicht mehr zu bewältigen scheint, für Arbeit, die unter Termindruck fertig werden muss, gäbe. Helfer, die in der Dunkelheit ungefragt und unbezahlt, ohne Vertrag und ohne Anstellung einfach einem die Bürde abnähmen.

Die so populäre gereimte Fassung von August Kopisch, die ich früher in der Schule noch auswendig lernen musste, ist bekannt und jedem im Ohr. All die Wortspiele, die plakativen Aufzählungen der Wichtel-Arbeiten, sind allein schon ein sprachlicher Genuss.

»Da kamen bei Nacht,
eh‘ man’s gedacht,
die Männlein und schwärmten
und klappten und lärmten
und rupften und zupften
und hüpften und trabten
und putzten und schabten,
eh‘ noch ein Faulpelz erwacht,
war all sein Tagwerk bereits gemacht!«

Was diese Geschichte aber schmückt und noch attraktiver macht, als ihr Text sein kann, was sie zu einer absolut liebenswerten Buchausgabe macht, sind die be- und verzaubernden Illustrationen von Dušan Kállay. Der aus der Slowakei stammende und mit vielen Preisen ausgezeichnete Künstler hat sich der Wichtel-Geschichte mit ausgiebiger Liebe zum Detail angenommen. Gekonnt spiegelt er den Wortwitz Alfred Kopischs in vielen Situationen wider, bunt, bewegt, lustig und liebevoll.

Trotz schwerer Arbeit sind es stets freudige und zufriedene Gesichter. Bilder aus dem Weinkeller, der Bäckerei, der Schneiderei, dem Schlachthaus, von Baustellen und von Zuhause. Bilder, die noch viel mehr erzählen als der Text. Bilder, in denen man lange verweilt. Bilder, die die gleiche Fröhlichkeit, Energie und das große Temperament ausstrahlen, wie jede Zeile der Ballade. Von daher ist hier eine absolut gelungene Symbiose von Text und Illustration entstanden und gelungen. Hier passt eins zum anderen, hier unterstreicht eins das andere, und beides vermischt sich zu einem ganz liebenswerten Buch.

Und wer weiß: Hätte des Schneiders Weib mit seiner Neugier und hinterlistigen Art die bereitwilligen Helfer nicht auf so hässliche Art einst vertrieben, so gäbe es sie vielleicht heute noch. »Doch die schöne Zeit, sie kommt nicht mehr.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
August Kopisch: Die Heinzelmännchen zu Köln
Illustriert von Dušan Kállay
Zürich: Minedition 2022
32 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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